03. Juli 2018 / 07:27 Uhr

Russland nach Sieg gegen Spanien im Rausch  

Russland nach Sieg gegen Spanien im Rausch  

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Larisa Pankratowa zeigt ihre bemalten Fingernägel.
Larisa Pankratowa zeigt ihre bemalten Fingernägel. © Wenzel
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Durch den Viertelfinal-Einzug ihrer Mannschaft können die Menschen ihre Probleme kurzfristig vergessen. Doch nach der WM droht den Russen ein böser Kater .

Die „Sbornaja“, der russische Gastgeber, wirft Spanien aus der WM, mit einer Mischung aus Eishockey (Befreiungsschläge!) und Handball (Tempogegenstöße!). In beiden Sportarten sind die Russen erfolgreicher als im Fußball. Und nun dieses Märchen. Im Sommer! Einheimische erzählen, dass es an kalten Junitagen sogar schneien kann. Seit Sonntag regnet es Glück.

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„Das ist in der Tat ein Wunder“, wird im russischen Staatsfernsehen verkündet. Ganz Russland – von Kaliningrad bis nach Wladiwostok – sei zu einer Fanzone geworden, heißt es in diversen Medien. Das beliebte Onlineportal lenta.ru titelt: „Das ganze Land ist in Schockstarre und Freudentaumel.“ Der Sonntag sei der wichtigste Tag in der Sportgeschichte Russlands gewesen.

Stürmer Artem Dzyuba, Torwart Igor Akinfeev und Trainer Stanislaw Tschertschessow sind zu Volkshelden geworden. „Ich liebe dich, Akinfeev“, ruft eine junge Mutter im Zentrum von Nischni Nowgorod. „Der Fuß Gottes“ – also seine Elfmeterparade – beherrscht die sozialen Netzwerke.

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Larisa Pankratowa deckt sich noch mit ein paar Fanartikeln ein. An ihren Fingernägeln glänzen bereits ein Fußball und die russischen Farben. Die Zahnarzthelferin verfolgte den Sieg gegen Spanien (5:4 n. E.) bei der Arbeit. „Die Patienten lagen mit offenem Mund im Behandlungszimmer. Nebenbei lief der Fernseher. Die Ärzte sind bei jedem Elfmeter zusammengezuckt. Es ist aber alles gut gegangen“, lächelt sie.

Viertelfinale! Moskau feiert, eine einzige Russendisco. Die Straße Nikolskaja, gelegen zwischen der Lubjanka, der ehemaligen Geheimdienstzentrale, und dem Roten Platz, ist die inoffizielle Feiermeile dieser Weltmeisterschaft. Geschmückt ist sie, als wäre es Weihnachten, ein Glitzermeer aus Bling-Bling. Nach dem Sieg ihrer Mannschaft im Elfmeterschießen bricht sich die Party ihre Bahn. Die von der Polizei angebrachten Barrikaden, die vor wenigen Tagen an den Zugängen zur Nikolskaja errichtet wurden, hatten keine Chance, sie werden eingerissen. Party überall. 

„Ra-siii-jaa“, der Schlachtruf der Fans aus Tausenden Kehlen, man trägt stolz Rot-Weiß-Blau, die Russlandfahne, die aus Stoff, nicht die aus Wodka. Einige klettern auf Autodächer, tanzen oder springen mit Bierflaschen in der Hand in einen Springbrunnen. Einer klettert im Jubelrausch sogar die Kremlmauer empor – es blieb beim Versuch. In der Metro wird weitergesungen und getanzt.


Autokorso und riesige Straßenparty: Russland wirft Spanien raus

Beobachteten viele Einheimische vor drei Wochen noch die laut-fröhlichen Party-Südamerikaner mit einer Mischung aus Skepsis und Befremden, machten dabei verstohlen Fotos und Videos, sind es nun die Südamerikaner, welche die Russen fürs digitale Gedächtnis ihrer Reise abfilmen.

Was eine WM so alles bewirken kann. In der Nacht zu Montag sind die Menschen so lange in der Stadt auf den Beinen, so lange sie sich auf diesen halten können.

Ein böser Kater droht

Russen sind Feierbiester, man kennt sie aus Urlauben, diesmal lassen sie es zu Hause krachen. Doch das ist nicht das wahre Russland. Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie besitzen lediglich 8 Prozent der Bevölkerung einen Reisepass, weniger als 20 Prozent der Bürger waren jemals im Ausland, 4 Prozent in Europa.

Durch den Erfolg gegen Spanien und die Party danach konnten die Menschen für einen Moment ihre Situation, ihre finanziellen Lebensumstände vergessen. Am Tag des WM-Starts wurde bekannt: Die Mehrwertsteuer soll zum kommenden Jahr von 18 auf 20 Prozent steigen, das Pensionsalter wird schrittweise angehoben, für Männer steigt es bis 2028 von derzeit 60 auf 65 Jahre, für Frauen bis 2034 von 55 auf 63 Jahre. Zum Wohle der Staatskasse – es werden Mehreinnahmen von jährlich 9 Milliarden Euro erwartet. Bald ist die WM-Party vorbei – und ein böser Kater droht.

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