19. Mai 2022 / 18:32 Uhr

Vor der Relegation gegen Hertha BSC: Wie der Hamburger SV das Chaos-Image abstreifte

Vor der Relegation gegen Hertha BSC: Wie der Hamburger SV das Chaos-Image abstreifte

Andreas Hardt
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Der Hamburger SV kämpft um die Rückkehr in die Bundesliga.
Der Hamburger SV kämpft um die Rückkehr in die Bundesliga. © IMAGO/Revierfoto (Montage)
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Vor dem Hinspiel in der Bundesliga-Relegation bei Hertha BSC scheint es, als habe der Hamburger SV sein Image als Chaos-Klub abgelegt. Trainer Tim Walter hat ein stressresistentes Team geformt, die Stadt steht hinter dem HSV. 

Die hässliche Straßenbrücke über der A 23 in Hamburgs Norden hat in den vergangenen Tagen einen neuen Anstrich erhalten: schwarz, weiß, blau. Da hat sich jemand viel Mühe gemacht. Aber das war es ihm wert – Hamburg steht wieder auf den Hamburger SV. Das Erreichen der Relegationsspiele um den Aufstieg in die Bundesliga an diesem Donnerstag bei Hertha BSC (20.30 Uhr, Sat.1) und am Montag (20.30 Uhr, Sat.1) zu Hause hat die positive Stimmung zu einer Euphorie befeuert mit dem Gefühl: Jetzt ist endlich Schluss mit vier Jahren Zweitliga-Tristesse.

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„Wir haben die Euphorie und das Selbstvertrauen auf unserer Seite, und das wollen wir ausspielen“, sagt HSV-Trainer Tim Walter vor der ersten Begegnung im Berliner Olympiastadion. Mit einem in der zweiten Liga bislang noch nicht vorgekommenen Schlussspurt von fünf Siegen hatte sein Team sieben Punkte Rückstand aufgeholt und noch Platz drei erreicht. Das macht was mit Spielern und Fans, die Brust ist jedenfalls so breit wie die von Hulk Hogan. „Wir versuchen, diese Euphorie mitzunehmen“, sagt HSV-Sportvorstand Jonas Boldt.

HSV-Ultras: "Besorgt euch Tickets auf allen Wegen"

Die Fans jedenfalls sind voll dabei. Das offizielle Gästekontingent von 7500 Karten für das Hinspiel war innerhalb von zehn Minuten vergriffen. „Blau-weiß-schwarze Invasion zur Relegation!“, forderte die Ultra-Organisation „Nordtribüne“, „besorgt euch Tickets auf allen Wegen.“ Das ist wohl geglückt, Herthas Ticketmanagement hat sich schon für „Fehler“ entschuldigt. Es ist damit zu rechnen, dass zwischen 20 000 und 25 000 Hamburger das Olympiastadion aufsuchen. Es werden nicht ganz „Frankfurter Verhältnisse“ wie in Barcelona, aber es könnte dem nahe kommen.

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„Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin“, schallte es schon unmittelbar nach dem 3:2-Sieg bei Hansa Rostock von den Rängen. Der HSV Supporters Club, die offizielle Fanabteilung, organisierte Mitfahrgelegenheiten und rief HSV-Anhänger mit Wohnsitz in der Hauptstadt auf, Gästebetten zur Verfügung zu stellen. „Ich bin oft von Fans angesprochen worden, macht so weiter“, berichtet Boldt, „wir gehen wieder gerne zum HSV, wir kommen wieder gerne ins Stadion.“

Trainer Walter formt stressresistentes HSV-Team

Der manchmal stur wirkende Walter hat es tatsächlich gegen viele Widerstände geschafft, eine Mannschaft zu formen, die sich im Gegensatz zu den vergangenen Jahren als stressresistent erwiesen hat und tatsächlich eine Einheit bildet. Der Sieg in Rostock steht dafür exemplarisch. Gerade als der HSV selbst mit 0:1 in Rückstand geraten war, fielen in Darmstadt und Bremen die Führungstore für die Konkurrenten.

„Charakter kann eine große Rolle spielen“, sagt Walter nun, „wir haben den gezeigt, wir sind immer wieder zurückgekommen.“ 22 Tore hat der HSV in der Schlussviertelstunde erzielt, allein sieben davon in der Nachspielzeit. Diese superspäten Treffer brachten acht entscheidende Punkte, kein Team war so spät so erfolgreich. „Tim Walter lebt es jeden Tag vor. Er gibt nie auf“, lobt Torjäger Robert Glatzel. „Auch wenn es gegen uns lief, ist er immer für uns eingestanden. Und wir sind eine gute Truppe und ziehen voll mit.“

Die Diskussionen im latent unruhigen Hamburg um die Zukunft von Walter und Boldt, die noch vor sechs Wochen auch im Aufsichtsrat geführt wurden, sind verstummt. Es scheint so, als könne der HSV mit dem jüngsten Kader der Liga wirklich das Karma des Chaos- und Verliererklubs, der immer wieder seine Chancen verspielt, abstreifen. „Dieses Image ,typisch HSV‘, das gilt nicht für diese Mannschaft und dieses Trainerteam“, sagt Boldt. Stattdessen herrscht in der Hansestadt eine optimistische Grundstimmung. „Für uns sind das zwei Bonusspiele, in denen wir uns für eine tolle Saison noch mehr belohnen wollen“, sagt Walter.