22. Januar 2022 / 08:32 Uhr

Von Görlitz über Dynamo in die Welt: Wie "Dixie" in Dresden zum Weltklasse-Spieler reifte

Von Görlitz über Dynamo in die Welt: Wie "Dixie" in Dresden zum Weltklasse-Spieler reifte

Jochen Leimert
Dresdner Neueste Nachrichten
Hans-Jürgen Dörner (Dresden) erzielt das 1:0, die Hamburger Manfred Kaltz und Torhüter Rudi Kargus kommen zu spät.
UEFA-Cup / Achtelfinale Dynamo Dresden - Hamburger SV 2:2 am 11.12.74; durch eine 1:4-Niederlage im Hinspiel verpassten die Dresdner den Einzug ins Viertelfinale.
Hans-Jürgen Dörner trifft im Dezember 1974 im Uefa-Pokal gegen den HSV, Manfred Kaltz und Rudi Kargus kommen zu spät. © Frank Kruczynski
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558 Spiele für Dynamo Dresden, 100 für die DDR, eine Goldmedaille bei Olympia: Hans-Jürgen Dörner war eine absolute Fußballlegende. Am 19. Januar 2021 ist der gebürtige Görlitzer im Alter von 70 Jahren gestorben. Teil 2 der SPORTBUZZER-Serie widmet sich seinem Durchbruch bei der SGD und den Goldenen Siebzigern unter Walter Fritzsch.

Dresden. Am 8. September 1968 hat Hans-Jürgen Dörner ein erstes großes Karriereziel erreicht. Der gelernte Dreher, erst seit kurzem in Elbflorenz, darf das erste Mal für Dynamos „Erste“ ran. Trainer Kurt Kresse, der die im Frühjahr überraschend abgestiegenen Dresdner sofort in die DDR-Oberliga zurückführen soll, kennt ihn schon von den Junioren. Der Altenburger, der einen Blick für Talente hat und die Zentrale Fußballschule der SV Dynamo mit aufgebaut hat, vertraut dem 17 Jahre alten Görlitzer, der im Dynamo-Internat wohnt. Kresse beordert ihn im zweiten Saison-Heimspiel gegen Kali Werra Tiefenort in die Startelf, lässt ihn 73 Minuten im Angriff spielen. Im ersten Spiel, in dem Dynamo die neuen Vereinsfarben Schwarz und Gelb trägt, gewinnt der Oberliga-Absteiger mit 4:0. Dörners Vater Paul sitzt dabei stolz auf der Tribüne.

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Die Presse lobt Dörner junior. „Ein technisch begabter junger Spieler, der sich sofort gut in das Mannschaftsspiel einfügte, dem es nur noch am schnellen Antritt und der Zweikampfhärte fehlt“, schreiben die Sächsischen Neuesten Nachrichten. Kresse setzt weiter auf den Niederschlesier, der es eine Woche nach seinem Debüt beim 3:0 in Eisleben erst richtig krachen lässt. Alle drei Tore gehen auf sein Konto. In der 17. Minute umkurvt er zwei Verteidiger und vollendet, vier Minuten danach erhöht er aus zehn Metern per Fallrückzieher. In der 72. Minute nimmt der Halbrechte noch einen Querpass auf und spielt gekonnt den Torwart aus. Spätestens jetzt weiß jeder, was der Senkrechtstarter alles drauf hat.

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Am Saisonende steigt Dörner mit Dynamo auf und erhält noch größere Weihen. Trainer Rudi Krause nimmt ihn zum U18-Turnier der Uefa mit. Nominiert wird Dörner als Ersatzmann für Stammtorwart Holger Keipke. Da nur 16 Spieler benannt werden dürfen, will Krause möglichst viele Feldspieler dabei haben und findet in Dörner die Ideallösung, denn der kann alles spielen. Dörner erklärt seine Nominierung später so: „Ich hatte mich im Training mehr aus Jux in den Kasten gestellt und war den Trainern aufgefallen.“

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Die DDR schafft es als Gastgeber bis ins Finale, Krauses Jungs werden in Leipzig nur deswegen nicht Europameister, weil nach dem 1:1 im Endspiel gegen Bulgarien keine Verlängerung gespielt, sondern eine Münze geworfen wird. Dörner, natürlich im Feld eingesetzt, wird zum besten Spieler des Turniers gewählt. A-Auswahltrainer Harald Seeger honoriert das mit Dörners Berufung in seine Mannschaft. So darf „Dixie“ am 22. Juni 1969 in Magdeburg beim 0:1 gegen Chile mitkicken. In der 59. Minute kommt er für den Leipziger Henning Frenzel ins Spiel, ist nun schon A-Nationalspieler. Kurios dabei: Er hat noch kein Oberliga-Spiel bestritten. Die „Neue Fußballwoche“ ist vom Auftritt der Auswahl, zu der auch Dörners Dresdner Mitspieler Hans-Jürgen Kreische gehört, wenig angetan, vom Neuling aber umso mehr. Sie schreibt über ihn: „Selbstbewusst, elanvoll, Schussmöglichkeiten nahm er wahr.“

Urbanczyk ist sein Idol

Dörners Debüt in der DDR-Eliteliga feiert er gleich beim Oberliga-Start. Gegen Hansa Rostock trifft er zum 2:0-Enstand für Dynamo, das nun vom gestrengen Walter Fritzsch getrimmt wird. Der Planitzer ist berüchtigt für seine Trainingsmethoden, doch auch von Kresse ist Dörner schon einiges gewohnt. Klaus Sammer, 1969 schon einer der gestandenen Spieler bei Dynamo, wird später einmal über Dörners Anfänge in Elbflorenz sagen: „Die erste Zeit war hart für ihn. Er wurde teilweise gequält von den Trainern, weil er konditionsmäßig und von der Schnelligkeit einige Schwierigkeiten hatte.“

Doch Dörner ist fleißig. Dass er anfangs nach acht Stunden Schicht beim VEB Pentacon – an fünf Tagen die Woche – noch drei Stunden Training bei Kresse bewältigen musste, hat ihn abgehärtet. Sein Idol ist der Hallenser Klaus Urbanczyk: „Er ist ein Typ voller Leidenschaft und Einsatz, der immer wiederkommt“, bewundert „Dixie“ sein Vorbild „Banne“. Dessen Beharrlichkeit, die auch Dörner verkörpert, addiert mit spielerischer Intelligenz und feiner Technik – der Mix gefällt auch Fritzsch. Obendrein schätzt er Dörners ruhige Art, denn Widerspruch mag der „kleine General“ gar nicht. Er lässt den Jung-Nationalspieler zunächst im Mittelfeld spielen, führt die Mannschaft am Ende der Saison 1969/70 sensationell auf Platz drei.

Erstes Double

Damit ist Dynamo in der darauffolgenden Saison international startberechtigt und darf zum zweiten Mal in der Vereinsgeschichte im Messepokal antreten. In der 2. Runde treffen die Schwarz-Gelben auf Leeds United, in diesen Jahren eine große Nummer. In Leeds macht Dörner am 21. Oktober 1970 sein erstes von 65 Europapokal-Spielen. Es wird ihm aber nicht nur deshalb besonders in Erinnerung bleiben, denn beim 0:1 in England spielt er erstmals in der „Ersten“ auf der Libero-Position. Fritzsch liegt mit einer Hirnblutung im Krankenhaus, daher hat Co-Trainer Harry Nippert das Sagen. „Er legte fest, dass wir gegen United mit Klaus Sammer und Joachim Kern als Vorstopper und mir dahinter als Libero spielen würden“, wird sich Dörner einmal in Jens Genschmars Buch „Mit Dynamo durch Europa“ an einen entscheidenden Moment seiner Karriere erinnern. Dynamo gewinnt zwar das Rückspiel in Dresden 2:1, scheidet aber gegen den späteren Cupsieger aus. Dörner wird jedoch auch unter dem wiedergenesenen Fritzsch Libero bleiben – bis zum Ende seiner Laufbahn 1986.

In der Saison 1970/71 holt Dynamo das erste Double aus Meisterschaft und Pokal. „Dixie“ macht 20 von 26 Liga-Spielen, schießt drei Tore, steht in Halle beim 2:1-Pokalsieg gegen den BFC Dynamo in der Startelf. Der Görlitzer hat es geschafft, ist nun fester Bestandteil jener Mannschaft, die die Siebziger Jahre zu goldenen macht. Bald beerbt er auch „Hansi“ Kreische als Kapitän. Fünf Meisterschaften und zweimal den Pokal gewinnt er insgesamt unter Fritzsch, ist 1973 bei den legendären Spielen gegen Bayern München dabei und wird im Westen bewundernd „Beckenbauer des Ostens“ genannt. Den Ritterschlag erhält er von Helmut Schön, dem Bundestrainer. Der gebürtige Dresdner schätzt Dörners Leichtigkeit am Ball, seine variable Spieleröffnung: „Es war ein Genuss, ihn spielen zu sehen.“ Die erträumte WM-Teilnahme mit der Buschner-Auswahl verpasst Dörner 1974 nur wegen einer Gelbsucht, doch ein großes Turnier wartet noch auf ihn.