22. Mai 2020 / 21:14 Uhr

Reportage zum Geister-Derby in Berlin: Gespenstische Stille rund um das Olympiastadion

Reportage zum Geister-Derby in Berlin: Gespenstische Stille rund um das Olympiastadion

Stephan Henke
Märkische Allgemeine Zeitung
Thomas Böttcher entspannte am Freitag auf seiner Loggia, auf den Rängen herrschte gähnende Leere.
Thomas Böttcher entspannte am Freitag auf seiner Loggia, auf den Rängen herrschte gähnende Leere. © Getty Images/Stephan Henke/Montage
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Das Derby zwischen Hertha BSC und Union Berlin war seit Wochen ausverkauft, 75.000 Zuschauer hatten Karten. Doch beim 4:0-Sieg der Hertha herrschte in und um das Olympiastadion gespenstische Stille, die Kioske waren geschlossen, die Biergärten leer.

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80 Minuten vor dem Derby-Anpfiff lehnt Thomas Böttcher auf dem Geländer seiner Loggia und genießt ungestört seine Zigarette. Seit 40 Jahren wohnt er in der Trakehner Allee, keine 200 Meter Luftlinie vom Olympiastadion entfernt. "Als ich hierher gezogen bin, hat Hertha in der 2. Liga gespielt und da kamen vielleicht 5000 Zuschauer", erinnert sich der 56-Jährige. Beim Derby gegen Union Berlin wären es am Freitagabend eigentlich rund 75.000 Zuschauer gewesen, die den furiosen 4:0-Sieg der West-Berliner über die Gäste aus Köpenick gesehen hätten, doch das heiße Stadtduell wurde wegen der Corona-Pandemie zum Geister-Derby.

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Dodi Lukebakio und Matheus Cunha (v. li.) haben mit ihren Toren zum deutlichen 4:0-Sieg der Hertha im Berliner Stadtderby beigetragen. Zumindest eine Halbzeit lang haben die West-Berliner eine Glanzleistung hingelegt. Für den SPORTBUZZER hat Ronny Müller die Leistung der Hertha-Profis in Noten bewertet - klickt euch durch! ©

An die Menschenmassen gewöhnt

An die Menschenmassen, die sich an Spieltagen durch seine Straße drängen, hat sich Böttcher schon lange gewöhnt. "Ich würde nicht sagen, dass mir jetzt etwas fehlt, aber es ist schon eine komische Situation", sagt Böttcher, der ein braunes St.-Pauli-Shirt mit einem weißen Totenkopf trägt und fünfmal pro Saison selbst den kurzen Weg ins Olympiastadion geht, über das Derby ohne Zuschauer. Auch bei Union war er schon, "ich liebe die Alte Försterei, aber da bekommt man kaum noch Karten", sagt er.

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Für das Derby war es ähnlich schwer, an Tickets zu kommen, seit Wochen war das Olympiastadion ausverkauft. Die Kioske, die sich das Geschäft des Jahres erhofft hatten, sind geschlossen, in die Biergärten verirren sich nur ein paar Fans. Normalerweise herrscht gerade für Autofahrer an Spieltagen rund um das Olympiastadion ein Verkehrschaos. Am Freitagabend kamen nur vereinzelt Autos in die Nähe des Stadions, das von der Polizei abgesichert wurde. Vor einem Gartencenter hat Patricia Magnani ihren Geländewagen geparkt, ihr Sohn Kailash lädt die Einkäufe ein, am Wochenende ruft die Gartenarbeit. "Hier sollte ein Fußballspiel sein?", fragt die gebürtige Italienerin, die seit vier Jahren als Stadtführerin in Berlin arbeitet, ungläubig. Sie profitiert vom Geisterspiel, sonst hätte ihr Einkauf vermutlich einige Stunden länger gedauert.

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Die Union-Truppe rund um Kapitän Christopher Trimmel hat bei der 0:4-Pleite bei Stadtrivale Hertha BSC zumindest eine Halbzeit lang überhaupt kein gutes Gesicht abgegeben. Für den SPORTBUZZER hat Ronny Müller die Leistung der Köpenicker in Noten bewertet. ©

Im Stadion selbst war es ähnlich ruhig wie davor. Bei der Erwärmung und während des Spiels hallten die Rufe der Spieler und Trainer durch das weite Rund des leeren Olympiastadions. Statt der bekannten Stimmen der Stadionsprecher Fabian von Wachsmann und Udo Knierim ist über die Lautsprecher Jens Herrner zu hören, der Notfall-Stadionsprecher – ein sehr passender Jobtitel für dieses ungewöhnliche Derby.