11. September 2020 / 08:00 Uhr

Ex-DFL-Chef Andreas Rettig im Interview: "Ich verstehe Unions Sichtweise"

Ex-DFL-Chef Andreas Rettig im Interview: "Ich verstehe Unions Sichtweise"

David Joram
Märkische Allgemeine Zeitung
Ex-DFL-Chef Andreas Rettig warnt vor einer Bevorzugung der Bundesliga-Klubs bei Corona-Tests.
Andreas Rettig wirbt für einen gerechteren Profifußball. © dpa/Montage Behrens
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Der frühere Fußballfunktionär gratuliert den Köpenickern, kritisiert DFB und DFL - und wirbt für drastische Reformen in der Champions League.

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Andreas Rettig war Fußballmanager beim SC Freiburg, FC Augsburg und dem 1. FC Köln. In dieser Funktion stieg er viermal in die Bundesliga auf. Der 57-Jährige arbeitete als Geschäftsführer der Deutschen-Fußball Liga (DFL) und von 2015 bis 2019 in gleicher Funktion beim FC St. Pauli. Zum vereinbarten Interview-Treffpunkt in einem Berliner Hotel nahe des Hauptbahnhofs erscheint Rettig eine Stunde zu spät. Schuld trägt er daran keine. Der ICE, mit dem der passionierte Bahnfahrer von Köln anreist, hatte Verspätung.

SPORTBUZZER: Herr Rettig, mit dem Flugzeug wären Sie pünktlicher in Berlin gewesen. War das keine Option?

Andreas Rettig (57): Ich bin Überzeugungstäter, was das Bahnfahren angeht – und das hat nichts mit Greta zu tun. In all meinen Arbeitsverträgen habe ich auf einen Dienstwagen immer verzichtet, und stattdessen eine Bahncard hineinverhandelt. Ich genieße Bahnfahrten, auch wenn es dieses Mal eine echte Tortur war mit zweieinhalb Stunden Verspätung.

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Die DFB-Elf fährt nicht so gerne Bahn. Von Stuttgart nach Basel nutzte der Verband den Flieger. Fällt Ihnen dazu noch etwas ein?

Ich verstehe die Argumente, die vorgebracht wurden, was das Schutzbedürfnis wegen Corona angeht. Aber wenn man das frühzeitig regelt, hätte man das sicher auch mit Bus oder Bahn hinbekommen. Ich denke, dass der DFB das jetzt auch weiß. Ob der mangelnden Sensibilität bei diesem Thema – Stichwort Klimawandel – war ich schon überrascht.

Als die Corona-Krise begann, predigten die Verantwortlichen Bodenständigkeit und Nachhaltigkeit. Nun wechselt Kai Havertz für 100 Millionen Euro zu Chelsea; der DFB chartert ein Flugzeug für 260 Kilometer. Waren das alles nur Lippenbekenntnisse?

Das Thema Demut ist leider zur Eintagsfliege mutiert. Aber man darf auch nicht ungerecht werden und jede einzelne Aktion an den Pranger stellen. Insgesamt scheint der Profifußball aber wieder vom Weg abgekommen zu sein. Da wünsche ich mir die Tonlage von vor einigen Monaten zurück.

Wäre Lionel Messi in normalen Zeiten für die festgeschriebene Ablösesumme von 700 Millionen Euro gewechselt?

Das hat für mich mit Corona nichts zu tun. Das übersteigt wirklich jede Vorstellungskraft, auch wenn im Fußball ja vieles möglich scheint. Aber dass Ablösesummen oberhalb des Rekordes von 222 Millionen Euro gezahlt werden? Da bin ich – trotz Havertz – optimistisch, dass wir das nicht so schnell erleben werden.

Bleiben wir beim Thema Corona: Dirk Zingler, Präsident des 1. FC Union Berlin, hat klar gemacht, dass er gegen Augsburg mit 4500 Zuschauern spielen will, während zum Beispiel der SC Freiburg nur vor 450 Fans ran darf – weil in Baden-Württemberg eine andere Corona-Verordnung gilt. Herr Zingler begrüßt also die föderalen Möglichkeiten. Sie hätten es lieber einheitlich. Warum?

Ich verstehe die Sichtweise von Union. Aber innerhalb einer Liga sollten Vereine die gleichen Rahmenbedingungen vorfinden, weshalb ich sage, dass der föderale Ansatz falsch ist. Profifußball lebt von Integrität und Wettbewerbsgleichheit. Das, was nun gestattet wird, nämlich, dass Union vor 4500 Fans spielen darf und RB Leipzig vor 8500, kann die DFL schwer wieder zurückdrehen. Stellen wir uns also mal folgendes Szenario vor: In der Endphase der Saison geht das Infektionsgeschehen auseinander – wenn zum Beispiel das Fleischwerk Tönnies fleißig Corona-Fälle produziert, während in Berlin die Zahlen rückläufig sind. Heißt also: Union könnte vielleicht vor 15.000 Fans spielen, ein Club aus Nordrhein-Westfalen aber nur vor 300. Und das dann noch in der Relegation.

Ist der Wettbewerb nicht ohnehin ungleich, wenn Teams wie Bayern oder Dortmund mit deutlich höheren Einnahmen aus der TV-Vermarktung als Union oder Freiburg rechnen können?

Die Frage, wie die TV-Gelder verteilt werden, ist von den 36 Erst- und Zweitligisten so entschieden worden. Das war ein Entscheidungsprozess, an dem auch Union Berlin mitgewirkt hat. Bei Corona handelt es sich allerdings um eine behördliche Auflage, die in den Wettbewerb eingreift – ohne dass sich ein Club dagegen wehren könnte. Deshalb sage ich: Wenn Clubs wie Union, Hertha oder Leipzig durch behördliche Auflagen Vorteile haben, sollten sie zurückstehen und sich aufgrund des Fair-Play- und Wettbewerb-Gedankens einreihen. Darf ich noch etwas hinzufügen?

Bitte.

Der Fußball hat der Politik zu verdanken, dass er Geisterspiele durchführen konnte – und überholt sie jetzt quasi links. Es gibt ja den Beschluss, dass bis zum 31. Oktober über eine bundesweit einheitliche Regelung diskutiert werden soll. Warum man diesen Termin nicht abwartet und einen speziellen Fußballstufen-Plan mit allen Bundesländern entwickelt, erschließt sich mir nicht.

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Dass die Clubs bei dem Thema Spielräume ausnutzen, kann man ihnen aber schlecht vorwerfen, oder?

Die spielleitende Stelle ist entscheidend, also die DFL. Sie hat für Wettbewerbsfrieden zu sorgen. Es wäre aber ein großartiges Zeichen von Union oder RB gewesen, zu sagen: Wir haben zwar die Möglichkeit mehr Zuschauer reinzulassen, verzichten aber darauf, weil wir solidarisch sind.

Sie hätten also zurückgesteckt als Verantwortlicher von RB Leipzig oder Union?

Hätte, wäre, wenn – das will ich nicht beantworten. Ich kann es mit einem Augenzwinkern sagen: RB ist geübt in Sonderwegen.

Mal zum Sportlichen: Was sucht ein Spieler wie Max Kruse bei Union?

Ich vermute, er hat noch einen Koffer in Berlin gehabt (lächelt).

Schafft Union mit ihm wieder eine sorgenfreie Saison?

Da will ich keine Prognosen abgeben. Ich kann Manager Ruhnert, Trainer Fischer und dem Team nur zu dem gratulieren, was Union in der vergangenen Saison geschafft hat. 41 Punkte zu holen, das ist schon ein echtes Brett. Das hätte ich nicht für möglich gehalten. Durch kluge Transferpolitik und gute Arbeit stellen sich eben Erfolge ein. Das muss für mich unbedingt honoriert werden, gerade in der Frage, wie TV-Gelder künftig verteilt werden: Denn 41 Punkte von Union sind anders zu bewerten als 41 Punkte von Hertha.

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Klickt Euch durch die Galerie der 50 ehemaligen Spieler von Union Berlin. ©

Bis Jahresende soll entschieden werden, wie die TV-Gelder verteilt werden. Immerhin 4,4 Milliarden Euro liegen für die Spieljahre 2021/22 bis 2024/25 im Topf. Bisher profitieren die Großen mehr. Sollen künftig alle Bundesligisten denselben Betrag erhalten?

Wir dürfen nicht nur nach dem Tabellenplatz schauen, nicht nur danach, welche Mannschaften oben stehen. Wir müssen fragen, wie viel Kapital für welche Punkteausbeute eingesetzt wird. Ich sage ganz klar: Leistung muss sich lohnen. Und damit meine ich nicht die Leistung, wer am meisten Geld einsammelt. Trainerarbeit, Managerarbeit, das muss stärker belohnt werden. Es bräuchte also eine Kennziffer, die anzeigt, was ein Punkt kostet. Dann würde übrigens wirklich jeder Punkt zählen.

Wie soll das überprüft werden?

Die DFL hat alle Zahlen, alle Personalkosten! Leistung muss vergleichbar werden – und dann belohnt werden. Ich wünsche mir dringend, dass das Umdenken, das hier und da in den Raum gestellt wird, auch mal stattfindet. Es braucht jetzt einen Grundsatzbeschluss, wie man schrittweise mehr Wettbewerbsgleichheit herstellen kann. Nicht nur für die nächsten vier Jahre, sondern darüber hinaus.

Über die Verteilung der TV-Gelder entscheidet das neunköpfige DFL-Präsidium, dem DFL-Chef Christian Seifert als Sprecher vorsteht. Spüren Sie dort einen Willen zur Veränderung?

Das jetzige Präsidium deckt jedenfalls die Interessen der 36 Proficlubs besser ab als zuvor, als es eher auf die großen Clubs ausgerichtet war, die international spielen. Warum sollte alles auf Internationalisierung und die Top-5-Clubs ausgerichtet werden? Das dürfen wir nicht.

Christian Seifert argumentiert, es herrsche durchaus Spannung in Liga eins und zwei – nur eben nicht in der Meisterfrage. Und die Meisterfrage würde auch nicht spannender, wenn man die TV-Gelder gleichmäßig verteilen würde. Hat er Recht?

Man darf das nicht kurzfristig sehen. Die Verteilung muss langfristig ausgeglichener werden, über einen Zeithorizont von zehn bis 15 Jahren. Und dieser Wille muss da sein, damit wir dahin kommen, wo wir mal waren: nämlich bei gleich großen Kuchenstücken.

Was wäre noch wünschenswert?

Parallel dazu müssten die Ausschüttungen aus der Champions League anders verteilt werden, denn die jetzige Regelung – von der in erster Linie die Großen profitieren – ist Gift für die nationalen Wettbewerbe. Sie bringt Serienmeister wie Bayern, PSG oder Juventus hervor. Das viele Geld, das ein Club dort verdienen kann, ist ein falscher Anreiz. Und falsche Anreize führen zu einer Hasardeur-Mentalität.

Ihr Vorschlag?

Die Gelder sollten an die nationalen Verbände insgesamt bezahlt werden und nicht an die teilnehmenden Clubs. Davon würde die Breite in jedem Land profitieren, das gesamte Niveau würde steigen – und damit die Spannung.

Das heißt, die Uefa sollte dem DFB die Millionen für Bayerns Erfolge überweisen. Woher soll der Antrieb für eine derartige Reform kommen?

Klar ist, dass die Kleinen international fast keine Lobby haben. Die ECA (Interessenvertretung der europäischen Fußballvereine, Anm. d. Red.) ist aus der G-14 entstanden, da haben sich die großen Clubs formiert und gut aufgestellt – und haben am Ende ihre Interessen durchgesetzt. Ein Gegengewicht fehlt. Das heißt, die kleineren Vereine müssten lauter werden, aber auch die Fans. Und da tut sich ja teilweise auch schon was.

Haben Sie sich eigentlich das Champions-League-Finale angeschaut?

Ja, ich habe es verfolgt.

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Hat die richtige Mannschaft gewonnen?

Ich bin ja nun kein bekennender Bayern-Fan, aber in dem Fall hat es mich gefreut. Und es kommt nicht so oft vor, dass ich mich über einen Sieg der Bayern freue. Hansi Flick habe ich natürlich auch gratuliert.

Wie hat Ihnen der Modus – nur ein K.o.-Spiel ab dem Viertelfinale – gefallen?

Ich finde der Modus müsste vor allem in der Anfangsphase des Turniers verändert werden. Als das Ganze noch Europapokal der Landesmeister hieß, gab es von Runde 1 an direkte K.o.-Spiele. Der Modus wurde ab den 1990er Jahren ja nur so oft verändert, um mehr Spiele zu schaffen. Alles mit dem Ziel, die Risiken für die Großen zu minimieren.

Gruppenphase also abschaffen?

Auch das würde ich gerne mal ernsthaft diskutieren. Der Spannungsmoment wäre viel höher und die Spieler müssten weniger spielen. Das sind ja momentan arme Teufel, so oft wie die durch die ganzen aufgeblähten Wettbewerbe ran müssen.