31. Mai 2019 / 21:52 Uhr

Regionalliga-Aufstieg jetzt? BSG-Hardcore-Fans geben sich gelassen

Regionalliga-Aufstieg jetzt? BSG-Hardcore-Fans geben sich gelassen

LVZ
Leipziger Volkszeitung
Die Anhänger der BSG Chemie Leipzig gelten als äußerst verrückte Fans...
Die Anhänger der BSG Chemie Leipzig gelten als äußerst verrückte Fans... © Christian Donner
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Steigt Chemie Leipzig am Sonntag in die Regionalliga auf? Dietrich Senf vom Fanclub Delitzsch befindet sich zwischen Ruhe und Aufregung.

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Leipzig. Es brodelt schon seit Tagen draußen im Leutzscher Holz. Der Aufstieg und damit die Rückkehr in die viertklassige Regionalliga ist möglich. Die als besonders begeisterungsfähig bekannten Chemie-Fans fiebern auf das (vor)entscheidende Spiel der BSG gegen den FC Eilenburg (Sonntag, 14 Uhr, Alfred-Kunze-Sportpark) hin. Seit über 50 Jahren mit viel Herzblut dabei ist Dietrich Senf (60). Er gehört dem ältesten Fanclub von Chemie, dem „Fanclub Delitzsch“, an.

Besuch in der einem Museum gleichenden Wohnung des Hardcore-Chemikers, der alles sammelt, was mit Chemie zu tun hat und die grün-weißen Farben trägt. Wimpel, Gläser, Anstecknadeln, Kissen, Bilder – was es eben so gibt. „Es ist nicht immer erfreulich, was da an Preisen aufgerufen wird. Aber sammeln ist auch leiden“. Vor dem Spiel und dem möglichen Aufstieg gibt sich Dietrich betont gelassen: „Wir sind das doch gewohnt. Wir haben so viele Auf- und Abstiege hinter uns, da wirft uns das nicht aus der Bahn“. Seit 1967 ist er dabei, als ihn ein paar ältere Freunde seines Bruders mit ins Zentralstadion nahmen, wo im Rahmen der Friedensfahrtankunft die BSG Chemie gegen Derby County spielte. Vor 40 000 Fans verloren die Chemiker mit 1:2, doch Dietrichs Herz schlug von nun an grün-weiß.

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Der 1. FC Lok Leipzig hat das Leipziger Derby gegen die BSG Chemie mit 1:0 gewonnen und zieht in die nächste Pokalrunde ein. Zur Galerie
Der 1. FC Lok Leipzig hat das Leipziger Derby gegen die BSG Chemie mit 1:0 gewonnen und zieht in die nächste Pokalrunde ein. ©

Bald emanzipierte sich Klein-Dietrich und hing dann irgendwann mit dem Fanclub Delitzsch ab, der sich 1977 gründete. Schnell merkte er: Chemiker müssen leidensfähig sein. Aufstiegsrunden mit und ohne Erfolg, Abstiegskampf in der Oberliga, unverstandene Schiedsrichterpfiffe gegen die Seinen, Niederlagen gegen den Ortsrivalen – die Liste ist lang. Sehr lang. Nach der Wende wurde alles noch viel schlimmer, Profilneurotiker und Schnellboot-Kapitäne gaben sich die Klinke in die Hand. Aus dem System-Underdog wurde eine Lachnummer.

Aufstieg soll Highlight der Entwicklung sein

Seit zehn Jahren nun haben die Leutzscher ihren Stolz wieder, spätestens nach Beginn des Spielbetriebes 2008. Aus jener Zeit rührt das letzte Trauma des Dietrich S.: „Als sich dann auch noch die SG Leipzig-Leutzsch gründete und die grün-weißen Farben blamierte, war das Ende der Leidensfähigkeit fast erreicht. Das hat doch kein Außenstehender mehr verstanden – und wir auch nicht“. Die Ego-Show einiger weniger hatte sich trotz Unterstützung durch die Stadt schnell erledigt, die BSG setzte sich mit seriöser Arbeit durch – und steht nun vor dem vorläufigen Höhepunkt ihrer Entwicklung: dem erneuten Aufstieg in die Regionalliga.

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Den Anspruch der Chemie-Fans formuliert Dietrich vorsichtig-realistisch: „Es reicht uns die Regionalliga, da muss man realistisch sein. Ich glaube nicht, dass für eine 3. Liga die Auflagen erfüllbar wären. Und einen Umzug in ein anderes Stadion müssen wir uns nie wieder antun.“ Gegen die nach einem Aufstieg dann wieder namhafteren Gegner würde es schwer genug, prophezeit er. Schön sei, dass dann Vereine kämen, die ebenfalls viele Zuschauer haben. „Uns steht doch dann ein erstes tolles Jahr bevor. Da können wir sicher auch bestehen, ohne größenwahnsinnig zu werden. Wir haben einen Vorstand, der das umsetzen kann.“ Die Verantwortlichen hätten ihre Hausaufgaben gemacht, glaubt Dietrich, er vertraue ihnen, er habe sie als Vereins-Mitglied ja auch gewählt.

Nun aber erst gegen Eilenburg. Wie optimistisch ist man nach all den Erfahrungen einer langen Fan-Karriere? „Ich gehe davon aus, dass wir es gleich im ersten Schritt gegen Eilenburg schaffen. Ich bin noch nie zu einem Chemiespiel gegangen und habe gesagt, heute verlieren wir. Mir wäre vor allem lieb, die Jungs regeln das jetzt, denn zum letzten Spiel gegen Wismut Gera bin ich im Urlaub!“