02. März 2021 / 09:06 Uhr

Sachsens Judo-Präsident wehrt sich: „Den Vereinen ist der Leistungssport nicht egal“

Sachsens Judo-Präsident wehrt sich: „Den Vereinen ist der Leistungssport nicht egal“

Frank Schober
Leipziger Volkszeitung
Hoffnung für junge Judoka? Die Vereine arbeiten intensiv an der Entwicklung junger Talente.
Hoffnung für junge Judoka? Die Vereine arbeiten intensiv an der Entwicklung junger Talente. © Sven Bartsch
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Der Chef des Judo-Verbandes Sachsen, Frank Nitzel, hat in einem Schreiben an die Vereine die Gründe erläutert, die zum Ausscheiden von Olympiasieger Udo Quellmalz als Landestrainer führten. Und er reagiert auf die im SPORTBUZZER geäußerte Kritik am Leistungssportkonzept und an einigen Entscheidungen seines Verbandes.

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Leipzig. Der Verlust des Bundesstützpunktes sowie die Trennung von Landestrainer und Olympiasieger Udo Quellmalz hat die regionale Judo-Welt in Leipzig und Sachsen gewaltig erschüttert. Die Aufarbeitung der sportlichen Talfahrt der vergangenen Jahre ist weiterhin in vollem Gange. In einem XXL-Schreiben an die Vereine über zehn Seiten hat der Präsident des Judo-Verbandes Sachsen (JVS) auf die sportliche Misere und die deutlichen Worte reagiert, die aktuelle und ehemalige Leipziger Funktionäre und Trainer gegenüber dem SPORTBUZZER geäußert haben. JVS-Chef Frank Nitzel meint: „Keiner wird bestreiten, dass die Entwicklung der vergangenen Jahre und Jahrzehnte so nicht gewünscht war.“

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Verlust einer Gallionsfigur

Dennoch werde in vielen Vereinen intensiv und aktiv an der Entwicklung junger Talente gearbeitet. „Den Vereinen ist der Leistungssport nicht egal“, sagt der JVS-Spitzenfunktionär aus Crimmitschau. Ein Umdenken im Verband sei erforderlich, eine Gesprächskultur müsse entwickelt und die Anzahl der am Wettkampf teilnehmenden Sportlerinnen und Sportler erhöht werden. Die JVS-Spitze habe sich bereits seit 2004 (zunächst ohne Erfolg) um eine Verpflichtung von Udo Quellmalz bemüht. Dieser sei dann 2017 Favorit auf die vakante Stelle des Bundesstützpunkttrainers gewesen, habe aber seine Bewerbung zurückgezogen. Erst Ende 2019 konnte der erfolgreichste Leipziger Judoka aller Zeiten als Leitender Landestrainer gewonnen werden.

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Der Verlust von Udo Quellmalz in dieser Funktion wird zum einen mit dem angekündigten Wegfall von 80.000 Euro Fördermitteln des Freistaates Sachsen ab 1. Januar begründet. Nitzel meint zudem mit Blick auf das Konzept des Deutschen Judo-Bundes (DJB): „Mit der Entscheidung zum zwangsweisen Wechsel der besten Sportler an andere Stützpunkte wurde Udo die Vision und Arbeitsgrundlage genommen.“ Der Verlust der Gallionsfigur sei traurig.

Der jahrelange Stützpunkttrainer Karl-Heinz Deblitz hatte gegenüber dem SPORTBUZZER zahlreiche leistungssportliche Entscheidungen des JVS kritisiert. Zum Beispiel, dass 2017 Miguel Lopes und nicht der in der Region fest verankerte und bestens vernetzte Mike Göpfert die vakante Trainerstelle erhielt. Dazu entgegnet Frank Nitzel, dass der Portugiese in einem transparenten Verfahren eines Auswahlgremiums mehrerer Institutionen auf Platz eins gesetzt wurde.

Künftig offener Austausch ohne Vorbehalte

Der JVS-Vorstand sei daher überrascht und ungehalten gewesen, dass Lopes Leipzig so schnell wieder verließ. Laut Deblitz hätte man dies aber vorhersehen können. In einem Punkt sind sich alle Seiten einig: Die fehlende Kontinuität bei der Besetzung der hauptamtlichen Trainerstellen ist ein riesiges Problem für den sächsischen Judo-Sport. Deblitz meint: „Es ist offensichtlich, dass vor allem die Trainer nicht mehr da sind, die sich kritisch zum Leistungssportkonzept des JVS geäußert haben.“

Zum Wegfall des Bundesstützpunktes (BSP) meint Frank Nitzel: „Es macht einen stutzig, wenn der Stützpunkt in Leipzig vom DJB als infrastrukturell am besten aufgestellt bezeichnet und dennoch gestrichen wurde.“ Es müsse oberstes Ziel sein, den BSP-Status wiederzuerlangen. Es sei aber unfassbar, dass es sich der Spitzenverband scheinbar erlauben kann, seine besten Sportler nicht mehr zu berücksichtigen, sollten sie sich einem anderen Stützpunkt zuwenden als vom DJB vorgegeben.

Laut einer Blitzumfrage des SPORTBUZZERS in der Leipziger Judo-Szene komme im XXL-Schreiben des Präsidenten die selbstkritische Reflektion der JVS-Verantwortlichen für die sportliche Misere zu kurz. Nitzel freut sich indes, „dass die Vereine enger zusammenrücken“. Und er wünscht sich künftig einen offenen Austausch ohne Vorbehalte und Vorhaltungen.