09. Juni 2020 / 09:07 Uhr

Recherche zu Schmerzmittel-Missbrauch im Fußball: DFB-Präsident Keller reagiert schockiert

Recherche zu Schmerzmittel-Missbrauch im Fußball: DFB-Präsident Keller reagiert schockiert

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
DFB-Präsident Fritz Keller hat sich besorgt über den weit verbreiteten Missbrauch von Schmerzmedikamenten im Fußball geäußert.
DFB-Präsident Fritz Keller hat sich besorgt über den weit verbreiteten Missbrauch von Schmerzmedikamenten im Fußball geäußert. © Thomas Boecker/DFB/Pool/MIS/Montage
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DFB-Präsident Fritz Keller hat sich schockiert über Recherche-Ergebnisse von "Correctiv" und der ARD-Dopingredaktion geäußert. Schmerzmittel präventiv einzunehmen, wie es im Amateurfußball und bei den Profis wohl verbreitet ist, sei "einfach Dummheit".

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DFB-Präsident Fritz Keller hat sich besorgt über die Recherche-Ergebnisse des Zentrums Correctiv und der ARD-Dopingredaktion zum einem Missbrauch von Schmerzmitteln im Profi- und Amateurfußball geäußert. "Schockierend ist, dass es auch im Amateurfußball passiert", sagte Keller der ARD. „Ich wusste, dass das Problem besteht, aber das präventiv einzunehmen, ist einfach Dummheit.“ Er wolle nun über die Landesverbände und über die Trainer eine Sensibilisierung schaffen. Denn der Sport im Amateurbereich sei "zur Gesunderhaltung gedacht und nicht dafür, dass man sich kaputt macht", betonte Keller.

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Der TV-Sender stellt die Recherchen am Dienstag ab 22.45 Uhr in der Dokumentation "Hau rein die Pille" vor, zudem hat Correctiv online bereits umfangreich berichtet. Das Recherchezentrum hat eine nicht repräsentative Umfrage zum Schmerzmittelkonsum im Amateurfußball unter 1142 Fußballspielern durchgeführt. Diese zeigt, dass nicht unbedingt das große Geld eine Rolle spielt. Von den Befragten gaben 47 Prozent an, mehrfach in einer Saison zu Schmerzmitteln zu greifen; 21 Prozent nahmen Präparate mit Wirkstoffen wie Ibuprofen oder Diclofenac einmal pro Monat oder öfter.

DFB kündigt erste Maßnahmen gegen Schmerzmittel-Missbrauch an

Der DFB hat auf die Besorgnis seines Präsidenten bereits reagiert und wenige Tage vor der Veröffentlichung gegenüber Correctiv erste Maßnahmen angekündigt. So teilte ein DFB-Sprecher mit, man plane mit Blick auf die Sensibilisierung in den Amateurvereinen eine digitale Vereinssprechstunde mit dem Schmerzexperten Toni Graf-Baumann zum Thema Schmerzmittelkonsum. Zudem sollen Gespräche mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung stattfinden.

Das sind die Vorgänger von DFB-Präsident Fritz Keller

Fritz Keller (links) ist der designierte DFB-Präsident: Theo Zwanziger (zweiter von links), Wolfgang Niersbach
 (dritter von links) und Egidius Braun (rechts) gehören zu seinen Vorgängern. Zur Galerie
Fritz Keller (links) ist der designierte DFB-Präsident: Theo Zwanziger (zweiter von links), Wolfgang Niersbach (dritter von links) und Egidius Braun (rechts) gehören zu seinen Vorgängern. ©

Graf-Baumann prangert seit vielen Jahren diesen alarmierenden Missbrauch an, zu dem auch die vorbeugende Einnahme von Mitteln zählt. „Da läufst Du gegen Mauern“, sagte der Ex-Berater des Weltverbandes FIFA und Mitglied der Anti-Doping-Kommission des Deutschen Fußball-Bundes. "Da spielen das Geld, die Sponsoren, die ausufernden Gehälter und auch die Medien eine viel größere Rolle für die Sportverbände als die medizinische Vernunft."

Union-Profi Subotic: "Ibuprofen wie Smarties gegessen"

In der Dokumentation kommt auch Profi Neven Subotic von Union Berlin zu Wort - der einzige aktuell bei einem Bundesligisten unter Vertrag stehende Spieler, der sich zu dem Thema äußern wollte. Das Medikament Ibuprofen werde in den Mannschaften "wie Smarties gegessen", hatte der frühere Dortmunder unter anderem gesagt. Jonas Hummels, Bruder von BVB-Profi Mats, spielte bis 2016 beim Drittligisten SpVgg Unterhaching und musste seine Karriere 2016 wegen Knieproblemen vorzeitig beenden. "Du kannst mir neun Mal sagen: 'Du nimmst zu viel Schmerzmittel, lass es!' Ich höre neun Mal weg", sagte Jonas Hummels.

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Schmerzmittel zu nehmen, ist im Sport nicht untersagt und steht nicht auf der Verbotsliste der Welt-Anti-Doping-Agentur. Dabei erfüllen die Mittel zwei Kriterien, die für eine Aufnahme in die Liste sprechen. „Die Kriterien Leistungssteigerung und Gesundheitsgefährdung sind erfüllt“, urteilte Hans Geyer, Biochemiker im Doping-Analyselabor in Köln. „Nach meiner Auffassung widerspricht es auch der Ethik des Sports, wenn man nur mit Schmerzmitteln Sport treiben kann.“