25. Oktober 2020 / 08:56 Uhr

Rot gegen Kulke: Dynamo Dresden hadert in Ingolstadt mit dem Schiedsrichter

Rot gegen Kulke: Dynamo Dresden hadert in Ingolstadt mit dem Schiedsrichter

Caroline Grossmann und Stefan Schramm
Dresdner Neueste Nachrichten
Schiedsrichter Martin Thomsen (mi.) zückte nach einem Foul an Ingolstadts Kapitän und Ex-Dynamo Stefan Kutschke (re.) bereits nach vier Spielminuten die rote Karte gegen Dresdens Max Kulke (li.).
Schiedsrichter Martin Thomsen (mi.) zückte nach einem Foul an Ingolstadts Kapitän und Ex-Dynamo Stefan Kutschke (re.) bereits nach vier Spielminuten die rote Karte gegen Dresdens Max Kulke (li.). © Adam Pretty/Getty Images
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Der frühe Platzverweis gegen Dresdens Rechtsverteidiger stellt das Spiel auf den Kopf. Nicht nur die Schwarz-Gelben, sondern auch der Gefoulte empfinden die Doppelbestrafung als zu hart.

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Ingolstadt/Dresden. Wie schon nach der 1:2-Heimniederlage gegen den FSV Zwickau, als sich Chris Löwe in der 15. Minute schwer verletzte, gab es auch im Anschluss an Dynamo Dresdens 0:1-Auswärtspleite beim FC Ingolstadt nur ein Thema. Wieder ging es um eine frühe Situation – und die entschied diesmal gleich die gesamte Partie: der Elfmeterpfiff und Platzverweis gegen Max Kulke (4.).

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Dynamos Rechtsverteidiger war beim ersten Ingolstädter Angriff, der aus einem kapitalen Fehlpass von Torwart Kevin Broll entstand, beim Zweikampf mit Ex-Dynamo Stefan Kutschke kurz vorm Kasten ein wenig im Hintertreffen. Kulke und der Ingolstädter Kapitän, der in Ballbesitz war, beharkten sich. Das Dresdner Talent hielt seinen erfahrenen Gegenspieler kurz fest und traf ihn wohl auch am Fuß.

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Zweite Niederlage in Serie: Die SG Dynamo Dresden verlor beim FC Ingolstadt mit 0:1. Zur Galerie
Zweite Niederlage in Serie: Die SG Dynamo Dresden verlor beim FC Ingolstadt mit 0:1. ©

Kutschke nahm das Geschenk dankend an und fiel schnell. Schiedsrichter Martin Thomsen zeigte sofort auf den Punkt, zückte aber zum Entsetzen der Sachsen anschließend die rote Karte. Riesenaufregung im Dynamo-Lager, Cheftrainer Markus Kauczinski war wütend auf den Referee. „Wenn ich die Bilder sehe, denke ich, dass es ein Elfmeter ist. Aber es ist eine Aktion zum Ball und auf keinen Fall eine rote Karte. Gelb hätte es auf jeden Fall auch getan. Nach vier Minuten bist du 86 Minuten in Unterzahl. Wir haben das trotzdem gerade dann gut gemacht, aber sowas macht eben alles kaputt“, ärgerte sich der 50-Jährige nachher.

Strafstoß zwingend, Rest Ermessen

Max Kulke, der fassungslos den Rasen verlassen hatte, stieß naturgemäß ins gleiche Horn: „Meiner Meinung nach ist das eine zu harte Entscheidung. Ich persönlich habe gedacht, dass ich den Ball getroffen habe – aber auch den Gegenspieler. Einen Elfmeter kann man in dem Moment geben, aber eine rote Karte ist viel zu hart. Mich kotzt es an, nach drei Minuten schon vom Platz zu gehen. Man ist gerade im Spiel drin und muss gehen. Man wollte unbedingt helfen, konnte aber nicht.“


Kleiner Ausflug in die Regelkunde: Um eine Doppelbestrafung zu vermeiden, hat der Schiedsrichter seit der Saison 2016/17 die Möglichkeit, selbst bei einer Notbremse im eigenen Strafraum nur die gelbe Karte zu zeigen. Voraussetzung dafür ist, dass der foulende Spieler klar versucht hat, regelkonform an den Ball zu gelangen und es bei seiner Aktion eben nicht darauf angelegt hat, den Gegner zu fällen.

Fakt ist, dass Kulke, der in reichlich zwei Wochen seinen 20. Geburtstag feiert und dann wohl noch gesperrt sein wird, mit seiner Aktion durch einen Regelverstoß eine klare Torchance verhindert hat – der Strafstoß ist zwingend, der Rest Ermessenssache des Unparteiischen. Und dessen Tatsachenentscheidung lautete auf Platzverweis, da er Kulke offenbar nicht den Versuch bescheinigen wollte, mit fairen Mitteln zum Ball zu gelangen.

Mai: Verhältnismäßigkeit fehlt

„Der Ball ist in der Nähe und dann ist es eine Aktion zum Ball – einhundert Prozent. Rot ist eine absolute Frechheit, wenn man letzte Woche sieht, dass Chris Löwe sich im Knie einen Totalschaden zuzieht und der Gegner eine gelbe Karte sieht. ,Kulle‘ kriegt für maximal ein leichtes Halten oder ein bisschen getroffen eine rote Karte. Da stellt sich mir die Frage nach dem Gleichgewicht. Das ist absolut nicht vorhanden“, schimpfte Dynamo-Kapitän Sebastian Mai.

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Sebastian Mai (Dynamo Dresden): Wir haben es gut gemacht. 90 Minuten in Unterzahl zu spielen, ist eine Aufgabe, vor allem in der englischen Woche. Aber ich bin der Meinung, dass wir es verdient hätten, hier mindestens einen Punkt mitzunehmen, weil ich finde, dass Ingolstadt ab der roten Karte nicht mehr stattgefunden hat. Wir haben ein, zwei Bälle zu leicht verloren und sie eingeladen. Aber wir haben es immer wegverteidigen können. Von daher bin ich der Meinung, dass mindestens ein Punkt verdient gewesen wäre. Zur Galerie
Sebastian Mai (Dynamo Dresden): "Wir haben es gut gemacht. 90 Minuten in Unterzahl zu spielen, ist eine Aufgabe, vor allem in der englischen Woche. Aber ich bin der Meinung, dass wir es verdient hätten, hier mindestens einen Punkt mitzunehmen, weil ich finde, dass Ingolstadt ab der roten Karte nicht mehr stattgefunden hat. Wir haben ein, zwei Bälle zu leicht verloren und sie eingeladen. Aber wir haben es immer wegverteidigen können. Von daher bin ich der Meinung, dass mindestens ein Punkt verdient gewesen wäre." ©

Erstaunlicherweise weicht Stefan Kutschkes Meinung – als gebürtiger Dresdner und einst erfolgreicher SGD-Stürmer zwar bekanntermaßen Dynamo-Sympathisant, in diesem Falle aber Gegenspieler – kaum von der Sichtweise der Gäste ab. „Über den Elfmeter müssen wir nicht diskutieren, das war einer. Die Doppelbestrafung mit der roten Karte ist für mich ziemlich hart. Irgendwann war es mal so: Wenn der Spieler einen grob verletzt, kann man über eine rote Karte reden. Aber wir haben ja keine grobe Verletzung gehabt. Elfmeter und Gelb wäre da absolut gerecht gewesen.“

Unheimliche Rot-Serie

Den Strafstoß verwandelte der Gefoulte selbst zum Tor des Tages in der 5. Minute, jubelte aber nach dem Treffer gegen seinen Herzensverein nicht. „Das Spiel steht dann auf dem Kopf, wir haben ein bisschen Zeit gebraucht, um uns zu sammeln, waren erst mal darauf bedacht, wenig zuzulassen, haben das ordentlich gemacht, ohne Entlastung zu schaffen. Wir haben mit Ransford (Königsdörffer, d. Red.) einen eigentlich offensiven Mann nach rechts hinten gestellt“, erklärte Markus Kauczinski.

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(1) Kevin Broll: Spielt vor der Elfmetersituation einen schlimmen Fehlpass auf Bilbija und bringt seine Vorderleute damit unnötig in Bedrängnis (3.). Kutschkes anschließenden Strafstoß (5.) kann er nicht parieren. Bewahrt Dynamo mit guten Paraden gegen Niskanen (28.) und Schröck (32.) aber vor einem höheren Rückstand. Die Niederlage geht dennoch zu einem guten Teil mit auf seine Kappe. Note: 4,5 Zur Galerie
(1) Kevin Broll: Spielt vor der Elfmetersituation einen schlimmen Fehlpass auf Bilbija und bringt seine Vorderleute damit unnötig in Bedrängnis (3.). Kutschkes anschließenden Strafstoß (5.) kann er nicht parieren. Bewahrt Dynamo mit guten Paraden gegen Niskanen (28.) und Schröck (32.) aber vor einem höheren Rückstand. Die Niederlage geht dennoch zu einem guten Teil mit auf seine Kappe. Note: 4,5 ©

Als Chefcoach von Dynamo hat er es mit einer unheimlichen Serie zu tun. Saisonübergreifend fünf der vergangenen sechs Auswärtsspiele beendete Dynamo nach Platzverweisen in Unterzahl! Los ging es am 18. Juni mit einer gelb-roten Karte gegen Jannik Müller (39.), als es noch 0:0 bei Holstein Kiel stand. Endresultat: 0:2. Drei Tage später flog Chris Löwe in Sandhausen vom Platz (72.) – in Unterzahl gelang Marco Hartmann noch das goldene Tor zum 1:0 (90.), doch der Abstieg aus Liga zwei war trotzdem besiegelt.

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Foul an Stefaniak nicht geahndet

Im Auftaktspiel dieser Drittligasaison beim 1. FC Kaiserslautern war Löwe noch gesperrt, als Paul Will nach einem Handspiel mit einer gelb-roten Karte vorzeitig duschen musste (43.). Dennoch rettete Dynamo die 1:0-Führung nach Sebastian Mais Tor (17.) ins Ziel. Zwei Wochen später beendete die SGD auch die Partie bei der Bayern-Reserve nach Gelb-Rot gegen Tim Knipping (83.) in Unterzahl. Zu diesem Zeitpunkt stand es allerdings schon 0:2, am Ende dann sogar 0:3 aus Dresdner Sicht.

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Einzig beim 1:0-Sieg in Lübeck vor einer Woche traf der Platzverweis mal nicht die Schwarz-Gelben, die damit ausnahmsweise ein Gastspiel zu elft beendeten, sondern den Gegner. „Es ist generell gerade so, dass es viele gelb-rote und rote Karten gibt – manche zu Recht und manche zu Unrecht. Deswegen will ich das gar nicht immer bewerten. Natürlich muss Ziel sein, solche Situationen zu vermeiden, aber wir können auch nicht für alles etwas“, sah Markus Kauczinski den einen oder anderen Platzverweis als ungerechtfertigt an.

Klar ist, dass das Spielen in Unterzahl nicht gerade die Erfolgsaussichten in der Fremde erhöht. Ärgerlich war für die Sportgemeinschaft zudem, dass der Schiedsrichter in der 80. Minute übersah, dass Michael Heinloth im eigenen Strafraum den Dresdner Marvin Stefaniak mit dem Ellenbogen im Gesicht traf. „Das ist ein klarer Elfmeter für uns“, beschwerte sich Kauczinski und bilanzierte: „Mit dem Quäntchen Glück und einer anderen Entscheidung, vielleicht auch mit dem Videobeweis, wäre es heute wohl anders für uns ausgegangen.“ So aber steht die zweite Niederlage in Folge zu Buche – und nun sind die Schwarz-Gelben im Kampf um den direkten Wiederaufstieg in die 2. Bundesliga nicht mehr im Soll.