11. Januar 2022 / 08:08 Uhr

Sachsens Sportvereine fordern Erhöhung der 250-Zuschauer-Regel: "Das ist reine Willkür"

Sachsens Sportvereine fordern Erhöhung der 250-Zuschauer-Regel: "Das ist reine Willkür"

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Mit maximal 250 Zuschauern in den Hallen und Stadien ist fehlende Stimmung vorprogrammiert.
Mit maximal 250 Zuschauern in den Hallen und Stadien ist fehlende Stimmung vorprogrammiert. © Christian Modla
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Lediglich 250 Zuschauer sollen ab Freitag bei Sportveranstaltungen zugelassen werden. Ein Vorschlag, der bei den sächsischen Vereinen und Funktionären auf wenig Verständnis trifft, weshalb auch klare Forderungen gestellt werden.

Leipzig. Seit zwei Jahren bewegt eine Frage fast alle Bereiche des Profisports – egal ob Fußball, Handball, Eishockey oder Leichtathletik. Sie alle würden ihre Wettbewerbe gerne vor Zuschauern austragen, aber wie viele Fans können während der Corona-Pandemie ungefährdet ein (Sport-)Event besuchen? Auf diese Frage hatte die Politik in den vergangenen Monaten zahlreiche Antworten. Zwischen einem kompletten Verbot und Vollauslastung war fast alles dabei. Der aktuelle Entwurf der sächsischen Corona-Schutz-Verordnung, die am Mittwoch beschlossen und am Freitag in Kraft treten soll, sieht eine völlig neue Zahl vor. Bei Sportveranstaltungen aller Art, egal ob drinnen oder draußen, egal ob Stadtliga oder Bundesliga, sind 50 Prozent der jeweiligen Höchstkapazität, höchstens aber 250 Besucherinnen und Besucher gestattet.

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Ein Vorschlag, der bei den Vereinen und Funktionären des sächsischen Sports auf wenig Verständnis trifft. „Das ist reine Willkür“, wird DHfK-Manager Karsten Günther deutlich. Der 40-Jährige hinterfragt: „Wie kann es sein, dass in eine Schulturnhalle mit 500 Plätzen 250 Fans dürfen, aber bei RB, Dynamo oder auch zu uns in die Arena nur die gleiche Anzahl?“ Als Sprecher der Initiative Teamsport Sachsen macht sich der Handball-Chef seit Monaten für die Interessen der Vereine stark und steht in regelmäßigem Austausch mit den Entscheidungsträgern. In den Entwurf der Landesregierung seien die Vorschläge der 20 Profisportclubs allerdings noch nicht eingeflossen.

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„Meine erste Reaktion war Ungläubigkeit. Ich konnte nicht fassen, dass am Ende all unserer Bemühungen und konstruktiver Gespräche diese Zahl stand“, so Günther, der hinzufügt: „Wir hatten eindeutig aufgezeigt, dass eine Auslastung von 25 Prozent mit personalisierten Tickets, regionaler Zuordnung, 2G-Plus und dauerhaftem Tragen der FFP2-Maske völlig pandemieneutral funktionieren kann.“


Umgesetzt wurde fast das Gegenteil. Statt 25 Prozent sollen es zwar 50 sein, statt maximal 1.000 Zuschauern in geschlossenen Räumen und 2.000 im Außenbereich stehen aber lediglich 250 Fans im Regierungsentwurf. Günther rechnet vor: „In unserem Modell reden wir in Summe in ganz Sachsen, wenn alle Profiteams am selben Tag ein Heimspiel hätten, von maximal 25.000 Menschen, die dafür unterwegs wären.“ Realistisch betrachtet also eher 15.000 Fans pro Spieltag, aber auf genau die kommt es laut dem Manager an. „So hätten wir zumindest eine Chance, die tragende Säule der Sportfinanzierung – nämlich unsere Partner – weiterhin zu versorgen und so wirtschaftlich zu überleben.“ Bis zu 2.000 Fans seien ein erster Schritt in die richtige Richtung, 250 hingegen der finanzielle Ruin für einige Clubs.

Untragbare Situation

Sven Gerike, Geschäftsführer und Trainer der Exa IceFighters, erklärt die Bedeutung fürs Leipzigs Eishockeyteam: „Eine Limitierung in dieser geringen Höhe wäre für uns eine untragbare Situation, dies brächte uns in eine absolute Zwickmühle. Denn wir haben 200 VIP’s und 400 Dauerkartenbesitzer, die für uns in Vorleistung gegangen sind und die Saison mitfanziert haben. 350 von ihnen könnten wir dann nicht zufriedenstellen.“

Auch Hermann Winkler, Präsident des Sächsischen Fußballverbands, wird deutlich: „Wir brauchen keine willkürlich festgelegte Zuschauerzahl von 250, sondern eine den örtlichen Möglichkeiten entsprechende praktikable und sinnvolle Lösung.“ Der 58-Jährige fordert eine Gleichbehandlung des Sports mit den Messen ein, also eine Zulassung von mindestens 1.000 Zuschauern.

RB Leipzig hofft auf Umdenken

Für Fußball-Bundesligist RB gleicht die Regelung einem Geisterspiel. Bei 250 Fans in einem Rund mit über 40.000 Plätzen hätte jeder Zuschauer gut 150 freie Schalen um sich herum. „Der aktuelle Entwurf, der zur Folge hat, dass wir unsere kommenden Heimspiele vor den Augen von lediglich 250 Zuschauern unter freiem Himmel im Stadion durchführen dürfen, ist für uns enttäuschend und nicht nachvollziehbar“, so die Roten Bullen auf SPORTBUZZER-Anfrage.

Die Rasenballer hoffen auf ein Umdenken der Politik und eine Zulassung von deutlich mehr Fans. „Wir brauchen Lösungen für Menschen, die sich haben impfen lassen, die sich testen lassen – wir müssen ein Leben und eine Freizeitgestaltung mit der bald zwei Jahre andauernden Pandemie ermöglichen. Das gibt den Menschen Zuversicht und positive Energie und schafft gleichzeitig eben auch Anreize, sich impfen und testen zu lassen.“

Prozentuale Auslastung gefordert

Auch die Leipziger Fußball-Regionalligisten sind mit der Regelung mehr als unzufrieden. Lok-Präsident Thomas Löwe stellt klar: „Wir brauchen die Fans im Stadion und nicht vorm Fernseher. Regionalliga ohne Fans im Stadion macht wirtschaftlich überhaupt keinen Sinn und stürzt die Vereine in finanzielle Abenteuer!“ Seit zwei Jahren kämpfe die Initiative Teamsport Sachsen bereits gemeinsam mit der Politik gegen die Pandemie, organisiere Impftermine und erstelle Hygienekonzepte. „Sollte die Politik uns weiterhin verbieten, unserem Geschäft vollumfänglich nachzugehen, müssen Coronahilfen in Sachsen auch für Regionalligisten klar definiert werden“, so Löwe.

Zustimmung erhält der Lok-Chef vom Kontrahenten aus Leutzsch. Der BSG-Vorstandsvorsitzende Frank Kühne erklärt: „Unser Verein lebt von seinen Sponsoren und Fans, die wir gleichbehandeln wollen. Bei nur 250 Zuschauern wäre die Gleichbehandlung nicht möglich. Wie sollen wir entscheiden? Einigen müssten wir sagen: ,Du darfst kommen.’ Andere dürften es nicht.“ Laut Hygienekonzept der BSG könne ohne Risiko vor 3.000 Fans gespielt werden. Das seien 25 Prozent der Kapazität.

Als erste Vereine in Leipzig könnten am Wochenende neben den IceFighters der HCL und die L.E. Volleys wieder Fans in der Brüderstraße begrüßen. Die Präsidenten beider Klubs könnten mit 250 Zuschauern (25 Prozent) leben. Der HCL könnte seine Sponsoren und Dauerkarteninhaber zurück begrüßen und noch 80 Tickets in den freien Verkauf geben. HCL-Chef Torsten Brunnquell fordert indes, dass anstelle der Zahl 250 eine prozentuale Auslastung in der Verordnung auftauchen soll.

Einstiegsmodell von Teamsport Sachsen:

25 Prozent Auslastung

Innenbereich: Maximal 1.000 Fans

Außenbereich: Maximal 2.000 Fans

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2G-plus-Regel (Geimpft oder Genesen mit zusätzlichem Test)

Regionale Zuordnung der Zuschauer

Personalisierte Tickets

FFP2-Maskenpflicht

Forderungen:

Konkreter Stufenplan der Zuschauerrückkehr zur Orientierung

Wirtschaftliche Soforthilfen zur Liquiditätssicherung, da das Zuschauerverbot seit dem 22. November exklusiv Sachsen betrifft

Aktive Unterstützung, die Bundesbeihilfen an die aktuellen Rahmenbedingungen anzupassen

Mit: Tilman Kortenhaus, Frank Schober und Antje Henselin-Rudolph