11. Februar 2020 / 16:01 Uhr

Rollstuhlrugby: Leipziger Nationalspieler Josco Wilke träumt von Tokio

Rollstuhlrugby: Leipziger Nationalspieler Josco Wilke träumt von Tokio

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Rollstuhlrugby-Nationalspieler Josco Wilke.
Rollstuhlrugby-Nationalspieler Josco Wilke. © Nadine Bieneck
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Von olympischen Spielen träumt wohl jeder Nachwuchssportler – so auch der 18-jährige Leipziger Josco Wilke. Er will mit der Nationalmannschaft im Rollstuhlrugby die Qualifikation für Olympia schaffen.

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Leipzig. Der Schüler des Sportgymnasiums kommt aus einer sportbegeisterten Familie. Mutter Jana Wilke und Tante Annett Marder sind ehemalige Wasserspringerinnen und arbeiten als Trainerinnen beim SC DHfK. Da war es schon fast folgerichtig, dass Josco bereits als Grundschüler diesen Sport ausprobierte – ebenso wie Leichtathletik und Tennis. Richtig angetan hatte es ihm aber der Hockeysport, den er ab der 4. Klasse beim ATV Leipzig betrieb, dort als eines der größten Talente galt und der ihm einen Platz am Leipziger Sportgymnasium brachte.

Der Traum von einer großen Hockeykarriere endete abrupt im Sommer 2015 auf dem Weg zum Sportunterricht. „Ich spürte plötzlich Schmerzen im Brustbereich und ruhte mich daher kurz aus. Ich ging trotzdem trainieren, verspürte aber ein stärker werdendes Taubheitsgefühl in den Gliedmaßen. Daher riefen wir einen Krankenwagen, der mich ins St. Georg Klinikum brachte.“ Nach einigen Tagen auf der Intensivstation diagnostizierte man bei ihm einen Rückenmarksinfarkt – eine sehr seltene Schädigung des Rückenmarks. Die Lähmung in den Gliedmaßen führte dazu, dass der Nachwuchsathlet seitdem im Rollstuhl sitzt.

Jüngster Spieler aller Zeiten

Dem ersten Schock folgte schnell der Blick nach vorn. Mit sportlichem Ehrgeiz ging er die Reha im Neuroorthopädischen Zentrum an und hat bis heute die begründete Hoffnung, eines Tages wieder laufen zu können. „Ich mache mir da keinen zeitlichen Druck und arbeite Stück für Stück an meiner Genesung“, so Wilke. Eines hat er im Verlauf seiner Rehamaßnahmen gelernt: „Sport ist eine gute Medizin.“ Sein Gesundheitszustand erforderte allerdings eine Neuorientierung, denn an Hockey war nicht mehr zu denken. „Ich habe einiges ausprobiert. Beim Tischtennis fehlte mir etwas die Bewegung und Rollstuhlbasketball war mir wegen der fehlenden Kraft in den Händen zu schwer.“

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Fündig wurde er beim Rollstuhlrugby, einem Sport für Tetraplegiker – also Menschen mit Einschränkungen an allen vier Extremitäten. „Die Rugbylöwen Leipzig hatten sich im Rehazentrum mal vorgestellt und ich wollte das einfach mal ausprobieren.“ Dann ging es Schlag auf Schlag. Nach nur wenigen Monaten im Trainingsbetrieb unter Dirk Schmidt erhielt er von Nationalspieler Jens Sauerbier, der gleichzeitig die deutsche Nachwuchsauswahl coacht, eine Einladung zur Junioren-Nationalmannschaft. Die Juniorenauswahl war allerdings nur ein kurzer Zwischenschritt, denn 2018 wurde er bereits in das Auswahlteam der Erwachsenen berufen – als jüngster Spieler aller Zeiten. Und Jens Sauerbier wurde vom Trainer in der Juniorenauswahl zum Teamkameraden im Nationalteam. Sein erstes großes internationales Turnier bestritt Wilke im Sommer 2019 bei der Europameisterschaft in Vejle (Dänemark). Das deutsche Team verpasste mit Platz 5 zwar die direkte Paralympics-Qualifikation, aber der 18-jährige Leipziger wurde in das All-Star-Team der EM gewählt. „Josco ist ein großer Gewinn für das Nationalteam und ein Riesentalent. Sein Spielverständnis ist hervorragend. Da merkt man natürlich auch die Erfahrung aus seiner Zeit als ambitionierter Hockeyspieler“, lobt Teamkollege Jens Sauerbier.

Taktik spielt große Rolle

Vom 2. bis 8. März entscheidet sich, ob Josco Wilke doch noch das Ticket für Tokio 2020 lösen kann. Dann findet im Richmond Olympic Oval, dem Austragungsort der Eisschnelllaufwettbewerbe der Spiele von Vancouver, das finale Qualifikationsturnier statt. Die größten Konkurrenten sind Gastgeber Kanada, Schweden und Frankreich. „In Topform sind alle drei Teams schlagbar“, ist Wilke optimistisch. Zwei Tokio-Tickets werden beim Turnier vergeben.

Beim kürzlichen Trainingslager auf Lanzarote wurde die EM noch einmal unter anderem mit ausführlichem Videostudium ausgewertet. Sowohl gegen Frankreich (EM-Dritter) als auch gegen Schweden (EM-Vierter) verlor die Mannschaft von Bundestrainer Christoph Werner, wenn auch nur knapp. Daher wurde das Taktiktraining vor allem auf diese beiden europäischen Hauptkonkurrenten ausgerichtet. Und Taktik spielt eine große Rolle im Rollstuhlrugby. Wichtig ist das perfekte Zusammenspiel von Low-, Mid- und Highpointern (Klassifizierung aufgrund des Behinderungsgrades). Während die Lowpointer vorwiegend die Gegner blocken, sollen die Mid- und Highpointer das Spiel machen und Punkte erzielen. Wilke ist mit einer 2,0-Klassifizierung ein Midpointer.

Zuletzt war Deutschland 2008 in Peking bei den Paralympics vertreten. Damals wurde man Sechster. Ob es zur erneuten Dienstreise nach Fernost kommt, klärt sich Anfang März. Wenige Tage vor der Abreise nach Kanada trifft sich das Nationalteam zu einem finalen Lehrgang in Großwallstadt für den letzten Feinschliff.

Stefan Friedrich

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