24. März 2020 / 07:08 Uhr

Sachsens Fußball-Boss Winkler: "Ich bitte alle Vereinsmitglieder, ihrem Verein treu zu bleiben"

Sachsens Fußball-Boss Winkler: "Ich bitte alle Vereinsmitglieder, ihrem Verein treu zu bleiben"

Guido Schäfer
Leipziger Volkszeitung
Hermann Winkler
SFV-Präsident Hermann Winkler hat aktuell reichlich zu tun. © Luise Böttger / Archiv
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Aktuell sind vor allem seine Fähigkeiten als Krisenmanager gefragt. Im SPORTBUZZER-Interview spricht Sachsens Fußball-Präsident Hermann Winkler über die Coronakrise, die Co-Existenz von Proficlubs und Amateurvereinen und den offenen Brief von Olympiasieger Jens Lehmann an IOC-Chef Thomas Bach.  

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Herr Winkler, wie stehen Sie zu den Corona-bedingten Restriktionen in Sachsen?

Die Kontaktsperre ist richtig, die Dramen in Italien und Spanien müssen wir unter allen Umständen verhindern. Also heißt es für uns alle: An Regeln halten, auf sich und andere aufpassen. Dass unser Spielbetrieb mit über 1200 Amateurfussballspielen pro Woche ausfällt, ist hart. Dass wir unsere Sportschule in Abtnaundorf schließen musste, trifft uns. Aber das sind in dieser Krise nur Nebenkriegsschauplätze.

Hat Joachim Löw Recht mit der Aussage, dass die Welt einen Burnout hat und dass wir alle nachdenken müssen über höher, weiter, schneller?

Natürlich hat er Recht. Traurig ist, dass es einer Pandemie bedarf, um innezuhalten und über den Tellerrand zu schauen. Leider haben Löw und andere Großverdiener im deutschen und europäischen Fußball bisher nicht erkennen lassen, dass sie schon auf dem Weg dieser Erkenntnis sind. Ich werde Jogi an seine Worte erinnern.

Wer sind Ihre Helden in Zeiten wie diesen?

Alle, die für uns sorgen. Das fängt bei der Frau an der Kasse bei Konsum an und hört beim LKW-Fahrer, der täglich zig Stunden schrubbt, nicht auf. Alle im Gesundheitswesen leisten Übermenschliches. Und denken sie an die niedergelassenen Ärzte, die sich oft ohne ausreichende Schutzausrüstung aufopfern. Ich habe auch Hochachtung vor den vielen Ehrenamtlichen im Sport, die sich jetzt um Terminabsagen und viele andere Dinge in ihrer Freizeit kümmern, obwohl sie selbst oft nicht wissen, wie es im Job weiter geht, ob Kreditraten oder Mieten bezahlt werden können.

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Sie sind Unternehmensberater ...

... dem gerade ein paar Aufträge flöten gegangen sind. Es gibt in Zeiten wie diesen keine Inseln der Glückseligen.

Demnach haben Sie aktuell mehr Zeit für Ihr Ehrenamt im Fußball.

Das ist so. Es jagt eine Video-oder Telefonschalte die nächste. Die Abstimmung zwischen DFB und NOFV ist gut. Der DFB hilft uns bei arbeitsrechtlichen Fragen, beispielsweise beim Kurzarbeitergeld. Wir haben eine Rundmail an alle Vereine geschickt, informieren auf unserer Homepage, den Social-Media-Kanälen.

Die TSG Hoffenheim hat einen Hilfsfonds ins Leben gerufen. Die Bayern-Spieler Leon Goretzka und Joshua Kimmich kämpfen mit der Aktion #WeKickCorona vor Ort. Die Spieler von Mainz 05 verzichten zugunsten der Kleinverdiener im Verein auf Geld. Bei TeamSport Sachsen machen Lok, Chemie, RB und andere gemeinsame Sache: Rückt die Sport-Familie zusammen?

In jeder Krise steckt eine Chance. Wenn dieser Ausnahmezustand dazu beiträgt, dass wir uns wie bei der Jahrhundertflut 2002 gegenseitig helfen und wertschätzen, haben wir etwas Nachhaltiges geschafft. Viele Eltern merken jetzt übrigens, wie anstrengend es sein kann, die Kinder selbst zu betreuen. Und wie gut aufgehoben der Nachwuchs bei unseren Übungsleitern und Trainern ist.

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Kann Solidarität auch darin bestehen, auf Dauerkartenrückerstattungen zu verzichten, das Sky-Abo und Vereinsmitgliedsbeiträge weiter zu bezahlen?

Es stehen viele Existenzen auf dem Spiel. Deshalb sollte jeder genau prüfen, inwieweit er auf das zurückgeforderte Geld aus Eintrittskarten und Abos angewiesen ist. Ich bitte alle Vereinsmitglieder, ihrem Verein treu zu bleiben und die Mitgliedsbeiträge weiter zu zahlen. Mitgliedsbeiträge sind für die Vereine überlebensnotwendig.

Wie wichtig ist Profifußball für eine Stadt?

Ein Bundesliga-Verein hat Strahlkraft, schafft unvergessliche Momente und Identifikation, erhöht die Lebensqualität. Und er ist ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor. Als Arbeitgeber, Steuerzahler, Aushängeschild, Tourismus-Magnet.

Und ohne die im Grundlagenvertrag zwischen DFL und DFB geregelten Abgaben an den Amateurfußball wäre der nicht überlebensfähig?

Der Profifussball unterstützt den Amateurbereich jährlich mit mehreren Millionen Euro. Wenn sich die finanzielle Situation der Profis verschlechtert, haben auch wir Amateure schlechtere Karten. In Sachsen profitiert unser Nachwuchs ganz konkret von Spielabgaben, die wir von RB, Dynamo und Aue erhalten. Dieser gelebte Solidargedanke kommt mir in der Öffentlichkeit oft zu kurz. Wir brauchen die Profivereine als Zugpferde und Motivator für den Nachwuchs. Und wir brauchen die kleinen Amateurvereine als Geburtsstation für Profis und Sozialstation für Kinder und Jugendliche.

Insbesondere die Clubs der Regionalliga Nordost funken gerade SOS.

Die Regionalliga ist sportlich anspruchsvoll, leidet aber unter schlechten ökonomischen Bedingungen. Die industrielle Schwäche Ostdeutschlands kommt zum Tragen, das Fernsehgeld ist gelinde gesagt ausbaufähig.

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Ein Abbruch der Bundesliga-Saison würde einen Rattenschwanz an Konsequenzen nach sich ziehen. Sind Geisterspiele das unausweichliche kleinere Übel?

Keiner will Geisterspiele. Auch ich nicht. Aber wenn es gar nicht anders geht, die Saison zu Ende zu spielen, muss man diese Kröte schlucken.

Wer bezahlt den Unterhalt der Amateur-Plätze?

Viele unserer Sportanlagen sind in kommunaler Hand, zum Teil gepachtet und bewirtschaftet von den Vereinen. Hier müssen unbürokratische Lösungen her, um Einnahmeausfälle zu überbrücken. Der Freistaat hat angekündigt, den Kommunen zu helfen. Der Sport darf nicht als fünftes Rad am Wagen angesehen werden. Wir schaffen Arbeitsplätze, sichern den sozialen Frieden, sind innovativ und repräsentieren unseren Freistaat. Deutschland, das Land der Paragrafen und Bürokratie, muss entstaubt werden. Der Wiederaufbau der Sport- und Vereinslandschaft kann nur funktionieren, wenn Gesetze, Verordnungen und Fristen temporär ausgesetzt werden.

Jens Lehmann hat einen offenen Brief an IOC-Boss Thomas Bach geschrieben und eine Absage der Olympischen Spiele gefordert. Was sagen Sie dazu?

Ich stimme ihm zu 100 Prozent zu. Die olympischen Spiele müssen verschoben werden. Als zweimaliger Olympiasieger weiß Jens, wovon er spricht. Auch für Sportler ist Gesundheit das höchste Gut. Und wenn es die UEFA geschafft hat, die EM zu verschieben, muss das doch auch für das IOC möglich sein.

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