23. Februar 2021 / 23:37 Uhr

Reinhard Stemme: Müssen das Vertrauen der Vereine wiedergewinnen

Reinhard Stemme: Müssen das Vertrauen der Vereine wiedergewinnen

Uwe Kläfker
Schaumburger Ztg. / Schaumburger Nachrichten
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Reinhard Stemmes Herz schlägt für den Schaumburger Fußball - und den VfL Bochum. © Uwe Kläfker
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Interview mit dem neuen Vorsitzenden des Fußballkreises Schaumburg und seine Vorstellungen und Ziele.

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In einem Gespräch mit diesem Sportbuzzer sagte Reinhard Stemme im vergangenen Sommer, dass ihm ein neues Ehrenamt auf jeden Fall Spaß machen müsse, dass er zudem eine Herausforderung brauche. Wir fragten uns damals schon, warum Organisationstalent und Tatkraft dieses rastlosen Charakters nicht erschlossen wird. Jetzt wird sie genutzt. Der 64-Jährige wurde am Sonnabend zum neuen Vorsitzenden des Kreisfußballverbandes gewählt.

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Für Stemme schließt sich damit nach vielen Ämter im Fußball gewissermaßen der Kreis. Er war Schiedsrichter, er war Manager, er war Trainer und er war schon immer einer, der mit seiner Kontaktfreude viel bewegt hat. Als neuer Vorsitzender des zuletzt uneinigen und lethargischen NFV-Kreises ist er damit die Idealbesetzung.

Für viele Vereine kam Ihre Kandidatur überraschend. Wie entstand sie?

Ich wurde das erste Mal schon vor vier Jahren angesprochen, ob ich mir vorstellen könnte, den Vorsitz zu übernehmen. Damals gab es im Kreisvorstand offensichtlich bereits Unstimmigkeiten. Ich glaubte, dass sich das beruhigt hatte, als der Wunsch vor einem Jahr erneuert wurde. Lange Zeit wäre ich nur bei einem vakanten Amt zu einer Kandidatur bereit gewesen. In langen Gesprächen wurde ich aber von einer Gegenkandidatur überzeugt. Große Teile des Vorstands waren der Meinung, dass sich sonst nie die Chance ergeben hätte, etwas zum Positiven zu verändern. Der Schaumburger Fußball hat es aber verdient, dass man sich für ihn engagiert und für die Zukunft ausrichtet.

Wie ging es weiter?

Eine komplette Mannschaft war die Voraussetzung für meine Kandidatur. Wir haben ein Team mit viel Qualität zusammengestellt, das sich wirklich sehen lassen kann, wie ich finde. Es sind erfahrene und bewährte Leute, es sind aber auch Newcomer dabei. Es ist eine tolle Mischung mit guten Fachleuten, die etwas auf die Beine stellen kann.


Dass in Schaumburg die Trainerausbildung schon lange brach liegt, ist eine Katastrophe.

Zur Kampfabstimmung mit Marco Vankann kam es beim Kreistag nicht, weil er überraschend nicht mehr antrat. Zuvor rechnete er in einer Rede mit seinen Widersachern ab. Wie fanden Sie das?

Ich möchte das ruhen lassen, aber Marco Vankann räumte in seinem Rechenschaftsbericht ja auch eigene Versäumnisse ein. Dass sie öffentlich wurden, war wohl unumgänglich – leider. Wenn jemand so lange dabei ist, dann verdient das insbesondere bei Marco Vankann aber auch Anerkennung und Respekt. Eines Tages werde ich darauf zurückkommen.

Wo sehen Sie erste Ansätze zur Verbesserung?

Die Wiederbelebung des Qualifizierungsausschusses war ein erster Erfolg vor dem Kreistag. Es war schwer genug, weil mit dem verdienten Ernst Führing der Kopf nicht mehr da war. Dass in Schaumburg die Trainerausbildung schon lange brach liegt, ist eine Katastrophe. Um so glücklicher bin ich, dass wir mit Duran Gök mit seinen fachlichen Qualitäten und Timo Fischbeck mit seinem pädagogischen Hintergrund sehr gute Kräfte für die Spitze des Qualifikationsschusses gewinnen konnten. Auch Volker Krause wird neben Stammkräften wie Jens Lattwesen, Thorsten Rinne und Dietmar Arndt eine wichtige Rolle spielen. Um die Arbeit schnell wieder aufzunehmen, werden wir schon bald einen Auftaktworkshop machen, bei dem uns hoffentlich erfahrene Leute wie Siegfried Motzner aus Hameln unterstützen werden.

Ich werde mich nicht einmischen, muss aber sicherstellen, dass alles klappt.

Von den Vereinen wurde zuletzt auch der fehlende Kontakt zum NFV-Vorstand beklagt.

Das wird sich ändern. Jeder darf mich anrufen und ich werde nie sagen, dass ich nicht zuständig bin, denn das bin ich als Gesamtverantwortlicher. Die Arbeit wird aber in den Ausschüssen gemacht, dort ist die Kompetenz und zu den Kollegen werde ich den Kontakt herstellen. Die Ausschüsse sind dabei die ersten Ansprechpartner. Ich werde mich nicht einmischen, muss aber sicherstellen, dass alles klappt. Wir müssen das Vertrauen der Vereine wiedergewinnen.

Die Vereine beschwerten sich über mangelhafte Kommunikation des Kreisvorstandes. Wie gehen Sie das Problem an?

Ich werde in meiner Arbeit zum Beispiel beim NFV in Barsinghausen viele Informationen erhalten und werde diese an meine Kollegen im Vorstand und an die Vereine weiterleiten. Danach stehen wir für Kommunikation zur Verfügung. Wir werden ab jetzt Informationen offensiv herausgeben und es nicht wie bisher den Vereinen zumuten, sich mühsam durchzufragen, um etwas in Erfahrung zu bringen. Wir werden erreichbar sein und aus eigenem Antrieb vernünftig erklären, was anliegt und was wir warum machen. Ich bin ein Gegner von Kästchendenken. Die Ausschüsse haben zwar Verantwortungsbereiche, müssen aber auch nach links und rechts schauen. Für das Zusammenspiel zu sorgen, ist eine der Hauptaufgaben eines verantwortlichen Vorsitzenden, und da nehme ich mich in die Pflicht.

Wie werden Sie es mit der Präsenz vor Ort auf den Sportplätzen halten?

Ich bin kein Schreibtischtäter. Ich werde auf den Schaumburger Sportplätzen präsent sein. Schon aus Neugier und aus Liebe zum Fußball. Ich werde bei jedem Verein vorbeischauen und möchte mit allen ins Gespräch kommen, auch aus persönlichem Interesse. Das geht natürlich nicht innerhalb weniger Wochen. Wir hoffen, dass der Ball möglichst schnell wieder rollt.

Ich will keine Fusion, die den Mangel verwaltet.

Peter Krebs zeichnete nach seiner Wahl zum Vorsitzenden des Jugendausschusses ein eher problematisches Bild von der Entwicklung im Nachwuchsbereich. Wie sehen Sie das?

Die Zahl der Mannschaften und Spieler ist rückläufig, das sind die Fakten und insofern ist da was dran. Aber es reicht mir nicht, das jedes Jahr abzuzählen und zu beklagen. Wir müssen unsere Chancen sehen, denn wir haben in Schaumburg mit unserer guten Infrastruktur doch gute Voraussetzungen, auch mit dem jbf-Zentrum auf dem Bückeberg. Dort sind Lehrgänge und viele andere Treffen möglich. Vielleicht kann auch das Jugendheim Frossee des Landkreises bei Ruhpolding in Bayern künftig in die Jugendarbeit einbezogen werden. Ich bin auch mit meinem Freund Hagen Rank, dem Geschäftsführer des Kreissportbundes, im regen Austausch.

Der Schaumburger Fußball verliert Masse und auch Talente früh an besser aufgestellte Vereine im Umland. Wie kann man da gegensteuern?

Dass den Eltern eine gute fußballerische Ausbildung wichtig ist, sehen wir zum Beispiel an der ausgebuchten 96-Fußballschule, für die sogar bezahlt wird. Wir brauchen deshalb ebenfalls noch viel mehr qualifizierte Trainer im Nachwuchsbereich, da bin ich wieder beim Qualifizierungssausschuss und seiner Ausbildungsarbeit. Ich hoffe und wünsche, dass ich mit meinen Kontakten dabei helfen kann, den Schulfußball zu beleben. Vor Jahren leitete ich selbst während meiner Mittagspause eine Schulfußball-AG in Stadthagen. Dort stecken Talente. Es gibt immer mehr Ganztagsschulen, wir müssen dort präsenter werden.

Große Veranstaltungen wie der Jugendtag oder der Staffeltag werden häufig als ermüdend und ineffizient empfunden.

Im Herrenbereich müssen wir nach längerer Pause erst mal wieder einen Staffeltag durchführen. Wir werden künftig über kleinere Einheiten nachdenken, die sich nach regionalen Gesichtspunkten öfter als einmal im Jahr treffen. Ich werde das im Vorstand besprechen, mit den Vereinen kommunizieren und bei Bedarf umsetzen. Mich interessiert, wie die Vereine das sehen.

Insbesondere im Nachwuchsbereich mit seinen Mini-Staffeln wird deutlich, dass Schaumburg mit anderen Kreisen zusammenarbeiten muss. Wie stehen Sie zum Thema Fusion?

Ich will keine Fusion, die den Mangel verwaltet, ich will mehr Mannschaften und mehr Spieler für den Fußball in Schaumburg gewinnen. Aber wir werden mit Nachbarkreisen wie Hameln-Pyrmont oder Nienburg trotzdem ins Gespräch kommen und sicher auch punktuell kooperieren, wenn es erforderlich ist.

Mit Katrin Bethke ist jetzt auch eine Frau im geschäftsführenden Vorstand. Das war überfällig...

Ich bin glücklich, dass wir sie gewinnen konnten. Sie hat selbst Fußball gespielt und sie hat als Schiedsrichterin in der Frauen-Bundesliga auf höchster Ebene Spiele geleitet. Natürlich habe ich die Hoffnung, dass von ihr Impulse für den Frauenfußball ausgehen, den er gebrauchen kann, wie wir wissen.

Ein Blick auf die überordneten Verbände. Wie man gerade erneut beim DFB sieht, scheint dort ein Automatismus eingebaut zu sein, der die Spitzenkräfte zu abgehobenen Machenschaften verführt. Fehlt in diesen Selbstbedienungsläden die Kontrolle?

Das kann ich allenfalls vermuten. Wenn im DFB Unsummen für Berater ausgegeben werden, wenn dort die Steuerfahndung ermittelt, während gleichzeitig der Amateurfußball zum Stillstand gezwungen ist und nicht weiß, wie es weitergeht, dann driftet da was auseinander. Die Basis hat sich zunehmend vom abgehobenen DFB entfremdet und selbst die als Strahlkraft für Jugendliche so enorm wichtige Nationalelf zieht nicht mehr so wie früher.

Interview: Jörg Bressem und Uwe Kläfker