04. Juni 2021 / 09:00 Uhr

Robin Gosens über seine Startelf-Chancen bei der EM, Thomas Müller und die Corona-Krise

Robin Gosens über seine Startelf-Chancen bei der EM, Thomas Müller und die Corona-Krise

Heiko Ostendorp
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Robin Gosens hat den Sprung in den EM-Kader von Bundestrainer Joachim Löw geschafft.
Robin Gosens hat den Sprung in den EM-Kader von Bundestrainer Joachim Löw geschafft. © IMAGO/ULMER Pressebildagentur (Montage)
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Auf der linken Seite könnte Robin Gosens bei der anstehenden Europameisterschaft ein Stammplatz winken. Der 26-Jährige hat sich unter Bundestrainer Joachim Löw im DFB-Team etabliert. Im Interview mit dem SPORTBUZZER gibt der Profi von Atalanta Bergamo sich jedoch auch selbstkritisch - und äußert sich auch zu seiner Zukunft.

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Bei Serie-A-Überraschungsklub Atalanta Bergamo ist Robin Gosens ein absoluter Leistungsträger. Längst hat sich der 26-Jährige auch in der deutschen Nationalmannschaft zu einer festen Größe entwickelt - etwa beim 1:1 im Testspiel gegen Dänemark. Auch wenn er seine bisherigen Leistungen im DFB-Team durchaus selbstkritisch einordnet, ist Gosens "bereit" für seine erste Teilnahme bei einem großen Turnier. Im exklusiven SPORTBUZZER-Interview sprach der Linksfuß außerdem über Rückkehrer Thomas Müller und das vergangene Jahr, als seine sportliche Wahlheimat Bergamo zum ersten Corona-Hotspot Europas wurde.

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SPORTBUZZER: Robin Gosens, nach ihrer ersten Nominierung für die Nationalelf sind Sie hupend über die Autobahn gefahren. Wie laut wurde es, nachdem Sie von ihrem EM-Aufgebot erfahren haben?

Robin Gosens: (lacht) Diesmal hatte ich keine Chance zu hupen, da wir an dem Tag das italienische Pokalfinale mit Atalanta Bergamo gespielt haben und ich im Hotel war. Den Freudenschrei gab es trotzdem.



Waren Sie noch überrascht oder hatten Sie insgeheim damit gerechnet?

Ich bin nicht davon ausgegangen, dass ich dabei bin. Aber ich wusste, dass ich eine geile Saison gespielt und mich nochmal verbessert habe. Mit meinen Leistungen im DFB-Dress war ich allerdings nicht immer zufrieden. Da habe ich einen deutlich höheren Anspruch an mich selbst.

Stammplatz beim DFB? "Ich sehe mich in der Bringschuld"

Der Bundestrainer hat auf der linken Abwehrseite drei Spieler nominiert, rechts nur einen. Zeigt das, dass er selbst noch nicht sicher ist, auf wen er setzen will?

Möglich. Alle drei haben jedenfalls eine gute Saison gespielt. Wie gerade erwähnt, sehe ich mich aber schon in der Bringschuld und habe beim DFB bislang nicht das abgerufen, was ich im Verein gezeigt habe. Ich will dem Bundestrainer beweisen, dass ich bereit bin und werde mich in jedem Training reinhauen. Ich brenne auf jede Minute, auch wenn ich nicht sofort spielen sollte. Christoph Kramer war 2014 ein super Beispiel. Weil er sich im Training nie hängenlassen hat, stand er plötzlich im größten Spiel für einen Fußballer auf dem Platz – dem WM-Finale.

Was fällt Ihnen beim Namen Benedikt Höwedes ein?

Dass er 2014 auf links hinten ein sensationelles Turnier gespielt hat, als gelernter Innenverteidiger. Wenn ich an seine Leistungen anknüpfen könnte, hätte ich vieles richtig gemacht – das war schon groß.

Wie haben Sie sich auf ihre erste EM-Vorbereitung eingestellt?

Den größten Kopf habe ich mir tatsächlich darüber gemacht, was alles in den Koffer gehört (lacht). Ich habe mich bei Robin Koch erkundigt – dann habe ich ein paar Socken und Unterhosen eingepackt, das war es eigentlich schon. Ansonsten wollte ich mir keinen Stress machen und jede Sekunde genießen.

Länderspiele für Holland? "War natürlich ein Thema"

Aufgrund ihres holländischen Vaters hätten Sie auch für die Niederlande spielen können. Wie konkret war es?

Der damalige Bondscoach Ronald Koeman hat mich angerufen und da ich damals noch keinen Kontakt zum DFB hatte, war es natürlich ein Thema für mich. Aber ich habe mich immer deutsch gefühlt, obwohl ich durch meine Zeit in Holland auch zu dem Land eine emotionale Bindung aufgebaut und viele niederländische Freunde habe. Aber als sich Joachim Löw gemeldet hat, war die Entscheidung für mich relativ schnell klar.

2014 waren Sie noch auf der Fanmeile unterwegs. Im Trikot von…?

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Thomas Müller.

Der sitzt jetzt in der Kabine neben ihnen…

Ja, das ist schon krass. Es sind so viele Sachen passiert, die vor ein paar Jahren für mich noch total utopisch waren. Thomas Müller ist sicherlich einer der Spieler, zu denen ich am meisten aufschaue. Alleine was er alles gewonnen hat, ist unfassbar. Jetzt spiele ich ihm die Bälle zu und er pusht mich im Training. Das sind "Moments for life", dafür bin ich unglaublich dankbar.

Deutschland in der Einzelkritik: Die Noten gegen Dänemark

Die deutsche Mannschaft kam im ersten EM-Test nicht über ein 1:1 gegen Dänemark hinaus. Deutschland in der Einzelkritik. Zur Galerie
Die deutsche Mannschaft kam im ersten EM-Test nicht über ein 1:1 gegen Dänemark hinaus. Deutschland in der Einzelkritik. ©

"Ich habe immer davon geträumt, in der Bundesliga zu spielen"

Ihr Vertrag bei Bergamo läuft noch ein Jahr. Sehen Sie die EM auch als Schaufenster?

Natürlich will ich nach meiner guten Saison bei der EM die Kirsche auf die Torte packen und zeigen, dass ich auch auf absolutem Topniveau performen kann. Bei einer Europameisterschaft herrscht nochmal eine ganz andere Aufmerksamkeit als beim Klubfußball. Wir werden sehen, wohin mein Weg noch führt.

In die Bundesliga?

Ich habe immer davon geträumt, in der Bundesliga zu spielen. Diesen Traum will ich mir noch erfüllen.

Neben ihrer Karriere studieren Sie Psychologie. Hilft ihnen das im Fußballalltag?

Es gibt mir schon eine mentale Balance und Ausgeglichenheit. Ich versuche, mich selbst zu reflektieren und die Dinge einzuordnen. Hier ist zum Beispiel ein medialer Trubel um die Nationalelf, den ich so nicht kenne. Alles ist ein Thema, alles wird unters Brennglas gelegt. Wenn man das sortieren kann, hilft das, um psychisch stabil zu bleiben.

"Schon, wenn ich darüber rede, bekomme ich einen dicken Klos im Hals"

Wie sehr belastet Sie psychisch noch, was Sie beim Ausbruch der Corona-Pandemie in Bergamo erlebt haben?

Schon, wenn ich darüber rede, bekomme ich einen dicken Klos im Hals, weil sofort alle Bilder wieder in den Kopf schießen. Es war die Hölle auf Erden, wie im Kriegsgebiet. Du bist morgens von den Sirenen wach geworden und abends damit eingeschlafen, weil im Minutentakt Leute ins Krankenhaus eingeliefert wurden oder gestorben sind. Das ging über zwei Monate und wird für immer bleiben, aber auch eine große Lehre sein.

Inwiefern?

Es war einfach dermaßen prägend – natürlich im negativen Sinne. Aber seitdem weiß ich auch die Kleinigkeiten des Lebens noch mehr zu schätzen. Dass es nicht selbstverständlich ist, seine Familie um sich zu haben und zu tun, was man möchte. Es gibt viele Orte auf der Welt, bei denen diese Eingeschränktheit Normalität ist. Ich bin dadurch ein anderer Mensch geworden und es hat mich auch bereichert.

Mit Atalanta waren Sie auch am sogenannten "Spiel 0" gegen Valencia beteiligt, bei dem sich viele Menschen infizierten. Haben Sie sich damals Vorwürfe gemacht?

Ich habe mir diese Frage oft gestellt. Rational weiß ich natürlich, dass wir nichts dafür konnten. Auf der anderen Seite sind die Leute alle wegen uns ins Stadion gekommen und wir waren der Auslöser. Wenn es das Spiel nicht gegeben hätte, wäre vielleicht vieles anders gelaufen. Meine Oma war zum ersten Mal in ihrem Leben im Stadion – ich weiß wirklich nicht, was ich gemacht hätte, wenn ihr da etwas passiert wäre.

"Grundsätzlich fand ich die Idee dieser EM geil"

Wie beurteilen Sie in diesem Zusammenhang eine Pandemie-EM in elf Ländern?

Grundsätzlich fand ich die Idee dieser EM geil und als sie geplant wurde, konnte man natürlich noch nichts von Corona ahnen. Ob und was man im Vorfeld noch am Konzept hätte ändern können, kann ich aber nicht beurteilen. Ich gehe davon aus, dass die Sicherheit für alle Beteiligten gewährleistet ist. Und mit jedem Tag sinken die Infektionszahlen und werden mehr Menschen geimpft. Das macht mir Hoffnung.