30. Januar 2019 / 08:52 Uhr

René Adler: "Musste vom VfB Leipzig weg, weil kein Geld für Torwarttraining da war"

René Adler: "Musste vom VfB Leipzig weg, weil kein Geld für Torwarttraining da war"

Guido Schäfer
Leipziger Volkszeitung
Im Trikot des FSV Mainz 05 wird René Adler nicht mehr auf den Platz zurückkehren.
Im Trikot des FSV Mainz 05 wird René Adler nicht mehr auf den Platz zurückkehren. © Getty Images
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Er gehört zu den Leipziger Erfolgsexporten in Sachen Fußball. Beim VfB Leipzig angefangen, eroberte er mit Leverkusen die Bundesliga und schließlich die Nationalelf. Aber René Adlers Weg war immer auch von Verletzungen gekennzeichnet. Im SPORTBUZZER-Interview spricht er über seine aktuelle Reha, Zukunftspläne und Vieles mehr.

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Leipzig. 269 Bundesligaspiele für Bayer Leverkusen (138), den HSV (117) und Mainz 05 (14), zwölf Länderspiele und zwölf verletzungsbedingte Auszeiten: René Adler ist das Stehaufmännchen unter der deutschen Torhüter-Gilde, kämpfte sich immer wieder zurück, arbeitet nach einer Knorpel-Transplantation im Knie seit Monaten an einem Comeback. Der gebürtige Leipziger, 34, gratifizierter Sportmanager und Unternehmer in Sachen Torwart-Handschuhe über seinen im Sommer auslaufenden Vertrag beim FSV Mainz 05, einen sinnerweiternden Wechsel ins Ausland, die gestiegenen Anforderungen ans Torwartspiel, den Titelkampf in der Bundesliga, den kleinen, aber feinen FSV Mainz 05, einen Sechser im Lotto für Leipzig, sein Start-up-Unternehmen T1TAN und Rechtsstreitigkeiten mit Oliver Kahn.

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Herr Adler, es ist ruhig um Sie geworden. Wie geht es Ihnen und Ihrem Knie? Sieht man den Adler irgendwann wieder fliegen?

Wenn es nach mir geht, ja, ich will auf den Platz zurückkehren. Dem Knie und mir geht es gut, ich bin im Lauftraining, kann schon kurze Bewegungen und Sprünge machen. Bald kommen Passspiel und torwartspezifische Übungen. Ich habe immer hohe Anforderungen an mich gestellt, war immer ehrlich zu mir und anderen. Wenn ich irgendwann spüre, dass ich mit Angst in die Bälle und Duelle gehe, macht es keinen Sinn mehr. Dann höre ich auf. Aber wie gesagt: Momentan sieht es gut aus.

Gesetzt den Fall, Sie werden wieder fit. Wohin geht die Reise?

Man wird sich in Deutschland nicht unbedingt nach mir reißen, ich habe in den letzten 18 Monaten wenig gespielt.

Also eher ins Ausland, fernab der Heimat?

Ja, und fernab von finanziellen Geschichten. Das Ausland kann definitiv ein Thema werden. Ich möchte gerne etwas fürs spätere Leben mitnehmen.

Regelmäßig ist René Adler in Leipzig zu Gast, hier beim 50. Geburtstag von Mama von Kerstin Adler (3. v. r. mit Hund Georgi): v. l. Lilli Holunder, René Adler, Jens Adler, Teresa Fritzenschaft und Rico Adler.
Regelmäßig ist René Adler in Leipzig zu Gast, hier beim 50. Geburtstag von Mama von Kerstin Adler (3. v. r. mit Hund Georgi): v. l. Lilli Holunder, René Adler, Jens Adler, Teresa Fritzenschaft und Rico Adler. © Anita Kecke

Was passiert, wenn Sie aufhören müssen?

Mein Lebensglück hängt nicht davon ab, ob ich es nochmal schaffe, ich will nicht irgendwann mit einem künstlichen Gelenk rumlaufen. Selbstmitleid gibt es bei mir nicht, ich bin stolz auf meine Karriere und vor allem darauf, dass ich die vielen Rückschläge weggesteckt habe. Ein wahrer Champion steht wieder auf, wenn er am Boden liegt. Wenn es mit dem Profifußball vorbei ist, werde ich jedenfalls nicht daheim rumliegen und an die Decke starren.

Ihr Vertrag in Mainz endet im Sommer und wird nicht verlängert.

Das ist so in Ordnung. Beide Parteien haben sich die Zusammenarbeit anders vorgestellt.

Mainz 05 ist ...

... ein besonderer Club. Man hat während meiner Verletzungspause nie Druck auf mich ausgeübt, mir viel Freiraum bei der Reha gewährt. Das ist ein positives Beispiel, wie man miteinander umgeht.

Mainz ist auch ohne Sie Torhüter-technisch gut aufgestellt.

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Mainz hat drei, vier Top-Torhüter und einen fantastischen Torwarttrainer.

2013 gehörte René Adler zu den Gästen beim Abschiedsspiel von Michael Ballack in der Red Bull Arena.
2013 gehörte René Adler zu den Gästen beim Abschiedsspiel von Michael Ballack in der Red Bull Arena. © Christian Modla

Stephan Kuhnert ist alt wie der Wald.

Kuhnis Übungen sind zwar manchmal auch ein bisschen Old School, aber treffen immer den Kern der Sache. Er entwickelt sich da immer weiter und hat ein unglaubliches Verständnis und Wissen um den Fußball. Außerdem ist er ein klasse Typ, der mit seinen Jungs immer ehrlich umgeht. Mit ihm kannst du auch mal ein Bier trinken gehen.

Mainz steigt nach menschlichem Ermessen nicht mehr ab.

Die Bundesliga ist brutal, bietet wenig Sicherheiten. Nach zwei, drei Niederlagen kann es auch wieder eng werden. In Mainz werden Siege und Niederlagen richtig eingeordnet.

Unter Sandro Schwarz gibt es demnach nicht nur schwarz und weiß?

Ja. Wir haben beispielsweise beim 0:4 in Gladbach sehr gute erste 30 Minuten hingelegt. Das spielte medial keine Rolle, intern schon.

Meister wird wer?

Dortmund oder Bayern.

Lange Zeit war René Adler Teile der deutschen Nationalmannschaft, hier 2008 bei einer Trainingseinheit mit Torwarttrainer Andreas Köpke.
Lange Zeit war René Adler Teile der deutschen Nationalmannschaft, hier 2008 bei einer Trainingseinheit mit Torwarttrainer Andreas Köpke. © dpa

In dieser Reihenfolge?

Dass der BVB oben steht, spiegelt die 18 bisherigen Spieltage wider und ist völlig okay. Die Dortmunder haben nach der letzten Saison die richtigen Lehren gezogen und starke Leute geholt.

Sie meinen Matthias Sammer und Sebastian Kehl.

Ja, starke Leute wie Hans-Joachim Watzke und Michael Zorc umgeben sich mit starken Leuten. Kontroverse Diskussionen sind wichtig und förderlich. Dass Transfers wie Axel Witsel oder Thomas Delaney die Qualität erhöht haben, sieht jeder, dass Jadon Sancho unter Lucien Favre aufblüht, auch. Und ein gesunder Marco Reus ist absolute Weltklasse.

Die Bayern ...

... haben sich stabilisiert, werden an Dortmund dran bleiben. Ein spannender Titelkampf – was will man mehr?

RB hat in München und gegen Dortmund 0:1 verloren.

RB ist trotzdem ein Gewinn, auch und vor allem für Leipzig und den Leipziger Fußball. Ich musste mit 15 weg vom VfB Leipzig und nach Leverkusen, weil hier kein Geld für Torwarttraining da war. Dietrich Mateschitz hat den Standort Leipzig 2009 clever gewählt. Super Stadt, große Fußball-Tradition, niedere Spielklasse, Hunger nach Profifußball. Red Bull war und ist für Leipzig wie ein Sechser im Lotto. Mit Zusatzzahl.

Die D-Junioren des VfB Leipzig in der Saison 1996/1997. In der vorderen Reihe (3. von rechts) sitzt René Adler.
Die D-Junioren des VfB Leipzig in der Saison 1996/1997. In der vorderen Reihe (3. von rechts) sitzt René Adler. © Picture Point

Geld war auf dem Weg nach oben nicht der beschränkende Faktor, Herr Adler.

Man kann mit Geld vieles richtig und vieles falsch machen. Das RB-Management hat hier eine starke Leistung hingelegt.

Sie sind Anteilseigner und Aushängeschild des Start-up-Unternehmens T1TAN, vertreiben bezahlbare Torwarthandschuhe. Oliver Kahn hat eine Schadenersatzklage angestrebt. Wie ist der Stand der Dinge?

Es handelt sich um ein schwebendes Verfahren. Das Gericht hat uns eine außergerichtliche Einigung empfohlen. Ich hoffe und glaube, dass beide Parteien zu einem Kompromiss bereit sind.

Man hat Sie zuletzt des Öfteren als Sky-Experte gesehen. Ein ausbaufähiges Engagement?

Es macht jedenfalls Spaß. Ob ich auch den Zuschauern Spaß mache, weiß ich nicht.

Wie erinnern Sie sich an den 25. Februar 2007 und das Spiel Schalke gegen Leverkusen?

Jörg Butt war gesperrt und ich durfte spielen. Mein erstes Bundesligaspiel. So etwas vergisst man nicht.

Sie hielten auf Schalke wie ein Gott den 1:0-Sieg fest und waren fortan die Nummer eins.

Es lief gut für uns und für mich, ja.

In Leverkusen sagt man noch heute, dass Bayer mit dem 17-jährigen René Adler im Mai 2002 das Champions-League-Finale gegen Real Madrid gewonnen hätte.

Sagt man das? Wahr ist, dass ich damals bei den Profis mittrainiert habe.

Große lokale Ehren: René Adler wird zum Sportler des Jahres 2008 in Leipzig gewählt.
Große lokale Ehren: René Adler wird zum "Sportler des Jahres" 2008 in Leipzig gewählt. © Norman Rembarz

Wahr ist auch, dass der Sportkamerad Butt einen haltbaren Ball reingelassen hat.

Das passiert.

Sie waren vor der WM 2010 Stammspieler und sagten kurz vor Südafrika wegen einer Rippenverletzung ab. Aus der Rippe eines Adlers erwuchs ein Manuel Neuer. War Ihre Entscheidung alternativlos?

Für mich ja. Hätte ich die Verletzung verheimlichen und mich mit Schmerzmitteln vollpumpen sollen?

Anderen Ich-AGs wäre das zuzutrauen gewesen.

Das kam für mich nicht in Frage. Wie bereits erwähnt war ich immer ehrlich zu mir und zu anderen. Eine WM mit einem angeschlagenen Torhüter? Das geht gar nicht. Und Manu hat es ja dann überragend gemacht.

Das Torwartspiel hat sich ...

... verändert, die Anforderungen sind extrem gestiegen. Alles wird immer schneller, die Flanken kommen raffinierter, die Flugkurven sind schwer zu berechnen. Heute musst du als Torwart bei einem Topclub mit rechts und links kicken können, sonst kostet das wertvolle Zeit. Irgendwann sehen wir einen Torhüter, der aus der Hand mit links und rechts abschlagen kann. Schauen Sie sich Manuel Neuer an. Er hat unter Pep Guardiola fußballerisch einen Riesenschritt gemacht, ist immer anspielbar, kann mit jedem Pass etwas anfangen. Im Abstiegskampf gelten übrigens für einen Torhüter andere Gesetze.

Die da heißen?

Lang und weit bringt Sicherheit.

Steigt Ihr Ex-Verein Hamburg auf?

Ja, da ist zu viel Qualität, um es nicht zu schaffen.

Sitzen Sie irgendwann auf einer Trainerbank?

Vermutlich ist das eher nichts für mich.

Stand jetzt?

Ja, Stand jetzt kann ich mir das nur schwer vorstellen. Aber ich mache dennoch eine Trainerausbildung, will mich da zumindest ausprobieren und weiterbilden. Man weiß nie, ich bin für alles offen.