11. November 2020 / 07:21 Uhr

René Adler zum Umgang mit DFB-Team: "Das Anspruchsdenken in Deutschland war immer hoch"

René Adler zum Umgang mit DFB-Team: "Das Anspruchsdenken in Deutschland war immer hoch"

Guido Schäfer
Leipziger Volkszeitung
Adler-Interview
Guido Schäfer und René Adler führten schon im Oktober 2019 in der LVZ-Kuppel ein Interview miteinander. © Alexander Prautzsch
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Vor dem Länderspiel zwischen Deutschland und Tschechien hat sich LVZ-Chefreporter Guido Schäfer Ex-Nationaltorwart René Adler geschnappt. Im SPORTBUZZER-Interview redet der 35-Jährige über die unschönen Begleiterscheinungen des Misserfolges der DFB-Elf und Wege aus der Identitätskrise.

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Leipzig/Hamburg. Am 11. Oktober 2008 debütierte René Adler in der A-Nationalmannschaft, stand beim 2:1-WM- Qualifikationssieg gegen Russland im DFB-Tor. Am 29. Mai 2013 griff der Leipziger in Boca Raton (USA) beim 4:2 gegen Ecuador letztmals als Nationaltorhüter hinter sich. Nach zwölf Länderspielen und 269 Bundesligaspielen beendete Familienvater Adler im Mai 2019 seine Karriere und widmet sich seitdem Ehefrau Lilli (34), Baby Casper (sechs Monate) sowie seinen Aktivitäten als Sportmanager, Sky-Experte und Unternehmer in Sachen bezahlbarer Torhüter-Handschuhe (T1TAN). Adler, 35, über die Flut an Fußballspielen, die Gala-Form der von Joachim Löw ausgemusterten Müller/Boateng/Hummels, ein DFB-Lagerfeuer, das keines mehr ist und: unstillbaren Bewegungsdrang.

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Herr Adler, Sind Sie immer noch ein einziger Muskel?

War ich nie, Herr Schäfer. Aber man kann noch hinschauen, ohne blind zu werden. Der Sport war und ist ein großer Teil meines Lebens. Ich hechte jetzt keinen Bällen mehr hinterher, bin dafür im Kraftraum oder auf dem Fahrrad unterwegs.

Wann standen Sie das letzte Mal in einem Tor?

Beim Abschiedsspiel von Rafael van der Vaart in Hamburg im Oktober 2019.

Und hat das malade Knie mitgemacht?

Nein, hat es nicht. War vielleicht auch nicht so klug von mir, in ein Duell mit Arjen Robben zu gehen. Er wollte an mir vorbei, ich wollte das mit allem, was ich habe, verhindern. Das hat ganz schön gezogen im Knie. Und das Schlimmste war, dass Arjen das Ding auch noch rein macht.

Was vermissen Sie an Ihrem Dasein als Profifußballer?

Dieses unmittelbare Erfolgserlebnis nach einem gehaltenen Unhaltbaren oder einem wichtigen gewonnenen Spiel gibt es nur im Sport.

DURCHKLICKEN: Die Gastspiele der DFB-Elf in Leipzig

<b>17. November 2004:</b> Für die deutsche Mannschaft ist das Duell mit Kamerun das letzte Heimspiel des Jahres vor der anstehenden Asienreise. Im Tor der DFB-Elf tut sich Bemerkenswertes: Erstmals seit dem 17. April 2002 sitzt Keeper Oliver Kahn nur auf der Ersatzbank. Jens Lehmann steht zwischen den Pfosten. Zur Galerie
17. November 2004: Für die deutsche Mannschaft ist das Duell mit Kamerun das letzte Heimspiel des Jahres vor der anstehenden Asienreise. Im Tor der DFB-Elf tut sich Bemerkenswertes: Erstmals seit dem 17. April 2002 sitzt Keeper Oliver Kahn nur auf der Ersatzbank. Jens Lehmann steht zwischen den Pfosten. ©

Und heutzutage sitzen Sie auch eher selten mit ihren Geschäftspartnern im Entmüdungsbecken und feiern einen Abschluss.

Zum Glück nicht. Mit den Teamkollegen nach einem Spiel wo auch immer zusammen zu sein, war immer besonders. Was ich auch vermisse, ist die brutale Anspannung vorm Spiel. Am meisten genieße ich heute meine Selbstbestimmtheit.

Apropos: Die jüngeren Auftritte der Nationalmannschaft waren für den Zuschauer keine Quelle purer Freude mehr, locken immer weniger Menschen vor den Fernseher. Zieht sich der Selbstbestimmte das Spiel gegen Tschechien rein?

Ich richte meine Termine nicht nach dem Spielplan der Nationalmannschaft aus. Das hat aber weniger mit der Qualität der Spiele, als mit meinen neuen Prioritäten zu tun. Wenn ich daheim bin, zappe ich bestimmt rein. Und dann geht es mir wahrscheinlich wie vielen anderen: Wenn mir das Programm gefällt, bleibe ich dran. Wenn nicht, nicht.

Die Spiele der Nationalmannschaft sind nicht mehr das Lagerfeuer der Deutschen, sagt Oliver Bierhoff. Haben die Stars und Sternchen das Feuerchen selbst ausgetreten?

Klar ist, dass zuletzt weder die Ergebnisse noch die Art und Weise wie gespielt wurde für Begeisterung sorgten. Klar ist auch, dass man dem Bundestrainer keinen Vorwurf machen darf, wenn er in einem Testspiel die Stars aus München, Dortmund oder Leipzig schont, unerfahrene Spieler bringt und Dinge probiert. Löw hat das große Ganze im Blick, will die Spieler nicht verheizen. Das ist ein Balanceakt, er kann es nicht allen recht machen.

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Problematisch war und ist es, dass es auch mit allen Stars nicht so funktioniert, wie es sich alle vorstellen. Ist der Fußball-Konsument verwöhnt und zuweilen zu hart in seinem Urteil?

Dem Konsumenten wird viel zu viel Fußball vorgesetzt. Zig Spiele, immer neue Wettbewerbe, diese seltsame Nations League - bei diesem Overload wird man der Ware schon mal überdrüssig und vielleicht auch zuweilen ungerecht. Wobei das Anspruchsdenken in Deutschland immer hoch war. 2014 waren wir Weltmeister und ganz oben. Dass es von ganz oben irgendwann auch wieder runter geht, ist auch normal.

Welche Rolle spielt die Volksnähe und der Lifestyle der Fußballer?

Sagen wir es so: Im Erfolg wird dir Vieles verziehen. Das fängt mit einem Star an, der die Autogrammjäger ignoriert und hört mit einem anderen Star auf, der im Privatjet ein - und ausfliegt. In Zeiten wie diesen - Pandemie, wirtschaftliche und soziale Probleme, schlechte Spiele - wird das Verhalten der Nationalmannschaft genau beobachtet und bewertet. Ich glaube schon, dass der DFB erkannt hat, dass man gewisse Angriffsflächen nicht bieten darf und beispielsweise an den Themen Fan-Nähe, Außendarstellung und Demut arbeiten muss.

Der Kampf um die Gunst des Publikums ist demnach nicht verloren?

Es ist wie in der Wirtschaft: Es ist viel schwieriger, einen verlorenen Kunden zurückzugewinnen, als einen neuen zu gewinnen.

Was fällt Ihnen zu Jerome Boateng, Thomas Müller und Mats Hummels ein?

Super Typen, super Fußballer.

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Gehörte natürlich zu den Ersten, die am Leipziger Hotel Westin eintrafen: Bundestrainer Joachim Jogi Löw. Zur Galerie
Gehörte natürlich zu den Ersten, die am Leipziger Hotel Westin eintrafen: Bundestrainer Joachim "Jogi" Löw. ©

Die von Herrn Löw nicht mehr berücksichtigt werden. Zu Recht?

In Deutschland gibt es 80 Millionen Bundestrainer, die sich allesamt im Besitz der Wahrheit wähnen. Wenn du einen Umbruch und jüngere Spieler willst, trifft es naturgemäß ein paar Ältere. Das kann man im vorliegenden Fall mutig und konsequent oder riskant nennen. Ich hätte die Tür von vornherein nicht rigoros zugemacht.

Könnte es sein, dass sich die anstelle von Boateng, Müller und Hummels angedachten jungen Wilden als nicht ganz so wild und fähig entpuppt haben? Anders gefragt: Würden Sie die drei Herren wieder einladen

Ja, würde ich, weil die Besten in der Nationalmannschaft spielen sollten. Am Ende sollte immer die Leistung entscheiden. Und die ist objektiv messbar. Ich glaube übrigens nicht, dass Jerome, Thomas oder Mats die Jungen in ihrer Entwicklung hemmen oder nur dann zum DFB fahren, wenn sie eine Stammplatzgarantie haben.

Wird Löw einknicken?

Ich würde das nicht als ein Einknicken bezeichnen. Wenn Löw merkt, dass er aus welchen Gründen auch immer diese Spieler braucht, wird er sie holen. Für ihn steht der Erfolg über allem. Er ist ewig dabei, hat ein breites Kreuz.

Wer wird eigentlich Meister?

Es wird knapper als in den vergangenen Jahren - und am Ende machen´s die Bayern.