22. August 2020 / 09:00 Uhr

Rudi Völler über die Triple-Chance des FC Bayern, persönliche CL-Erlebnisse und die Stärke der Bundesliga

Rudi Völler über die Triple-Chance des FC Bayern, persönliche CL-Erlebnisse und die Stärke der Bundesliga

Andreas Kötter
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Im Interview spricht Leverkusen-Boss Rudi Völler unter anderem über die Bayern in der Champions League und seine eigenen Titel-Erfahrungen.
Im Interview spricht Leverkusen-Boss Rudi Völler unter anderem über die Bayern in der Champions League und seine eigenen Titel-Erfahrungen. © imago images/kolbert-press/WEREK/Poolfoto/Montage
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Das Champions-League-Finale steht vor der Tür. Davor spricht der SPORTBUZZER mit Leverkusen-Geschäftsführer Rudi Völler unter anderem über Bayerns Chancen gegen PSG, einen möglichen Transfer von Kai Havertz und die Machtverhältnisse in der Bundesliga.

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SPORTBUZZER: Herr Völler, der FC Bayern kann eine großartige Saison mit dem Champions-League-Sieg krönen und wie 2013 das Triple gewinnen. Wie bewerten Sie die Chancen?

Rudi Völler (60): Die Bayern sind in der aktuellen Form eine Ausnahmeerscheinung. Deshalb sehe ich sie gegen Paris, selbst ja auch eine Mannschaft mit herausragenden Könnern, in der Favoritenrolle. Sie haben Chelsea zweimal ganz deutlich besiegt, Barcelona mit sage und schreibe 8:2 geschlagen und am Ende auch gegen Olympique Lyon verdient gewonnen. Dennoch war Lyon für mich die mit Abstand größte Überraschung in diesem Turnier, zumal man mit Juventus Turin und Manchester City zwei Titelkandidaten ausschalten konnte. Und auch die Leistung gegen die Bayern war top und verdient ein "Hut ab!"

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Könnte den Bayern Unachtsamkeit wie gegen Lyon im Finale zum Verhängnis werden?

Die Bayern haben gegen Barcelona und Lyon gerade in der Anfangsphase ein paar Möglichkeiten zugelassen. Trotzdem sind sie ohne Frage die zurzeit beste Mannschaft Europas. Paris St. Germain hat gegen Atalanta Bergamo Charakter bewiesen, als man in der Nachspielzeit das Spiel noch drehen konnte. Und gegen Leipzig hat man nach einer beeindruckenden Vorstellung verdient gewonnen. Hinten allerdings ist Paris verwundbar. Für mich sind die Münchner Favorit.

Apropos Lyon: Mit Namensvetter Olympique Marseille waren Sie 1993 erster deutscher sowie erster Champions-League-Sieger überhaupt. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Mit 33 war ich damals schon im Herbst meiner Karriere. In diesem Alter noch einen solchen Triumph feiern zu können und durchaus etwas beigetragen zu haben zur grundsätzlichen Stärke der Mannschaft mit vielen Toren in der Liga, das war fantastisch.

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Eine Auswahl der Titelträger in der Champions League: Stefan Effenberg mit dem FC Bayern im Jahr 2001 (l.), Ronaldinho mit dem FC Barcelona im Jahr 2006 und Mohamed Salah mit dem FC Liverpool im Jahr 2019.  Zur Galerie
Eine Auswahl der Titelträger in der Champions League: Stefan Effenberg mit dem FC Bayern im Jahr 2001 (l.), Ronaldinho mit dem FC Barcelona im Jahr 2006 und Mohamed Salah mit dem FC Liverpool im Jahr 2019.  ©

Wo ordnen Sie diesen Triumph ein zwischen all Ihren anderen Erfolgen?

An zweiter Stelle, direkt hinter dem WM-Titel 1990. Weltmeister zu werden ist das Größte auf Nationalmannschaftsebene, der Sieg in der Champions League das Pendant dazu auf Vereinsebene. Das geht aber nur, wenn du in einer Top-Mannschaft stehst. Und die hatten wir damals mit Spielern, wie den späteren französischen Welt- und Europameistern Didier Deschamps, Fabian Barthez und Marcel Desailly. Und einen ganz besonderen Präsidenten gab es dort obendrein. (lacht)

Erzählen Sie bitte.

Bernard Tapie war, vorsichtig ausgedrückt, ein ziemlich dominanter Charakter. Er hat aber schnell gemerkt, dass ich mir nicht alles gefallen lasse und mit meiner Meinung nicht hinter dem Berg halte. Ich glaube, dass ihm das letztlich sogar gefallen hat. (lacht) Auch wenn es dann im zweiten Jahr sportlich nicht mehr so rund lief, so war das Leben in dieser Stadt am Meer doch wunderbar.

"Finale der Saison 2001/02 hängt allen noch immer etwas nach"

Da RB Leipzig das Finale verpasst hat, ist Bayer 04 Leverkusen neben den Bayern und Borussia Dortmund der einzige deutsche Klub, der ein Champions-League-Finale erreichen konnte, 2002…

Obwohl es mittlerweile 18 Jahre zurückliegt und ich damals Nationaltrainer war, hängt allen, die mit Bayer 04 verbunden sind, das Finale der Saison 2001/02 noch immer etwas nach. Wir hätten damals mit einer wirklich überragenden Mannschaft Deutscher Meister, Deutscher Pokalsieger und gegen Real Madrid Champions League-Sieger werden können. Dass wir tatsächlich als damals wohl beste Mannschaft Europas aber keinen dieser Titel gewinnen konnten, das hat für mich bis heute etwas von einer vorenthaltenen Belohnung, die der Klub wirklich verdient hatte.

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Zurück in die Gegenwart: Ist der aktuelle Turnier-Modus den Außenseitern entgegengekommen, siehe Lyon? Und wäre es eine Option für die Zukunft?

Ja. Und doch stehen am Ende des Tages in den beiden europäischen Endspielen mit Bayern und Paris hier sowie Inter Mailand und FC Sevilla dort absolute Top-Klubs der jeweiligen Wettbewerbe. Dieser K.o.-Modus hat uns spannende und großartige Spiele beschert, aber er war aus der Not geboren. Und ich glaube nicht, dass dies eine Option für die Zukunft ist. Sobald es die Bedingungen zulassen, wird man zum alten Modus mit Hin- und Rückspiel zurückkehren. Letztlich wollen die Zuschauer sehen, dass eine Mannschaft im Rückspiel die Chance hat, das Blatt doch noch zu wenden, so wie Liverpool das im vergangenen Jahr nach dem 0:3 in Barcelona mit einem 4:0 an der Anfield Road gelungen war.

Völler: Bundesliga nicht schlechter als Serie A oder Ligue 1

Bayern im Finale, Leipzig im Halbfinale der Champions League, in der Europa League dagegen wieder einmal Ebbe – was sagt das über die Bundesliga aus?

Wäre die Bundesliga automatisch die beste Liga Europas, hätte Leipzig es auch ins Finale geschafft? Natürlich nicht! Ist die Bundesliga schlechter als zum Beispiel die Ligen in Italien oder Frankreich, nur weil sich in der Europa League die teilnehmenden deutsche Klubs in den vergangenen Jahren zugegebenermaßen nicht mit Ruhm bekleckert haben? Wohl kaum. Viel hängt doch von der Tagesform ab. Erst im vergangenen Jahr hat Eintracht Frankfurt das Halbfinale erreicht, und diesmal sind wir zumindest bis ins Viertelfinale der Europa League gekommen. Wo wir dann gegen den Topfavoriten Inter ausgeschieden sind...

Dort muss Bayer 04 nun erneut antreten. Hat RB Leipzig Ihre Elf als dritte Kraft hinter den Bayern und dem BVB abgelöst?

Gegen die Bayern im Pokalfinale und jetzt auch gegen Inter hatten wir die wirklich schwerstmöglichen Gegner. Der einzige, wirklich dicke Wermutstropfen in der vergangenen Saison war deshalb für mich der nur fünfte Platz in der Bundesliga. Das allerdings, obwohl wir mehr Punkte geholt haben als in der Vorsaison, als wir Vierter geworden waren. Nichtsdestotrotz haben wir im Endspurt zu viele Punkte liegen lassen. Daraus würde ich aber keine Gesetzmäßigkeit ableiten. Wir werden wieder angreifen, im Pokal, in der Europa League und selbstverständlich gerade auch in der Bundesliga. Und unser Anspruch wird wieder ein Platz unter den ersten Vier sein. Wobei – realistisch betrachtet –, die ersten beiden Plätze wohl bereits jetzt vergeben sind.

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FC Bayern und BVB sind "eine andere Kategorie"

Trauen Sie RB nicht zu, in diese Phalanx einzubrechen?

In Leipzig ist in den vergangenen Jahren hervorragend gearbeitet worden, trotzdem sind Bayern und Dortmund noch einmal eine andere Kategorie. Zumal man erst einmal abwarten muss, wie RB den Verlust von Timo Werner verkraften wird. Man kann für die gesamte Bundesliga nur hoffen, dass der BVB die Spannung diesmal etwas länger hochhalten kann.

Was für Leipzig Timo Werner ist, ist für Bayer 04 Kai Havertz…

Diesbezüglich gibt es nichts Neues, und wir sehen das alles nach wie vor sehr entspannt. Natürlich wären wir sehr happy, wenn er noch ein Jahr bleiben würde. Denn es ist doch klar, dass der Weggang eines solchen Spielers trotz hoher Ablösesumme zunächst immer einen Verlust darstellt – siehe Leipzig und Werner. Was Kai Havertz so interessant macht, ist die Tatsache, dass er auf vier oder fünf Positionen Weltklasse verkörpert. Es mag ja in Zeiten von Corona tatsächlich sein, dass die Ablösesummen für viele Spieler gesunken sind. Aber Corona hin, Corona her – bei solchen Ausnahmespielern wie Havertz oder Jadon Sancho ist das nicht der Fall. Für sie gibt es keinen Corona-Preisnachlass.