07. August 2020 / 14:56 Uhr

"Tut weh, was da passiert": Ex-Nationaltrainer Raupers sieht Rugby-Entwicklung in Hannover kritisch

"Tut weh, was da passiert": Ex-Nationaltrainer Raupers sieht Rugby-Entwicklung in Hannover kritisch

Stefan Dinse
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Wieder ein Titel: Fritz Raupers
 (stehend, Mitte) reißt die Arme hoch. Mit Hannover 78 gewinnt er 1982 die Meisterschaft. 
Wieder ein Titel: Fritz Raupers (stehend, Mitte) reißt die Arme hoch. Mit Hannover 78 gewinnt er 1982 die Meisterschaft.  © zur Nieden, Nachlass im Historischen Museum Hannover
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Fritz Raupers, großer Mann des hannoverschen Rugbys, weiß genau, was sportlich in Hannovers Szene los ist. Die aktuelle Entwicklung erfüllt ihn mit großer Sorge. "Das sieht alles nicht so gut aus, es ist eben nicht mehr viel da", sagt der ehemalige Nationaltrainer.

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Klare Ansagen, klare Haltung, klare Kante. Daran hat sich nichts geändert. Fritz Raupers hat im Mai seinen 80. Geburtstag gefeiert. Der große Mann des hannoverschen Rugbys arbeitet noch immer als Seniorchef im gleichnamigen Autohaus in Ahlem und weiß genau, was sportlich in der Szene los ist. Die Entwicklung in Hannover erfüllt ihn mit einiger Sorge, nur noch sieben Vereine haben spielende Teams. „Das sieht alles nicht so gut aus, es ist eben nicht mehr viel da“, sagt der ehemalige Nationaltrainer, „den Leuten in meinem Alter tut weh, was da passiert.“

Nachwuchsarbeit wurde vernachlässigt

Wesentlicher Grund für den Kahlschlag ist ein verpasstes Jahrzehnt der Nachwuchsarbeit. In den 90er-Jahren tat sich nicht viel in Hannover. „Da hat man vielleicht zu sehr auf die ersten Mannschaften geachtet und den Rest vernachlässigt“, sagt Raupers. Zwar gingen in diesen zehn Jahren nur zwei deutsche Meistertitel nicht nach Hannover, dann jedoch war das Polster an jungen Spielern bald aufgebraucht. 2005 holte der DRC den Titel, seitdem stand kein Team aus Hannover mehr im Endspiel. Und einst namhafte Vereine wie der SC Linden, FV 1897 Linden, Nordstädter TV 1909 und auch der FC Schwalbe haben keine Mannschaften mehr gemeldet.

Während die Konkurrenz aus Heidelberg und auch Frankfurt allmählich enteilte, eierte Hannover zwar nicht herum – trat aber mehr oder weniger auf der Stelle. „Wir haben es nicht hinbekommen, semiprofessionelle Strukturen zu schaffen“, sagt Raupers, „inzwischen ist der Abstand sehr groß.“ Frankfurt 80 habe den Anfang gemacht, die Heidelberger zogen nach. Längst sind die Bedingungen für Rugbyspieler im Süden besser, vor allem finanziell. Nach dem Einstieg des Milliardärs und Rugbyfans Hans-Peter Wildt (Capri-Sonne) entwickelte sich der Heidelberger RK gar zum Abomeister – inzwischen hat sich der streitbare Mäzen jedoch komplett zurückgezogen.

Bilder zum Rugby-Bundesligaspiel zwischen Hannover 78 und der SG SV Odin/VfR 06 Döhren (November 2019):

Das Rugby-Stadtduell zwischen Hannover 78 und der SG SV Odin/VfR 06 Döhren. Zur Galerie
Das Rugby-Stadtduell zwischen Hannover 78 und der SG SV Odin/VfR 06 Döhren. ©

Ohne Rugby ging es für Raupers nicht

Damit fehlten vor allem dem Nationalteam die finanziellen Mittel, der Deutsche Rugby-Verband ist immer noch von der Pleite bedroht, hat öffentlich zu Spenden aufgerufen. Sogar die Reisen zu Länderspielen stehen auf der Kippe. 2019 war die 15er-Auswahl in die zweithöchste europäische Amateurklasse (Rugby Europe Trophy) abgestiegen. Höher spielen zu wollen sei ein Wahnsinn, so Raupers: „Wir haben die Leute einfach nicht dafür. Die Hauptaufgabe ist es jetzt, dass die im Ausland spielenden Deutschen zu den Länderspielen kommen. So wie früher.“ Zuletzt hatten die Deutschen Adler vor der Corona-Krise gegen die Schweiz verloren (20:33). „Das war für mich ein Hammerschlag. Wenn wir absteigen, können wir gleich den Deckel draufmachen“, sagt Raupers.

Als er mit diesem rauen Sport begonnen hat, gab es noch viel mehr Teams. In der Saison 1958/59 waren allein in Hannover acht A-Juniorenteams gemeldet, erinnert sich Raupers: „Und in Linden, da spielte man Rugby.“ Raupers gewann als Hakler in Sturmreihe eins mit Victoria Linden 1962 und 1969 den deutschen Titel, war 1966 Pokalsieger. Auf vier Länderspiele brachte es Raupers 1969, sechs Jahre später coachte er Lindens „Zebras“ zur Meisterschaft, ab 1982 Hannover 78 – viermal am Stück. Ab 1980 betreute er das Nationalteam und gleichzeitig die deutsche Siebener-Auswahl. Ohne Rugby ging es für Raupers nicht, und ohne Raupers ging es im Rugby nicht. „Ich hatte eine tolle Zeit, habe weltweit super Leute kennengelernt“, sagt er.

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"Ich ziehe den Hut vor jedem, der heutzutage Jugendarbeit macht. Das war früher leichter."

Nebenbei baute Raupers sein Autohaus (65 Angestellte) aus, brachte erfolgreich „Disziplin und Mannschaftsgeist aus dem Sport in meine Firma“, wie er das nennt. Inzwischen hat seine Tochter Kristina den Betrieb übernommen, der Seniorchef ist noch vormittags im Büro. „Wenn ich keinen Spaß mehr habe, höre ich sofort auf“, sagt Raupers. Hannovers Rugbyszene beobachtet er weiter, aktuell eher betrübt. Die Trennung der langjährigen Spielgemeinschaft von VfR 06 Döhren und SV Odin verheiße nichts Gutes, ahnt der Experte. „Dabei bleibt einer auf der Strecke, das war in der Vergangenheit stets so.“ Fritz Raupers wünscht sich mehr Trainer, die die Rugbytradition fortführen. „Ich ziehe den Hut vor jedem, der heutzutage Jugendarbeit macht. Das war früher leichter.“