11. Januar 2021 / 16:00 Uhr

Rüdiger Schmiedekind erinnert sich an Flutlichtspiele und Fußballschuh-Mode

Rüdiger Schmiedekind erinnert sich an Flutlichtspiele und Fußballschuh-Mode

Filip Donth
Göttinger Tageblatt
Rüdiger Schmiedekind im November 1991 als Spieler im Trikot der SVG Göttingen gegen Stade.
Rüdiger Schmiedekind im November 1991 als Spieler im Trikot der SVG Göttingen gegen Stade. © Harald Wenzel
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Andere Trainingsmethoden, Fußballschuh-Mode und Gänsehautgefühl bei Spielen vor großer Kulisse: Rüdiger Schmiedekind, Außenstürmer in Rhumspringe und bei der SVG Göttingen erinnert sich an seine Zeit als Spieler und berichtet, was er seinen Spielern als Trainer heute nicht mehr zumutet.

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„Lange Suppe, und vorn hilft der liebe Gott“: Trainer-Weisheiten wie diese gehören längst der Vergangenheit an – der Fußball hat sich im Lauf der Jahre sehr verändert. Wir fragen heutige Trainer nach ihren Erinnerungen an die Zeit, in der sie selbst noch aktiv waren. Im fünften Teil von „Als ich noch Spieler war“ erinnert sich Rüdiger Schmiedekind, Trainer des SV Germania Breitenberg, an seine aktive Zeit beim SV Rhumspringe und bei der SVG Göttingen.

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Schmiedekind fällt beim Rückblick auf die Anfänge seiner Laufbahn als Spieler sofort eine heute eher ungewöhnliche Aufwärmmethode ein: „Der beliebte Entengang wurde auch von uns zum Aufwärmen genutzt. Warum, weiß ich nicht, aber das haben eigentlich alle Trainer gemacht“, sagt der 56-Jährige, der damals für den SV Rhumspringe in der Bezirksliga auflief. Was für ein Bild: Zwanzig erwachsene Männer watschelten vor dem Anpfiff quer über den Rasen. „Neben dem Entengang haben wir noch Steigerungsläufe und ein paar allgemeinere Übungen gemacht, das war dann unser Aufwärmen. Da wurde weniger Wert auf Dehnen gelegt“, erinnert sich der Trainer des SV Germania Breitenberg.

Masseur Rainer Junge bringt Dehnübungen mit

Das habe sich geändert, so Schmiedekind, als er 1992 zur SVG Göttingen in die Regionalliga wechselte, die damals dritthöchste Spielklasse. „Wir hatten sogar einen eigenen Masseur, Rainer Junge hat bei uns angefangen. Bei ihm haben wir das Dehnen kennengelernt. Das war das Problem der Spieler, die aus den unteren Klassen kamen: Wir waren alle stocksteif, sind mit den Fingern nicht runter an die Füße gekommen.“

Doch nicht nur in Hinblick auf das Aufwärmen änderte sich nach dem Wechsel an den Sandweg einiges für Schmiedekind. Während er in Rhumspringe zweimal Training pro Woche hatte, wurde nun fünfmal trainiert. Taktik spielte eine größere Rolle. Und aus dem Sturm wechselte Schmiedekind aufgrund seiner Schnelligkeit auf die Außenbahn. Duelle gegen Göttingen 05 verfolgten mehr als 10000 Zuschauer. „Das waren die geilsten Spiele“, sagt er. Aber auch Partien gegen Eintracht Braunschweig oder Holstein Kiel sind ihm besonders in Erinnerung geblieben: „Ich werde nie vergessen, wie wir Freitagabend beim Flutlichtspiel in Braunschweig vor tausenden Zuschauern nur knapp mit 0:1 verloren haben. Das war Wahnsinn.“

Solche Zuschauermassen, solche klangvollen Gegner sind in der Region heutzutage nicht mehr anzutreffen. Aber auch sonst hat sich der Fußball allgemein stark verändert. Ein Beispiel: Verletzungen. „Kurioserweise hatte ich als Bezirksligaspieler nie Verletzungen. Ich weiß nicht, woher es kommt, aber die Verletzungsanfälligkeit der Spieler ist heute höher“, beobachtet Schmiedekind. Der 56-Jährige hat zumindest eine Vermutung, was der Grund für diese Entwicklung sein könnte: „Früher konnte man sich auf dem Platz das eine oder andere Päuschen gönnen. Das ist in den heutigen Systemen schwierig, da alle in Bewegung sein müssen. Die Abwehrarbeit fängt bereits vorn im Sturm an.“

Bequemlichkeit hat zugenommen

Eine weitere Entwicklung, die Schmiedekind als Bezirksliga-Trainer beobachtet: „Heute hat keiner mehr Zeit. Wenn wir früher Fußball gespielt haben, haben wir Fußball gespielt. Es gibt heute mehr Ausreden. Alle wollen gerne Fußball spielen, aber der eine oder andere glaubt, es reicht, nur einmal pro Woche zum Training zu kommen.“ Vielleicht, so Schmiedekind, liege das daran, dass „allgemein die Bequemlichkeit zugenommen“ habe. „Wenn es Richtung Herbst und Winter geht, überlegen die Spieler eher, ob sie zum Training kommen. Wenn es bei uns geschneit hat, wurden die Linien freigemacht und Fußball gespielt. Da gab es keine Absagen.“ Heute sieht das anders aus.

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Nicht zuletzt änderte sich auch die Mode auf dem Platz mit der Zeit. Während Fußballerfüße heute in Schuhe aller Farben schlüpfen, war Schmiedekind damals seiner Zeit voraus: „Als ich noch in Rhumspringe gespielt habe, habe ich mir Schuhe in dezentem Blau mit weißen Streifen von Adidas geholt, die fand ich genial. Da wurdest du aber schon schief angeguckt. Der Kodex war: Es gibt nur Schuhe in schwarz und weiß.“

Trainer-Credo: „Das Menschliche kommt zuerst“

Vieles, aber natürlich nicht alles ist heute anders als früher. Zum Beispiel die Aufgaben eines Trainers. „Es ist wie damals: Man muss sich Zeit für die Spieler nehmen. Das Menschliche kommt zuerst. Ich kann mich gut in die Spieler hineinversetzen, da ich selbst Spieler war.“

Engagiert an der Seitenlinie: Auch als Trainer gibt Rüdiger Schmiedekind alles.
Engagiert an der Seitenlinie: Auch als Trainer gibt Rüdiger Schmiedekind alles. © Swen Pfšrtner

Schmiedekind ist jedenfalls nicht wehmütig, wenn er an sein aktive Zeit zurückdenkt: „Man muss mit der Zeit gehen“, sagt er. Nachdenklich ist er nur bei einem Schritt in seiner Laufbahn, den er nicht gegangen ist: „In der A-Jugend hatte ich ein Angebot aus der Bundesliga, da hätte ich nach Wolfsburg gehen können. Ansonsten hat mir der Fußball so viel gegeben. Ich bin rundum zufrieden.“ Das gilt auch für seinen Trainerjob in Breitenberg: „Es macht so viel Spaß, mit den jungen Leute zu arbeiten.“ Im Entengang lässt er seine Spieler nicht mehr watscheln.