06. März 2021 / 07:54 Uhr

Reha-Sport in Sachsen auf Null gesetzt: "Sind Opfer der Lockdown-Maßnahmen"

Reha-Sport in Sachsen auf Null gesetzt: "Sind Opfer der Lockdown-Maßnahmen"

Andreas Neustadt
Leipziger Volkszeitung
UweJahn
Präsident Uwe Jahn (l.) mit der ehemaligen Geschäftsführerin Dr. Grit Schöley. © Christian Modla
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Coronabedingt läuft das Training im Reha-Sport nur auf einem schmalen Level. Der Präsident des Sächsischen Behinderten- und Rehabilitationssportverbandes e.V., Uwe Jahn, spricht im SPORTBUZZER-Interview über den aktuellen Corona-Lockdown und die Zukunftsaussichten.

Leipzig. Die Einschränkungen durch den aktuellen Corona-Lockdown treffen auch den Behinderten- und Rehabilitationssport. Vor allem auf Reha-Patienten kann der sportliche Stillstand große Auswirkungen haben, sagt Uwe Jahn. Im SPORTBUZZER-Interview erklärt der Präsident des Sächsischen Behinderten- und Rehabilitationssportverbandes e.V. diese Folgen und schaut auf die Paralympics in Tokio voraus.

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SPORTBUZZER: Wie ist die aktuelle Situation im Sächsischen Behinderten- und Reha-Sport?

Uwe Jahn: Das Training der Kaderathletinnen und -athleten im Behindertensport läuft derzeit auf einem schmalen Level. Dabei dürfen, wie bei den Nichtbehinderten auch, Bundes- und Landeskader trainieren. Der Reha-Sport ist aktuell offiziell auf 0 gesetzt und damit auch ein Opfer der restriktiven Lockdown-Maßnahmen. Einzelne Vereine haben verschiedene Online-Angebote. Diese sind eine Lösung für Patienten, bei denen die Bewegung besonders wichtig ist. Hier geht es in erster Linie um therapeutische Hilfe. Es gibt allerdings viele ältere Menschen, die die technischen Voraussetzungen und das Verständnis für die Technik gar nicht haben. Deshalb können die Online-Angebote nicht flächendeckend wahrgenommen werden. Außerdem geht es im Reha-Sport nicht nur darum, Bewegungsangebote zu machen. Es geht auch um die individuelle Kontrolle der Ausführung und den sozialen Austausch. Das ist über das Internet nur schwer möglich.

Was macht der Lockdown eigentlich mit den Patienten?

Viele Menschen sind verunsichert und haben vor allem eine dramatische Angst vor dem Coronavirus. Das ist natürlich kontraproduktiv für den Reha-Sport. Hier müssen die Vereine die Patienten an die Hand nehmen - wenn diese es wollen. Die Vereine bieten hier eine große Unterstützung.

Wie ist die Stimmung im Verband und in den Vereinen?


Die Vereine klagen wie jedes andere Gewerbe auch. Vor allem die Vereine mit eigenen Räumlichkeiten und hauptamtlichen Mitarbeitern haben derzeit natürlich ein großes Problem, ebenso wie Vereine, die ausdrücklich auf den Rehasport bauen. Die haben aktuell viel weniger Einnahmen, auf die sie aber dringend angewiesen sind. Mich persönlich beschäftigt seit Beginn der ersten Lockerungen, dass es allein in den sächsischen Gesundheitsämtern unterschiedliche Interpretationen von Beschränkungen gibt. Das macht es uns natürlich nicht leichter. Es wäre klasse, wenn sich die Politiker vor ihren Entscheidungen einfach auch mal mit unserer Realität beschäftigen und einfach auch mal bei den Verbänden und Vereinen anrufen, um sich zu informieren.

Gibt es eigentlich Unterschiede zwischen dem ersten und zweiten Lockdown?

Zunächst einmal hat der zweite Lockdown schon jetzt deutlich länger gedauert als der erste. Das dramatische ist dabei, dass die Infektionszahlen trotz des Lockdowns aktuell steigen. Ich denke, wir haben den zweiten Lockdown gebraucht, um überhaupt den Ernst der Lage zu erkennen. Aus meiner Sicht wird erst Ruhe einkehren, wenn jeder Mensch die Möglichkeit hat, sich zu impfen.

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Wie laufen unter den aktuellen Coronabedingungen eigentlich die Vorbereitungen auf die Paralympics in Tokio?

Alle Bundeskader haben die Möglichkeit zu trainieren. Da gelten die gleichen Regeln wie für die nichtbehinderten Sportlerinnen und Sportler. Ich bin unter anderem gut vernetzt mit Martin Schulz. Mein Eindruck ist, dass er gut im Training steht. Ich bin davon überzeugt, dass die Paralympics ebenso wie die Olympischen Spiele im Sommer in Tokio stattfinden werden. Ich bin aber sehr gespannt, zu welchen Bedingungen. Ich denke, es wird ein extremes Hygienekonzept geben. Wenn die Spiele ausfallen, wäre das nicht nur für den Sport sondern vor allem auch für Japan eine Riesenkatastrophe. Das schwerste für Trainer und Sportler ist, die ursprünglich für den Sommer 2020 geplante Topleistung ein Jahr lang zu konservieren. Das gab es bislang noch nie.

Wie hat sich der Verband eigentlich in den vergangenen Jahren entwickelt?

Aktuell haben wir knapp 35.000 Mitglieder, davon etwa 5.000 Behindertensportler. Die überwiegende Zahl unserer Mitglieder sind Rehasportler. Hier spielen unsere Vereine eine wichtige Rolle, um die Menschen nach Krankheiten wieder fit zu machen und sie zurück in die Alltagstauglichkeit zu führen. Vor der Corona-Pandemie sind die Mitgliederzahlen in unseren Vereinen über Jahre hinweg kontinuierlich gestiegen. Im vergangenen Jahr sind aufgrund der zahlreichen Beschränkungen insgesamt 5.408 Mitgliederinnen und Mitglieder aus ihren Vereinen ausgetreten oder verstorben, das waren immerhin 13 Prozent der gesamten Mitglieder. Das trifft uns natürlich. Ich bin aber optimistisch, dass wieder Normalität einziehen wird, je mehr Menschen geimpft werden. Dann werden die Menschen wieder mehr zu ihren Tugenden zurückkehren und wieder in die Vereine zurückkommen.

Das Thema "Inklusion" kocht in verschiedenen Medien immer mal wieder hoch. Wird "Inklusion" aus Ihrer Sicht in der Gesellschaft tatsächlich auch gelebt?

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Zunächst einmal hat sich in den letzten Jahren schon einiges getan. Ich wünsche mir aber, dass wir alle Sportfachverbände dazu bringen können, dass sich die Menschen mit Behinderung auch tatsächlich in allen Satzungen wiederfinden. Außerdem wünsche ich mir, dass wir mit bei den Vereinen den Mut entwickeln, dass behinderte und nicht behinderte Sportler einfach zusammen Sport treiben können und die Vereine die Scheu vor Sportlern mit Behinderung verlieren. Auch die Sportlerinnen und Sportler mit Beeinträchtigungen leben oftmals in ihrer eigenen Welt. Da wünsche ich mir, dass auch die Menschen mit Behinderung darüber nachdenken, wie sie im Sport ein Stück Lebensqualität dazugewinnen können. Wir benötigen mehr Inklusion - zum einen, was die Bandbreite der sportlichen Angebote betrifft und zum anderen, dass Menschen mit Behinderung ein Teil unserer Gesellschaft sind und die gleichen Möglichkeiten haben sollten wie Menschen ohne Behinderung.