09. Dezember 2019 / 19:05 Uhr

Kommentar zum WADA-Urteil gegen Russland: Idealismus reicht nicht im Kampf gegen Doping

Kommentar zum WADA-Urteil gegen Russland: Idealismus reicht nicht im Kampf gegen Doping

Sebastian Harfst
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Für <b>SPORT</b>BUZZER-Redakteur Sebastian Harfst war der gegen Russland ausgesprochene Bann das Mindestmaß. Allerdings sieht er den Anti-Doping-Kampf im Land erst am Anfang.
Für SPORTBUZZER-Redakteur Sebastian Harfst war der gegen Russland ausgesprochene Bann das Mindestmaß. Allerdings sieht er den Anti-Doping-Kampf im Land erst am Anfang. © imago images/Ernst Wukits/dpa
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Der vierjährige Bann, den die WADA gegen den russischen Sport ausgesprochen hat, ist nach den neuerlichen Doping-Enthüllungen ein richtiges Zeichen, meint SPORTBUZZER-Redakteur Sebastian Harfst. Dem globalen Anti-Doping-Kampf hilft er jedoch nur dann, wenn die Kämpfer gegen das größte Übel des Sports gleichzeitig mit ausreichend Geld ausgestattet werden.

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Für die große Sportnation Russland ist diese Nachricht ein Schock: Vier Jahre lang dürfen russische Athleten nach der Entscheidung der Welt-Anti-Doping-Agentur nicht unter der Fahne ihres Landes an großen internationalen Wettkämpfen teilnehmen. Viel schlimmer noch für die russische Politik um Präsident Wladimir Putin, die sich gern mit dem Prestige des Sports schmückt: Auch sportliche Großveranstaltungen darf das größte Land der Welt erst mal nicht ausrichten, weil das nationale Betrugssystem nun schon zum wiederholten Male aufgedeckt worden ist.

Ein milderes Urteil als dieser Vier-Jahres-Bann wäre nicht vermittelbar gewesen. Auch wenn nun Sportler, die sich nichts haben zuschulden kommen lassen, in Sippenhaft genommen werden und um den Lohn ihrer harten Trainingsarbeit gebracht werden. Denn zu oft hat Russland, seit der Dopingskandal durch die ARD-Dokumentation „Geheimsache Doping – Wie Russland seine Sieger macht“ vor ziemlich genau fünf Jahren erstmals ruchbar wurde, bewiesen, dass es bis hierhin nicht willens war, sein System grundsätzlich zu überdenken.

Russland zeigt kaum Anzeichen echter Reue

Ja, es ist schon ziemlich frech, als bereits überführter Dopingstaat erneut zu betrügen. Der russische Sport hat nicht nur diese Frechheit besessen. Der Wiederholungstäter zeigt weiterhin kaum Anzeichen echter Reue und manövriert sich damit immer weiter ins Abseits. Eindrückliches Zeichen der russischen Uneinsichtigkeit ist die Ankündigung, Einspruch beim Internationalen Sportgerichtshof CAS gegen die Entscheidung der WADA einzulegen. Man wolle für seine Sportler kämpfen, hieß es. Russland gefällt sich also weiter in seiner Opfer-Inszenierung. Den McLaren-Report, der das russische Staatsdoping im Detail beschreibt, hat das Land nie anerkannt.

Mehr zum WADA-Urteil

Für die Zukunft bedeutet das WADA-Urteil auch, dass sich am Beispiel des Umgangs mit Russland in den nächsten Jahren die grundsätzliche Stoßrichtung des Anti-Doping-Kampfes in der Welt – und ob er erfolgreich ist – entscheiden kann. Meinen es die WADA, das Internationale Olympische Komitee, dessen Boss Thomas Bach eine gewisse Nähe zu Putin nachgesagt wird, und all die anderen internationalen Sportverbände wirklich ernst, wenn sie dem Kampf gegen medikamentös befeuerte Unfairness im Sport offiziell die höchste Priorität einräumen? Gehen sie Russland auch während des Banns auf die Nerven? Kontrollieren sie weiter, um eine erneute Neuauflage des russischen Betrugssystems zu verhindern?

Wenn ja, wird dies hoffentlich ausstrahlen. Denn seien wir ehrlich: Bei allen berechtigten Anklagen, mit denen sich Russland in Sachen Doping seit fünf Jahren auseinandersetzen muss, ist auch klar, dass Doping nicht nur ein russisches Problem ist. Doping ist ein Problem des Sports im Allgemeinen, es ist systemimmanent. Wo Ruhm und Geld für Sportler und die sie betreuenden Vereine und Verbände locken, wird Betrug nicht verschwinden. Aufgeben gilt trotzdem nicht. An der Legitimierung von Doping kann niemand mit ehrbaren Absichten ein Interesse haben. Das Gebot des Fairplays gilt es zu verteidigen.

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Die WADA und die nationalen Anti-Doping-Agenturen brauchen mehr Geld

Um den Kampf gegen Doping aber einigermaßen auf Augenhöhe zu führen, müssen die WADA und die nationalen Anti-Doping-Agenturen ausreichend Geld zur Verfügung bekommen. Aktuell muss die WADA ihren Kampf gegen das größte Übel des Sports mit einem Etat von 40 Millionen Dollar bestreiten. In manchen Ländern gibt es gar keine Anti-Doping-Programme.

Idealismus und der Glaube an Gerechtigkeit im Sport reichen nicht dafür, dass der Kampf gegen Doping global ernstgenommen wird. Er braucht gut bezahltes Personal, das unangekündigt, unabhängig und unkorrumpierbar Kontrollen vornehmen kann. Er braucht hochentwickelte technische Hilfsmittel, um Manipulationen in Zukunft schwieriger zu gestalten. Er braucht wissenschaftliche Forschung, um den Innovationen der Dopingindustrie starke Analysemöglichkeiten entgegenzusetzen. Und er braucht führende Köpfe, die sich nicht vom Einfluss der Mächtigen von ihrem Weg als Vorkämpfer abbringen lassen. All dies kostet Geld. Viel Geld.

Dieses zu investieren kann sich lohnen. Für einen möglichst sauberen Sport. Denn am Ende wünschen wir als Sportfans uns doch genau den.