19. Oktober 2021 / 18:23 Uhr

"Sportfreund, Sie sind verhaftet!" - Wie DDR-Funktionäre in Velten ein Spiel manipulierten

"Sportfreund, Sie sind verhaftet!" - Wie DDR-Funktionäre in Velten ein Spiel manipulierten

Ronny Müller
Märkische Allgemeine Zeitung
Keine Gerechtigkeit für Rüdiger Uentz: Chemie Velten legte nach dem Spiel Protest gegen die Wertung des Spiels ein, jedoch ohne Erfolg.
Keine Gerechtigkeit für Rüdiger Uentz: Chemie Velten legte nach dem Spiel Protest gegen die Wertung des Spiels ein, jedoch ohne Erfolg. © MAZ-Repros
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Es war der wohl größte Skandal des Brandenburger Fußballs: Im Oktober 1984 entführten Ludwigsfelder Polizisten den Veltener Stürmer Rüdiger Uentz, um ein Spiel zu beeinflussen.

Spätestens als Rüdiger Uentz die Pistole sah, wusste er: Die Situation ist ernst. Der 64-Jährige erinnert sich im SPORTBUZZER an einen der größten Fußball-Skandale des einstigen Bezirkes Potsdam und der DDR. Es ist eine Geschichte über rücksichtslose Fußballfunktionäre, Polizeiwillkür, Staatssicherheit, eine falsche Verdächtigung und Machtlosigkeit.

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Rüdiger Uentz wurde beim 1. FC Union Berlin groß. Der Angreifer hat das Talent von seinem Vater geerbt. Meinhard Uentz steht im Rang der Union-Legenden. 1968 gewann er mit den Köpenickern den FDGB-Pokal, im Finale gegen Carl Zeiss Jena verwandelte Uentz beim 2:1-Erfolg einen Strafstoß. Später ließ Uentz Senior seine Karriere unter anderem bei Stahl Finow in der zweitklassigen DDR-Liga ausklingen.

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Zu diesem Zeitpunkt hatte Uentz Junior bereits den Sprung in die erste Union-Mannschaft geschafft. In der Saison 1975/76 trafen Union mit Uentz Junior und Finow mit Uentz Senior aufeinander. Die Berliner gewannen mit 6:1. Rüdiger Uentz traf vier Mal, sein Vater erzielte den Ehrentreffer für Finow. Dank seiner starken Auftritte wurde Rüdiger Uentz sogar in die Junioren-Nationalmannschaft berufen. Doch der große Durchbruch gelang ihm nicht. Denn mit der Auswahl durfte er nicht ins kapitalistische Ausland.

„Ich war kein Reisekader“, erzählt Rüdiger Uentz. Er hatte einen Onkel in Frankfurt/Main, sein Cousin spielte im Nachwuchs bei Eintracht Frankfurt. Für die DDR-Funktionäre war das Risiko einer Flucht zu groß. Auch bei Union stockte die so vielversprechend gestartete Karriere wegen Verletzungen und drei Jahren bei der Nationalen Volksarmee. Über Vorwärts Neubrandenburg, Kabelwerk Oberspree Berlin und Stahl Hennigsdorf kam Uentz 1983 zu Motor Ludwigsfelde.

Dann zeigte der Leutnant seine Pistole

Selbst in der drittklassigen Bezirksliga verdienten die Kicker dank der Patenschaft großer Betriebe fürstlich. „Wir sind weit über dem normalen Verdienst bezahlt worden“, erzählt der gelernte Kabelmechaniker Uentz. Der Durchschnittsverdienst lag Mitte der 80er-Jahre bei gut 1000 DDR-Mark. Viele Fußballer bekamen deutlich mehr. Uentz: „Das konnte schon mal das doppelte Gehalt eines Werkdirektors sein. Fußballern in der 3. Liga ging es ähnlich gut wie in der ersten Liga.“ Trotzdem wollte Uentz hoch in die DDR-Liga. Dafür sah er bei Chemie Velten bessere Chancen und zog nach nur einem Jahr in Ludwigsfelde weiter. Trainer Gerd Stein und drei weitere Spieler wechselten zeitgleich von Ludwigsfelde nach Velten. Die Rivalität zwischen den Teams erreichte Explosionsgefahr.

Am 20. Oktober 1984 fand in Velten das Spitzenspiel zwischen der BSG Chemie und Motor Ludwigsfelde statt. Chemie führte die Tabelle mit einem Punkt Vorsprung auf Motor an. 1600 Zuschauer fieberten dem Topspiel an der Germendorfer Straße entgegen. Veltens Toptorjäger Rüdiger Uentz überlegte schon, wie er der Ludwigsfelder Deckung entwischen könnte. Plötzlich kamen ein Leutnant und ein Unterleutnant der Ludwigsfelder Automobilwerk-Dienststelle auf den Sportplatz. Sie sollten Uentz eigentlich vor dem Spiel in seiner Konzentration stören, doch sie trafen ihn nicht zuhause an.


Rüdiger Uentz (r.) mit seinem Vater Meinhard, der einst in der DDR-Oberliga spielte.
Rüdiger Uentz (r.) mit seinem Vater Meinhard, der einst in der DDR-Oberliga spielte. © Privat

Im Übereifer fuhren sie zum Sportplatz. „Sportfreund Uentz, Sie sind verhaftet!“ Die Worte des Leutnants wurden durch die demonstrativ gezeigte Pistole noch angsteinflößender. Es liege der Verdacht des Einbruchs und Diebstahls einer Wärmejacke am 3. Juni vor. „Ich war überrascht und sprachlos“, erinnert sich Uentz. „Aber ich hatte nichts zu befürchten, sie wollten mich nur aus dem Spiel nehmen.“ Er war sich sicher, dass es sich um ein Komplott der Ludwigsfelder Funktionäre handelt. Dennoch stieg Sorge in ihm auf. Seine Frau war schwanger. Stress wollte er ihr nicht zumuten.

Die Volkspolizisten fuhren Uentz zum Verhör nach Ludwigsfelde. Von dort aus ging es zu seiner Wohnung nach Berlin und zum Bungalow seiner Mutter in Schmachtenhagen (Oberhavel). Hausdurchsuchung. Gefunden wurde – nichts! Der vermeintliche Diebstahl einer Jacke gut drei Monate zuvor war nur ein Vorwand. Uentz: „Es war ein Racheakt von Ludwigsfelde gegen Velten, eine totale Willkür der Ludwigsfelder.“

Die Entführung kam unters Siegel der Verschwiegenheit

Eine halbe Stunde nach Spielende setzte die Polizei Uentz wieder in Velten ab. Sein Team hatte das Spiel mit 0:2 und die Tabellenführung verloren. Chemie Velten legte Protest und an mehreren Stellen Beschwerden ein. Alles wurde abgeblockt. Die Entführung kam unters Siegel der Verschwiegenheit. Der Abschlussbericht der Polizei wurde zur „Geheimen Verschlusssache“ erklärt. In Hennigsdorf sollen Stahl- und Walzwerker, ob der Allmacht der Organe, mit Streik gedroht haben. Die Wellen des Eklats schlugen sogar bis in die Bundesrepublik, die Westpresse berichtete. Die Bild-Zeitung schlagzeilte: „Vopos kassierten Stürmer! 0:2 – dann kam er wieder frei!“ Ein Reporter des Kicker rief bei Uentz zuhause an und wollte ihn zu einem Interview überreden. „Im Telefon hat es geknackt“, sagt Uentz. Er vermutet, er wurde abgehört. „Zum Glück habe ich abgesagt, wer weiß, was passiert wäre.“ Wenig später stand die Stasi vor seiner Tür und erteilte einen Maulkorb.

Erst nach der Wende traute er sich, darüber zu reden. Uentz wurde nie rehabilitiert. Der Skandal hat ihn lange beschäftigt. „Das war damals eine ganz grobe Nummer, wie man mit mir umgegangen ist.“ Heute könne er jedoch über die Episode schmunzeln. Seine sieben Jahre in Velten seien trotzdem „eine meiner besten sportlichen Zeiten“ gewesen. Allein in der Saison 84/85 erzielte er 24 Tore. Für den Aufstieg reichte es aber nicht. Velten wurde nur Dritter hinter Stahl Hennigsdorf. Bezirksmeister Ludwigsfelde verpasste den Sprung in die DDR-Liga in der Aufstiegsrunde. Vielleicht war es ein kleines bisschen Gerechtigkeit. Wenige Wochen nach dem „Fall Uentz“ tauchte die vermeintlich gestohlene Jacke im Kleiderschrank des Leiters der Kriminalstelle im Automobilwerk Ludwigsfelde auf. Es gab keine Indizien für einen Einbruch, die Spurensuche blieb ergebnislos.