28. Mai 2021 / 06:00 Uhr

Rudi Völler über die deutschen EM-Chancen, seine Turnier-Favoriten und die Unruhe beim DFB

Rudi Völler über die deutschen EM-Chancen, seine Turnier-Favoriten und die Unruhe beim DFB

Tobias Manzke
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Ex-DFB-Teamchef Rudi Völler schätzt im SPORTBUZZER-Interview unter anderem die Chancen der deutschen Nationalmannschaft bei der EM 2021 ein.
Ex-DFB-Teamchef Rudi Völler schätzt im SPORTBUZZER-Interview unter anderem die Chancen der deutschen Nationalmannschaft bei der EM 2021 ein. © IMAGO/Eibner/Christian Schroedter/Montage
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Rudi Völler spricht im SPORTBUZZER-Interview über die anstehende EM und seine Erwartungen an die DFB-Elf. Zudem nennt er seine Favoriten und äußert sich zur Unruhe an der DFB-Spitze. Auch zu den Entwicklungen von Kai Havertz und Florian Wirtz bezieht der Geschäftsführer von Bayer Leverkusen Stellung.

Rudi Völler wurde 1990 mit Deutschland Weltmeister. In 90 Länderspielen für die Nationalmannschaft erzielte der jetzige Sportgeschäftsführer von Bayer Leverkusen 47 Treffer. Am Dienstag wurde er offiziell in die Hall of Fame im Deutschen Fußball Museum in Dortmund aufgenommen. Im Rahmen der Veranstaltung wurde die Nacht der Legenden aufgezeichnet, die am 2. Juni im Anschluss an das Länderspiel Deutschland gegen Dänemark bei RTL zu sehen ist. Im Interview mit dem SPORTBUZZER, dem Sportportal des RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND), spricht Völler über den neuen Bayer-Coach Gerardo Seoane, Bundestrainer Joachim Löw, die EM und den DFB. Zudem äußert er sich zu den Entwicklungen von Florian Wirtz und Kai Havertz.

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SPORTBUZZER: Herr Völler, eine Aufnahme in eine Hall of Fame bedeutet auch meist, dass man älter wird. Ein komisches Gefühl?

Rudi Völler (61): Nein, nein. Auf keinen Fall (lacht). Auf so eine Auszeichnung kann man stolz sein. Gerade in einer Fußballnation wie Deutschland, die über Jahrzehnte Weltklassespieler hervorgebracht hat. Da gehörst du jetzt dazu und das schon relativ früh. Das ist nicht selbstverständlich und eine wunderbare Sache.

Mit Bayer Leverkusen kämpften Sie am Ende des vergangenen Jahres noch um die Tabellenspitze. Am Ende reichte es nur zu Platz sechs. Zufrieden?

Nach der Vorrunde waren wir Dritter. In der Rückrunde gab es dann verschiedene Gründe für den Absturz. Wir hatten sehr viele Langzeitverletzte, so etwas habe ich bei Bayer 04 noch nicht erlebt. Trotzdem hatten wir immer noch eine Mannschaft zur Verfügung, die es hätte besser machen können und müssen. Das ist uns leider nicht gelungen. Durch den sechsten Platz konnten wir die Saison noch einigermaßen retten, das Ziel war aber eigentlich die Champions League. Das werden wir uns für die kommende Saison wieder vornehmen.

Dann mit Gerardo Seoane als neuem Trainer. Was hat den Ausschlag für ihn gegeben?


Er hat seine Qualitäten in der Schweiz eindrucksvoll unter Beweis gestellt, ist drei Mal hintereinander Meister geworden. In den Spielen gegen uns in der Europa League hat er es taktisch sehr gut gemacht. Das war eine reife Leistung. Wir sind sehr optimistisch, mit ihm eine sehr gute Saison zu spielen.

Auffällig in dieser Saison sind die Ablösesummen für Trainer. Überrascht Sie diese Entwicklung?

Solche Ausstiegsklauseln gab es früher auch schon. Allerdings auf einem finanziell erheblich niedrigeren Niveau. Das einzig Überraschende ist doch die Höhe. Fünf, sieben oder über 20 Millionen, das gab es nicht, das ist eine neue Entwicklung. Ich denke aber, das war in der speziellen Konstellation in dieser Saison eine Kettenreaktion und wird sich wieder beruhigen.

Zumal das Geld ja nicht so locker sitzt. Der BVB musste wegen Corona einen Verlust von 75 Millionen Euro melden. Wie sieht es bei Bayer aus?

Verluste erleiden viele Vereine in dieser Krise – der eine mehr, der andere weniger. Wir hatten das Glück, im letzten Sommer trotz der Corona-Krise Kai Havertz für eine hohe Summe verkaufen zu können. Das hilft in solch einer natürlich auch für uns schwierigen Situation.

Bundestrainer Joachim Löw verzichtet bei der EM auf Bayer-Spieler Florian Wirtz. Eine richtige Entscheidung?

Ich weiß, wie schwierig es ist, einen Kader zu nominieren. Florian hat zuletzt bei der Nationalelf reinschnuppern dürfen, auch wenn er nicht zum Einsatz kam. Ich weiß, dass Hansi Flick viel von ihm hält. Das erste Länderspiel kommt bestimmt und auch noch weitere, da bin ich sicher. Florian ist mit zwei, drei anderen Spielern das Juwel der U-Mannschaften und wird noch oft das deutsche Trikot tragen.

Sie sprechen Hansi Flick an. Ist er die richtige Wahl als neuer Bundestrainer?

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Eine absolute Top-Entscheidung. Hansi hat es sich verdient, Bundestrainer zu werden. Ich bin überzeugt, dass die Nationalmannschaft unter ihm eine gute Zeit haben wird.

Löw geht in sein letztes Turnier. Was wünschen Sie ihm?

Ich glaube, dass die frühzeitige Bekanntgabe seines baldigen Rückzugs für ihn eine Befreiung war. Den Druck hat er trotzdem, aber er weiß, dass es danach vorbei ist. Er wird versuchen, den Titel zu gewinnen, das wird sein Anspruch sein und das auch zu Recht. Ich glaube, wenn du es in dieser mit Abstand schwersten EM-Gruppe schaffst weiterzukommen, ist mit dieser Mannschaft alles möglich. Das Team ist gut genug, um mindestens ins Halbfinale zu kommen.

Bei Müller und Hummels hat Löw die Rolle Rückwarts gemacht und sie wieder in den Kader berufen. Eine richtige Entscheidung?

Jogi hatte sich nach der verkorksten WM 2018 ja etwas bei seiner Entscheidung gedacht. Allerdings hat die Entwicklung der Mannschaft nicht den Verlauf genommen, den er sich erhofft hatte. Und die Leistung der beiden in dieser Saison war so überragend, dass es die absolut richtige Entscheidung ist, Müller und Hummels zurückzuholen.

Wer gehört für Sie bei der EM noch zu den Favoriten?

Frankreich ist im Vergleich zum WM-Titel 2018 noch besser geworden. Jeder erwartet da eigentlich den nächsten Titel. Auch die Belgier, Italiener und Engländer sind stark und hungrig. Bei den Spaniern bin ich skeptisch, da ist die goldene Generation weggebrochen. Portugal hat eine unglaubliche Qualität dazu bekommen, durch viele junge Spieler, die bei internationalen Topklubs spielen. Ich halte sie jetzt für ein besseres Team, als sie es vor fünf Jahren beim Titelgewinn waren.

Einer der Spieler des Turniers könnte Ihr ehemaliger Profi Kai Havertz werden. Wie beurteilen Sie seine Entwicklung seit dem Verkauf an Chelsea?

Er kann schon jetzt bei der EM voll im Fokus stehen. Aber man darf nie vergessen, dass Kai immer noch ein ganz junger Spieler ist, der auch Leistungschwankungen unterliegt. Er ist ein überragender Fußballer, das hat er auch bei Chelsea schon gezeigt. Der liebe Gott hat ihm alles in die Wiege gelegt, was man braucht: Er ist schnell, hat eine super Technik, ist torgefährlich und kopfballstark. Auf jeden Fall wird ihm die Zukunft der Nationalmannschaft gehören.

Sie waren lange als Teamchef beim DFB beschäftigt. Haben Sie sich zuletzt geschämt für das Theater im Verband?

Die Unruhe, die dort geherrscht hat, hat keinem gut getan und war auch in der Außendarstellung einfach schädlich. Es wird allerdings immer ein schwerer Spagat sein, einen Präsidenten zu finden, der Profi- und Amateurfußball vereint. Das ist kaum möglich.

Wie wär es mit Ihnen? Sie kennen ja den Verband.

Ich werde es mit Sicherheit nicht werden. Für mich kommt das nicht in Frage. Als Sportgeschäftsführer habe ich bei Bayer 04 noch ein spannendes Jahr vor mir. Vielleicht macht es insgesamt auch mal Sinn, nach einer Person außerhalb des Fußballs zu gucken: Jemand aus der freien Wirtschaft oder aus der Politik. Wichtig ist einfach, dass der DFB endlich mal zur Ruhe kommt.

Ihr Vertrag bei Bayer endet im kommenden Sommer. Und dann?

Für mich war schon lange klar, dass dann erstmal Schluss ist. Ich hätte den Vertrag verlängern können, wenn ich gewollt hätte. Aber nach so einer langen Zeit im operativen Geschäft brauche ich dann zunächst einmal ein bisschen Abstand. Und was dann kommt, das wird man sehen.