18. April 2020 / 10:00 Uhr

Robin Gosens über Menschlichkeit im Fußball, eine DFB-Nominierung und den Traum von der Bundesliga

Robin Gosens über Menschlichkeit im Fußball, eine DFB-Nominierung und den Traum von der Bundesliga

Tim Lüddecke
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Robin Gosens spielt seit 2017 für Atalanta Bergamo und gilt als heißer Kandidat für die deutsche Nationalmannschaft.
Robin Gosens spielt seit 2017 für Atalanta Bergamo und gilt als heißer Kandidat für die deutsche Nationalmannschaft. © imago images/Gribaudi/ImagePhoto
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Bei Champions-League-Überraschungsklub Atalanta Bergamo zählt der Deutsche Robin Gosens seit Jahren zu den Leistungsträgern – und das, obwohl er nicht bei einem Profiverein ausgebildet wurde. Mit dem SPORTBUZZER sprach der 25-Jährige über seinen langen Weg an die Spitze, ein mögliches DFB-Debüt und den Amateurfußball.

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SPORTBUZZER: Herr Gosens, für wie wahrscheinlich halten Sie es im Rückblick, dass Sie zum Fußball-Profi wurden?

Robin Gosens: Lassen Sie mich nicht lügen, aber mehr als ein Prozent würde ich da nicht drauf geben.

Ohne Nachwuchsleistungszentrum, als jemand, der bis zur A-Jugend in der Niederrhein-Liga spielte. Im März sollten sie - hätte es die Corona-Pandemie nicht gegeben - nun erstmals zur Nationalmannschaft eingeladen werden, berichtete der Kicker. Wie haben Sie davon erfahren?

Ehrlicherweise genauso. Relativ schnell wurden mir dann auch einige Screenshots zugeschickt. (lacht) Es war natürlich schon komisch, weil ich im Vorfeld nichts davon gewusst und auch mit niemandem vom DFB gesprochen hatte. Aber ich war deswegen gar nicht böse, zumal sich die Verantwortlichen unter normalen Umständen mit Sicherheit gemeldet hätten. Für mich war es nach drei Wochen in der Quarantäne einfach herrlich, wieder mal eine positive Nachricht zu erhalten. Die Leute haben sich ausnahmsweise mal nicht wegen der schrecklichen Lage bei uns gemeldet, sondern um mich zu beglückwünschen.

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Wie sehr ärgert es Sie, dass Ihnen das Coronavirus einen Strich durch die Rechnung machte?

Man kann das von zwei Seiten sehen. Ich war jetzt relativ nah dran, deshalb wäre ich natürlich gern mal dabei gewesen und hätte womöglich noch auf den EM-Zug aufspringen können. Andererseits habe ich nun ein Jahr mehr Zeit zu beweisen, dass ich ein Spieler für die Nationalmannschaft bin. So empfinde ich das auch eher.

"Ich glaube, dass ich seit drei Jahren konstant auf hohem Niveau unterwegs bin"

Wieso wäre eine Nominierung gerechtfertigt?

Ich glaube, dass ich seit drei Jahren bei einem ambitionierten Verein konstant auf hohem Niveau unterwegs bin – und das in keiner Eierliga. Die aktuelle Saison ist, gemessen an den Statistiken (sieben Ligatreffer, fünf Vorlagen, d. Red.) und wie ich mich fühle, die persönlich beste in meiner Karriere. Dementsprechend bin ich so selbstbewusst, zu sagen, dass ich mich nicht verstecken muss.

Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass Sie eine Profi-Karriere bereits abgehakt haben.

Sie meinen das Probetraining in der A-Jugend beim BVB, war ja klar, dass das kommen musste. Danach bin ich zumindest nicht mit dem Gefühl nach Hause gefahren: Jetzt kann meine Karriere starten.

Was ist schief gelaufen?

(überlegt lange) Mir haben einfach die Basisfähigkeiten, die ein Spieler im Internat von Anfang an mitbekommt, gefehlt; ein gewisses koordinatives Grundverständnis, aber auch technische Dinge. Also eigentlich: alles. Heute denke ich, war doch eigentlich ganz einfach. Aber damals hat mir das Training die Augen geöffnet.

"Eigentlich war der Zug für mich bereits abgefahren"

Und gesehen haben Sie dann was genau?

Wie gesagt: Eigentlich war der Zug für mich bereits abgefahren. Als ich dann aber nach einem Probetraining in Arnheim die Zusage bekam, in die A-Jugend nach Holland zu wechseln, habe ich mir gesagt: Wenn du diese Chance jetzt anpacken willst, musst du dich um 180 Grad ändern.

Froh, dass Sie es auch ohne Internat geschafft haben?

Definitiv. In meinen Augen habe ich alles richtig gemacht. (lacht) Spaß beiseite: Das ist im Nachhinein natürlich leicht zu sagen und ich kann mich schon glücklich schätzen, weil ich auf nichts in meiner Jugend verzichten musste – was womöglich der Großteil der Jungs im Internat musste.

Vergleichen Sie sich mit diesen Spielern in Ihrer Mannschaft?

Es gibt natürlich Unterschiede. Die Spieler aus den Leistungszentren sind, seitdem sie 14 sind, darauf getrimmt: Ich muss der eine sein, der es am Ende schafft. Man merkt schon, dass sie einen gesunden Egoismus entwickelt habe, dass sie auch mal für sich selbst spielen und versuchen, ihre Karriere voranzubringen. Diese Gedanken habe ich nie entwickelt, weil wir immer in einer Freundestruppe unterwegs waren und aus Spaß gekickt haben.

"Mir wurde schon ein paar Mal attestiert, dass ich teils unorthodox spiele"

Wo liegen sportliche Unterschiede?

Mir wurde das schon ein paar Mal attestiert, dass ich teils etwas unorthodox spiele. Ich versuche zwar schon, mich in taktische Vorgabe reinzuarbeiten, aber ich bin auch irgendwo Freigeist und mache viele Dinge aus Instinkt. Das ist sicher ein Vorteil im Vergleich dazu, wenn man jahrelang nach einem bestimmten Muster trainiert wurde. Und vielleicht auch ein Grund für meine Torgefahr. (lacht)

Wie machen Sie sich bewusst, welch steile Entwicklung Sie hingelegt haben?

Ich sage Ihnen eins, als es Anfang März ein Update meines angeblichen Marktwerts gegeben hat und mir alle Freunde darüber berichtet haben, dachte ich wirklich: Wow. Vor drei Jahren bin für 900.000 Euro nach Bergamo gekommen und jetzt soll ich 25 Millionen Euro (coronabedingt aktuell 20 Millionen, d. Red.) wert sein? Das war schon ein Aha-Moment, dass ich es so weit gebracht habe. Das erträumt man sich natürlich auch.

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"Mir fehlt die Menschlichkeit und ein gewisses Maß an Empathie"

Schöne Summe, nicht?

…die einfach nur Unglaube bei mir auslöst, weil es absurd ist, dass man als Spieler so viel wert sein soll. Ich selber bin davon überzeugt, dass kein Mensch der Welt auch nur zehn Millionen Euro wert ist. Würde ich einen Vergleich mit den 8,50 Euro ziehen, für die ich damals an der Tankstelle gejobbt habe, ist das nur surreal. Aber leider Gottes läuft so das Geschäft.

Muss man es als solches hinnehmen?

Genau, auch wenn mir das persönlich ganz, ganz schwer fällt – und immer tun wird. Mir fehlt einfach die Menschlichkeit und ein gewisses Maß an Empathie den Spielern gegenüber. Es ist nun mal ein Milliardenbusiness, das sich nicht ändern wird.

Sehnen Sie sich manchmal zurück in Amateurzeiten?

Es fehlt mir schon. Ich finde es nach wie vor geil, mir meine Freunde in der Heimat auf der Asche anzugucken, hatte jetzt schon zweimal Glück beim Derby unserer Dorfvereine dabei sein zu können. Ich bin froh, die Zeit damals erlebt zu haben und hoffe, dass ich das nach der Karriere nochmal aufleben lassen kann. In ein paar Jährchen die Karriere mit meinen Kumpels ausklingen lassen – das ist fest geplant.

"Amateurfußball ist nach wie vor Kult"

Verfolgen Sie die Entwicklung im Amateurbereich?

Klar. Ich sehe ja an meinem Heimatverein, dass kein Geld da ist, sich beispielsweise ein neues Tor zu leisten. Das sehe ich sehr kritisch, weil der Amateurfußball nach wie vor Kult ist. Daran erfreut sich der Großteil der Menschen, die nicht die Möglichkeit haben, Profi zu werden, immer noch am meisten. Das sollten wir uns erhalten. Es gibt doch kein schöneres Feeling, als sonntags mit den Jungs auf dem Platz zu stehen und zu kicken.

Wie sieht’s eigentlich mit Ihrem Traum von der Bundesliga aus?

Der steht auf meiner Bucket List weiterhin ganz oben. Das ist so, seitdem ich sechs war, seitdem ich Profi wurde – und das wird auch so bleiben.