10. Juni 2020 / 10:14 Uhr

Rollstuhlbasketballer Joe Bestwick von Hannover United ist jetzt Deutscher

Rollstuhlbasketballer Joe Bestwick von Hannover United ist jetzt Deutscher

Uwe von Holt
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Eine schrecklich nette Familie: Joe Bestwick mit seiner Frau Dana und Töchterchen Robyn am Maschsee. Der United-Star zeigt stolz seine Einbürgerungskunde.
Eine schrecklich nette Familie: Joe Bestwick mit seiner Frau Dana und Töchterchen Robyn am Maschsee. Der United-Star zeigt stolz seine Einbürgerungskunde. © Florian Petrow
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Der 35-jährige Joe Bestwick ist seit 2017 der Star bei den Rollstuhlbasketballern von Hannover United. Der aktuelle Topscorer der Bundesliga lebt seit acht Jahren in Deutschland - jetzt besitzt der gebürtige Engländer auch einen deutschen Pass. 

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Hi, Mr. Bestwick, wie heißt denn der aktuelle deutsche Bundespräsident?

Steinmeier, Frank-Walter Steinmeier, der macht den Job gut. Warum fragen Sie das?

So was muss man doch bestimmt beim deutschen Einbürgerungstest wissen, und den haben Sie ja gerade mit Bravour bestanden.

Ja, das war kein Problem, so schwierig ist das nicht, wenn man schon so viele Jahre hier lebt wie ich. Und man kann sich gut vorbereiten. Es gibt einen Katalog aus 330 Fragen, 30 aus der Region, 300 aus Deutschland. Am Ende bekommst du 33 Fragen und musst davon 17 richtig beantworten. Nur einmal ist mir nichts eingefallen, es ging um einen Politiker aus den 70er-Jahren, da wusste ich den Namen nicht.

Macht ja nichts.

Stimmt, die Urkunde gab es trotzdem. Wegen Corona war es aber leider nicht so feierlich – sonst kommt sogar mal der Oberbürgermeister zu den großen Zeremonien, habe ich gehört. Ich hatte jetzt eine nette Beamtin für mich allein. Es gab nicht mal einen Handschlag, aber als Geschenk den Text der Nationalhymne und eine kleine Ausgabe des Grundgesetzes, das war’s.

Prima Lektüre zum Einschlafen. Zu wie viel Prozent fühlen Sie sich denn jetzt als Deutscher?

Der Pass allein ist ja nicht entscheidend, es gibt ja auch Gefühle. Zuerst bin ich zu 100 Prozent Europäer, dann fifty-fifty Engländer und Deutscher. Weil ich den Einbürgerungsantrag schon vor dem Brexit gestellt habe, besitze ich jetzt beide Pässe, das ist sehr praktisch. Da brauche ich kein Visum, wenn ich nach England will. Aber so oft ist das gar nicht. Wir sind zwar zu Weihnachten und Ostern normalerweise bei meiner Mutter in Nordengland, aber mein Leben und meine Familie sind eben total in Hannover.

Hört sich so an, als fehlt Ihnen die feine englische Lebensart gar nicht so.

Ich war als Engländer schon länger sehr unzufrieden. Vor allem mit der Politik, das ist doch peinlich. Boris Johnson ist da fast so wie Trump. Die sozialen Bedingungen, der Brexit, der Umgang mit Corona, da fühle ich mich nicht gut aufgehoben. In Deutschland funktioniert vieles besser, die Schulen, die Krankenhäuser, das ganze System. Das ist wichtig, wenn du ein kleines Kind hast. Auch die meisten Menschen hier sind anders drauf, es geht liberal zu, das mag ich. Engländer sind oft so laut, hier dagegen kannst du in aller Ruhe in der Fußgängerzone sitzen und gemütlich ein Bier trinken – in Hannover schmeckt mir das Lindener Spezial am besten.

Joe Bestwick (Mitte) setzt zum Wurf an, seine beiden Gegenspieler sehen zu.
Joe Bestwick (Mitte) setzt zum Wurf an, seine beiden Gegenspieler sehen zu. © Maike Lobback

Dabei waren Sie auch schon stolzer englischer Nationalspieler, haben bei den Paralympics 2008 Bronze für die Krone geholt und vor den Spielen „God Save the Queen“ gesungen.

Das war früher. Für England werde ich wohl nicht mehr  spielen, da hat einiges nicht mehr zusammengepasst. Ich war eigentlich immer dicht an der Nationalmannschaft, bei den Turnieren war ich dann aber meistens nicht dabei.

Da passt es sich ja gut, dass Sie ab jetzt als Deutscher für Germany spielen können.

Das könnte sein, erlaubt ist es jedenfalls, das funktioniert im Rollstuhlbasketball anders als im Fußball. Der Bundestrainer war auch schon bei unserem FinalFour-Turnier Ende Februar in Stöcken und hat gefragt, ob ich Lust habe. Natürlich habe ich Lust, meine Frau hat auch zugestimmt, ich bin ja öfter und länger weg von der Familie. Lehrgänge, Spiele – und im nächsten Jahr die Paralympics, wenn ich denn nominiert werden würde.

Da gibt’s ja wohl keinen Zweifel – warum sollte der Bundestrainer auf den besten Scorer der Bundesliga verzichten? Erst recht, wenn mit Martin Kluck Ihr Vereinstrainer bei United noch der deutsche Co-Trainer ist – und einen direkten Draht hat.

Für mich wäre es auf jeden Fall eine Riesensache, in Tokio bei den Paralympics zu starten, keine Frage. Aber ich muss gesund bleiben.

In Aktion: Joe Bestwick hat den Ball und wird von zwei Gegenspielern bedrängt.
In Aktion: Joe Bestwick hat den Ball und wird von zwei Gegenspielern bedrängt. © Maike Lobback

Da drücken wir die Daumen. Sie wirken aber mit Ihren knapp 36 Jahren sehr fit. Wie lange kann man eigentlich in Ihrer Sportart Profi bleiben?

Bis 40 kann das schon hinhauen. Oder auch ein bisschen länger, wenn der Körper mitspielt. Der deutsche Nationalspieler Dirk Köhler hat mit knapp 50 noch auf höchstem Niveau gespielt.

Trotzdem müssen Sie sich irgendwann Gedanken über die Zeit nach der Profikarriere machen.

Natürlich. Ich studiere nebenbei an der englischen Fernuni, da ist einiges Spannendes dabei – Psychologie, Sport, Coaching. Ich würde gern später als Motivationstrainer für Jugendliche arbeiten – oder für Firmen. Ich denke, ich habe aus dem Sport ein gutes Gefühl für Teambuilding. An meinem Deutsch muss ich aber noch arbeiten, in dem Job ist es sehr wichtig, die Zwischentöne und die Feinheiten formulieren zu können.

Sie könnten ja auch Rollstuhlbasketballtrainer werden.

Das bin ich doch schon, ich habe die Lizenz in England gemacht. Trainer kann ich mir gut vorstellen, aber ich müsste dafür noch mehr Geduld lernen, das ist nicht so meine Stärke. Bei den Spielen bin ich immer der, der nicht zufrieden ist, auch wenn wir mit 30 Vorsprung gewinnen. Dann will ich mit 35 gewinnen …

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Wissen Sie eigentlich schon, unter welchen Umständen Sie mit Hannover United in der kommenden Saison spielen und gewinnen können?

Der Plan der Liga ist es, Ende September zu starten – wegen Corona leider ohne Garantie. Immerhin können wir wieder trainieren, natürlich mit den bekannten Einschränkungen. Zweikämpfe sind noch nicht dabei, in die Halle dürfen nur vier Spieler gleichzeitig, in den Kraftraum zwei. Ich hoffe trotzdem, dass wir bald wieder Punktspiele machen können, zur Not eben ohne Zuschauer.

Sind Geisterspiele beim Rollstuhlbasketball denn überhaupt sinnvoll?

Das ist schwierig, aber möglich. Ohne Spiele gibt es keine Sponsoren, keine Verträge, deshalb es muss irgendwie weitergehen. Natürlich ist es schade ohne Fans, auch weil das Publikum in Hannover ganz große Klasse ist. Aber immerhin wären unsere Spiele für die Fans im Live­stream zu sehen – das ist für alle besser als nichts.