05. März 2021 / 07:37 Uhr

Ritterschlag und 5000 (Ost-)Mark Handgeld: Chemie Leipzigs Michael Meyer wird 70

Ritterschlag und 5000 (Ost-)Mark Handgeld: Chemie Leipzigs Michael Meyer wird 70

Jens Fuge
Leipziger Volkszeitung
Roland Stemmler von Sachsenring Zwickau versucht in einem Oberligaspiel im August 1975, den angreifenden Michael Meyer von der BSG Chemie abzublocken.
Roland Stemmler von Sachsenring Zwickau versucht in einem Oberligaspiel im August 1975, den angreifenden Michael Meyer von der BSG Chemie abzublocken. © Frank Kruczynski
Anzeige

Das sportliche Talent des Mittelfeldspielers wurde in seinem Heimatort Görlitz von „Dixie“ Dörner entdeckt. Michael Meyer wechselte schließlich zu Dynamo Dresden, Stahl Riesa und Chemie Leipzig. Außerdem wäre er beinahe im Paradies gelandet, Carl Zeiss Jena hatte ihm „Trabi, Wohnung und 15.000 Mark Handgeld“ geboten. Doch Meyer blieb Leutzscher und feiert nunmehr seinen 70. Geburtstag.

Anzeige

Leipzig. Als Michael Meyer im Sommer 1973 seine erste Trainingseinheit in Leipzig-Leutzsch absolvierte, musste er folgende skurrile Szene beobachten: Meisterspieler und Chemie-Schlachtross Dieter Scherbarth warf sich nach einer missglückten Aktion eines anderen Neuzugangs auf den Boden und rief: „Was haben die uns da wieder für Blinde geschickt?!?“ So erzählt es der von allen nur „Sepp“ gerufene (nach Bayern-Hüter Sepp Maier) noch heute, auch wenn die Szene etwas ausgeschmückt scheint. Der dribbelstarke Techniker, der einst die Herzen der Massen bei Chemie erwärmte, wird nun 70 Jahre alt.

Anzeige

„Hast dich ganz gut geschlagen!“

Als Hausnachbar von „Dixie“ Dörner entdeckte Meyer in Görlitz den Fußball für sich, kam schnell zu Dynamo Dresden und kickte dort vorwiegend in der zweiten Mannschaft. Walter Fritzsch kümmerte sich um den begabten Jungen, der jedoch den Durchbruch nicht schaffte und deshalb nach Riesa wechselte. 14 Oberligaspiele und zwei Tore später stiegen die Streichholzstädter ab und der flinke Sepp wechselte ins Leutzscher Holz, wo es zu besagter Szene mit dem legendären Scherbarth kam.

DURCHKLICKEN: Das Leipziger Derby in Bildern

01.12.1984: Oberligaderby zwischen dem 1. FC Lok Leipzig und der BSG Chemie Leipzig. Endstand 4:0. Im Bild: P. Schöne. Zur Galerie
01.12.1984: Oberligaderby zwischen dem 1. FC Lok Leipzig und der BSG Chemie Leipzig. Endstand 4:0. Im Bild: P. Schöne. © LVZ

Wenig später aber tätschelte „Schere“ dem Neuling die Schulter und meinte versöhnlich: „Hast dich ganz gut geschlagen, Kleener!“ Das war der Ritterschlag, Meyer war akzeptiert. Und fristete erstmal nur ein Dasein als Einwechsler. 19 von 26 Spielen bestritt er (zwei Tore) als Teilzeitkraft – und stieg erneut ab. Erst in der Liga (21 Spiele/sechs Tore) wurde er zur Stammkraft und bestritt in der Folgesaison 1975/76 immerhin 25 von 26 Spielen (sechs Tore). Im Astoria wurde beim damals noch üblichen gemeinsamen Bankett mit Lok mit diebischer Freude registriert, als die Kellner die Eisbecher mit einem großen „1:0“ verziert hatten. Meyer: „Das waren ja alles Chemiker. Die Lok-Funktionäre waren stinksauer!“

Dennoch stand der dritte Abstieg in Michael Meyers Karriere zu Buche. Für ihn wäre es beinahe alles noch viel besser gekommen, als Carl Zeiss Jena ihn wollte. „Trabi, Wohnung und 15.000 Mark Handgeld boten die, ich hatte mit Hans Meyer schon alles klar gemacht. Eine Woche später riefen sie an und meinten, Lok lehne meinen Wechsel nach außerhalb des Bezirks ab.“ Der Transfer platzte, Lok wollte ihn aber auch nicht. Und so schlug Chemie zu: „Ich wollte mich bei einem Sponsor melden, dort erhielt ich 5000 Mark in bar. Das war mein Handgeld, falls ich bei Chemie bleiben sollte.“

Als acht Monate Gefängnis drohten

Meyer blieb, spielte drei Serien in der Liga und stieg 1979 mit Chemie auf. Im letzten Aufstiegsspiel gegen Cottbus sagte Alt-Funktionär Karl Plättner die Mannschaften an. Dabei rutschte ihm versehentlich der Spitzname Meyer heraus und er kündigte allen Ernstes „Sepp“ Meyer an. Riesiges Gelächter bei den 18.500 Zuschauern und jahrelange Gaudi beim Erzählen dieser Schmonzette waren die Folge.

Stationen bei Stahl Nordwest und LVB folgten, später engagierte sich Michael Meyer als Trainer bei den Frauenteams u.a. von Lok Leipzig.

Weitere Personalien aus dem Leutzscher Holz

Am 18. Oktober 1982 unterschrieb er eine Verpflichtungserklärung beim Ministerium für Staatssicherheit. Nach eigener Aussage drohten ihm acht Monate Gefängnis, nachdem er einem Freund seinen Personalausweis zur geplanten Flucht über die CSSR in den Westen überlassen hatte. „Ich habe keinem geschadet und nur irgendwelchen Quatsch erzählt, nach einem Jahr war das Ganze auch wieder vorbei“, sagt Michael Meyer. Erzählt habe er seinem engsten Freundeskreis davon, mit dem er eigentlich auch feiern wollte. Durch Corona wird es eher ein stilles Fest mit Frau Marion und Hund „Happy“. Meyer in seiner typisch pragmatischen Art: „Das kann dann eben warten, dann holen wir das eben nach!“