11. Juli 2021 / 18:53 Uhr

Rücktritt und Rechtsstreit: Es brodelt im Landesfußballverband MV

Rücktritt und Rechtsstreit: Es brodelt im Landesfußballverband MV

Horst Schreiber
Ostsee-Zeitung
Das Sportforum in Rostock ist Heimstätte des Landesfußballverband MV. In den Büroräumen dürfte es in nächster Zeit ungemütlich werden.
Das Sportforum in Rostock ist Heimstätte des Landesfußballverband MV. In den Büroräumen dürfte es in nächster Zeit ungemütlich werden. © Thomas Mandt/Horst Schreiber
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Der Abgang von Ulf Kuchel ist eine Reaktion auf einen jahrelangen Disput im Schiedsrichterwesen, der sich gerade zuspitzt. Es geht um persönliche Befindlichkeiten, unverhältnismäßige Sanktionen und die Verhinderung eines weiteren Knalls im LFV.

Ulf Kuchel ist als Vorsitzender des Spielausschusses beim Landesfußballverband Mecklenburg-Vorpommern (LFV) zurückgetreten. Diese eigentlich unscheinbare Nachricht birgt eine Menge Zündstoff. Denn sie lenkt die Aufmerksamkeit auf einen jahrelang schwelenden Streit zwischen dem Schiedsrichterausschuss und Steffen Ludwig, seit einer Woche Ex-Unparteiischer im LFV. Nun droht der Disput zu eskalieren. Es geht um persönliche Befindlichkeiten, unverhältnismäßige Sanktionen und die Verhinderung eines weiteren Knalls im LFV. „Das ist ein Skandal, was da im Landesfußballverband läuft!“, betont Kuchel.

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Der langjährige Vorsitzende des Spielausschusses trat kurz nach Veröffentlichung der Spielpläne für die neue Saison aus Solidarität zu Ludwig zurück. Der Grund ist „der Umgang mit Steffen Ludwig sowie der nicht vorhandene Aufklärungswille beim LFV. Das kann so nicht weitergehen! Wenn ich mit meinem Rücktritt bewirken konnte, dass jetzt endlich eine objektive Aufklärung in diesem Fall betrieben wird, habe ich viel erreicht“, sagt Kuchel deutlich.

Die Nachricht zu Kuchels Rücktritt

Urknall 2018

Die Vorgeschichte: 2018 wurde der Schiedsrichterausschuss neu besetzt. Torsten Koop wurde als Vorsitzender bestätigt, der Ludwig (war seit 2009 Schiedsrichteransetzer für die Landesligen und Landesklassen) nicht mehr berücksichtigte. Es soll ein unsportlicher Rauswurf gewesen sein. In der Folge kam es auf beiden Seiten immer wieder zu Aktionen und Reaktionen. Beispielsweise sollen Beobachter aus anderen Bundesländern von Ludwig geleitete Spiele kontrolliert haben.

Der Rostocker reichte Ende 2019 sogar eine Beschwerde über die Neubesetzung des Schiedsrichterausschusses bei der Ethikkommission des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ein. Ohne Erfolg. Im September 2020 entschied sich die Ethikkommission schlussendlich, kein Verfahren einzuleiten, „weil es sich primär um einen Vorgang aus dem Landesverband gehandelt hat“, schreibt der DFB auf Nachfrage des SPORTBUZZER MV. Der Verband erläutert weiter, dass er nur dann eingreift, wenn „durch Organe des Landesverbandes Regularien des DFB missachtet werden. Dies war nach Auffassung der Kommission in diesem Fall nicht gegeben.“

Fast drei Jahre streiten Ludwig und der LFV ohne Ergebnis und ohne Aussicht auf Besserung in der Zusammenarbeit beider Seiten. Stattdessen verhärten sich die Fronten. Seit April läuft ein Rechtsstreit zwischen Ludwig und dem LFV. Zudem wurde der Schiedsrichter aus Rostock vor wenigen Tagen aus der Kaderliste der Unparteiischen gestrichen. „Das ist die größte Strafe für einen Schiedsrichter“, bemerkt Kuchel.

Sieben Fehlverhalten listet die Schiedsrichterordnung des LFV auf, wegen der ein Unparteiischer sanktioniert werden kann. Der genaue Grund, warum Ludwig weichen muss, ist nicht öffentlich bekannt. Die Streitparteien geben sich wortkarg. „Details zum Verfahren kann ich nicht nennen“, sagen Steffen Ludwig, der durch eine Wismarer Anwaltskanzlei vertreten wird, sowie Torsten Koop als Vorsitzender des Schiedsrichterausschusses und sein Stellvertreter Enrico Barsch unisono.


SG Motor Neptun Rostock wendet sich öffentlich an LFV-Präsidenten

Etwas Licht ins Dunkle bringt ein offener Brief der SG Motor Neptun Rostock, dem Verein Ludwigs. Darin beklagt der Klub die in seinen Augen fadenscheinige Begründung zum Ausschlussverfahren: „Als Zeugen der in der Begründung enthaltenen Anschuldigungen können wir dazu jedoch mitteilen, dass die Begründung vielmehr einer Meinung des Verfassers entspricht und sowohl weitere Beteiligte als auch Außenstehende die Angelegenheit objektiv anders bewerten [...]“.

Adressiert ist das Schreiben an LFV-Präsident Joachim Masuch mit den Worten: „Wir fordern Sie [...] dazu auf, die fast drei Jahre währende Auseinandersetzung in ein neues Licht zu stellen, die Angelegenheiten mit all ihren Fehlern, egal ob persönlich oder formal und egal von welcher Seite, lückenlos aufzuklären, mit dem dringenden Ziel, den Sportfreund Ludwig in sein Ehrenamt als Schiedsrichter zurückkehren zu lassen [...]“.

Der Verbandschef ließ über eine Erklärung verlauten, dass er sich nicht zu Inhalten des Briefs und Verfahrens äußern werde. Auf SPORTBUZZER-Nachfrage sagte Masuch: „Ich habe Verständnis dafür, dass sich ein Verein für sein Mitglied einsetzt. Es gibt ein Problem innerhalb des Verbands. Mein Wunsch ist, dass wir dieses auch innerhalb des Verbands lösen.“

Beschwerde landet wohl vor Gericht

Auch Ludwig ist daran gelegen. Er hat mittlerweile über eine Wismarer Anwaltskanzlei Beschwerde gegen die Streichung von der Schiedsrichterliste eingelegt. Kurioserweise entscheidet der Schiedsrichterausschuss, gegen den sich die Beschwerde richtet, darüber, ob der Beschwerde stattgegeben wird oder ob sie zum Verbandsgericht weitergeleitet wird. Letzteres scheint wahrscheinlicher. Das kann ein Urteil fällen oder einen Vergleich zwischen beiden Parteien vorschlagen.

Die Entscheidung ist in jedem Fall heikel. Denn Ulf Kuchel ist nicht der Einzige, der den langen Streit satt hat. Weitere (ehemalige) LFV-Mitglieder betrachten das Vorgehen mit Sorge. Es ist nicht auszuschließen, dass es noch einmal knallen wird im Fußballverband.