27. Oktober 2015 / 09:37 Uhr

Ronald Reng: Roberts Tod wird zweckentfremdet

Ronald Reng: Roberts Tod wird zweckentfremdet

Ronald Reng
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Ronald Reng ist Autor der Robert-Enke-Biographie - und Verfasser dieser Sportbuzzer-Kolumne.
Ronald Reng ist Autor der Robert-Enke-Biographie - und Verfasser dieser Sportbuzzer-Kolumne. © dpa
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Warum mit dem Tod des 96-Torwarts noch immer nicht vernünftig umgegangen wird. Die Sportbuzzer-Kolumne von Schriftsteller und Sportjournalist Ronald Reng.

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Mit der Umstellung auf die Winterzeit stellt sich auch mein Gehirn um. Das Zurückdrehen der Uhr um eine Stunde kündigt unausweichlich die Winterdunkelheit an, und genauso zwangsläufig wird es dann auch in meinem Gehirn dunkel: Die Erinnerung spult wieder all die Details des 10. November 2009 ab, als sich Robert Enke selbst tötete. Es braucht dann immer einige Tage, bis auch wieder die leichten Momente mit ihm ins Gedächtnis zurückkehren, etwa wie wir, nachts um zwölf in seinem Wohnzimmer, Torwarthandschuhe testeten. Ich warf den Ball übers Sofa, er fing ihn.

Viele Menschen engagieren sich seit seinem Tod selbstlos in der Depressionsbekämpfung, damit anderen seelisch leidenden Leistungssportlern geholfen wird, allen voran seine Frau Teresa. Doch von Zeit zu Zeit wird Roberts Tod zweckentfremdet: Leute im Profifußball, die unter harscher Kritik stehen, verweisen darauf, man solle doch daran denken, was mit Robert Enke passiert sei. Der heutige Fürther Torwart Sebastian Mielitz und erst kürzlich der Sportdirektor des Hamburger SV, Peter Knäbel, fallen mir spontan ein, die sinngemäß sagten, ihre Kritiker sollten „den Fall Enke nicht vergessen“.

Dieser Verweis ist fahrlässig. Robert tötete sich, weil ihm die Depression, eine Krankheit, die Perspektive verzehrte, nicht weil er an Kritik litt. Der Vergleich ist aber auch unanständig, weil er das Schicksal eines Toten für die eigene Verteidigung missbraucht, und er ist vor allem gefährlich, weil er die Krankheit Depression banalisiert: Es wird der Eindruck erzeugt, es bräuchte nur einen netteren Umgang im Profifußball, und alles wäre gut. Es braucht aber mehr handfeste Hilfe, etwa Routineuntersuchungen durch Sportpsychiater, um seelische Belastungen im Leistungssport zu erkennen und zu behandeln. Dafür sollte die Erinnerung an Robert dienen, so dunkel sie an manchen Tagen auch ist.