31. März 2021 / 21:17 Uhr

Saison-Abbruch im Amateurfußball offiziell! Kreis Gifhorn übt in offenem Brief Kritik

Saison-Abbruch im Amateurfußball offiziell! Kreis Gifhorn übt in offenem Brief Kritik

Benno Seelhöfer
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Ralf Thomas
Hat sich in einem offenen Brief zu Wort gemeldet: Der Gifhorner Kreis-Vorstand um den Vorsitzenden Ralf Thomas. © NFV-Kreis
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Die Saison 2020/21 ist nun auch offiziell vorbei - und wie ihre Vorgänger-Spielzeit fiel auch sie der Corona-Pandemie zum Opfer. Der NFV hat die Saison nun annulliert, Auf- und Absteiger wird es nicht geben. Der Vorstand des NFV-Kreises Gifhorn kritisiert das in einem offenen Brief und spricht von "Planungsfehlern in einzelnen Kreisen und Bezirken".

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Seit einer Woche gilt es als sicher, nun ist es auch offiziell: Die in manchen Ligen noch nicht mal richtig gestartete Saison 2020/21 ist schon wieder Geschichte. Der Niedersächsische Fußball-Verband hat am Mittwochabend in einer Online-Konferenz zwischen dem Präsidium um NFV-Präsident Günter Distelrath und den 33 Kreis-Chefs die Annullierung (zum ersten Mal in der Geschichte des Verbandes) der laufenden, aber unterbrochenen Spielzeit beschlossen. Dafür hatte sich auch die Mehrheit der heimischen Klubs ausgesprochen. Das bedeutet: Die Saison wird einfach gestrichen, als hätte sie nie stattgefunden.

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Bei der Abstimmung gab's 167 Stimmen (84,3 Prozent) für den Saison-Abbruch mit Annullierung. 15,7 Prozent (31) sind der Meinung, dass die Entscheidung zu früh getroffen wurde. In allen Altersklassen von der Landesliga bis in die Kreisklassen wird es keine Auf- und Absteiger geben. Für die Schnittstellen Regionalliga/Oberliga sind aber aller Voraussicht nach Ausnahmen vorgesehen. Das liegt allerdings im Ermessen des Norddeutschen Fußball-Verbandes.

Nach der Saison 2019/20 fällt also die nächste Spielzeit der Corona-Pandemie zum Opfer, der Vorstand des NFV-Kreises Gifhorn hat sich noch am Abend der Entscheidung mit einem offenen Brief an die heimischen Fußballerinnen und Fußballer gewendet und andere Kreise kritisiert, die durch ihr Handeln maßgeblich zum erneuten Saison-Abbruch beigetragen hätten.

"Hättet ihr mal auf uns gehört!"

"Aus unserer Sicht ist es absolut unverständlich, wie es in einzelnen Kreisen und Bezirken zu solchen Planungsfehlern kommen konnte, die nun offensichtlich zu den getroffenen Entscheidungen geführt haben", heißt es in dem Brief, der vom gesamten Kreis-Vorstand unterzeichnet worden ist. Bereits im vergangenen Sommer hatten sich die Gifhorner gegen einen Abbruch und für eine Verlängerung der Saison starkgemacht. Die hätte dann in der Phase zu Ende gespielt werden können, in der der Spielbetrieb 2020 möglich war.

Der Gifhorner Vorstand wird in seinem Brief deutlich: "Wir müssen ganz klar sagen: 'Hättet Ihr mal auf uns gehört!' und 'Hättet Ihr im vergangenen Frühjahr für das Gifhorner Modell gestimmt!', dann wären wir nun nicht in dieser prekären Situation." Und diese aus Sicht vieler Sportlerinnen und Sportler "unfaire Lösung", also den erneuten Abbruch, hätte es dann gar nicht erst geben müssen, heißt es weiter.

Gifhorner befürworten einheitliche Lösung

Der Vorstand verteidigt darüber hinaus auch, die Ligen des Kreises in Staffeln unterteilt zu haben, wofür es "teils heftige Kritik" gegeben habe. Und auf die Frage, warum es diesmal keine Aufsteiger gibt, beim vorherigen Saison-Abbruch aber schon, antwortet der Vorstand ehrlich: "Auch aus unserer Sicht ist es schwer, allen betroffenen Sportkamerad*innen nachvollziehbar zu erklären, wo die Unterschiede zur letzten Saison sind, und warum letzte Saison eine Aufstiegsregelung nach Quotienten angewandt wurde und diese Saison nicht."

Trotz aller Kritik befürworten die Gifhorner aber eine einheitliche Lösung für Niedersachsen. Und: "Letztendlich müssen wir nun als einer von 33 Fußballkreisen in Niedersachsen den demokratisch gefassten Beschluss hinnehmen und akzeptieren." Deshalb mahnt der Vorstand auch "Wut, Zorn oder einen Shitstorm jeglicher Art" nicht an ihm abzulassen.

Wolfsburgs Kreis-Chef-Stefan Pinelli: "Es ist entschieden worden, was auch die Mehrheit der Vereine gesagt hat. Ich empfinde großes Bedauern für diejenigen, die sich gewünscht haben aufzusteigen, das aber jetzt nicht können. Aber man muss das auch aus Funktionärs-Sicht betrachten, wir können auch nicht immer nur Teams aufsteigen lassen. Es gibt viele Meinungen bei uns im Kreis, die habe ich auch so weitergegeben in die Diskussion, aber im Ergebnis war die Mehrheit für den Abbruch. Am Ende steht aber fest: Es ist unbefriedigend für uns alle und es kann nur Verlierer geben, weil der Sport verliert."

NFV-Präsident Distelrath: „Wir haben unsere Entscheidung schweren Herzens getroffen. Aufgrund der staatlichen Verfügungslage, die den Lockdown zunächst bis zum 18. April verlängert hat, sowie den perspektivischen politischen Aussagen erachten wir eine rechtzeitige Aufnahme eines uneingeschränkten Mannschaftstrainings und Spielbetriebs für nicht mehr realistisch. Selbst im besten Fall würden wir vor Mitte Mai nicht zu einer Wiederaufnahme des Spielbetriebs kommen, denn nach so langer Pause würde eine nur zweiwöchige Vorbereitungszeit sicherlich nicht ausreichen. Erschwerend kommen die drastisch gestiegenen Infektions-Zahlen hinzu. Es sind einfach zu viele Unwägbarkeiten wie der weitere Pandemie-Verlauf im Spiel. Nicht zuletzt folgen wir mit unserer Entscheidung dem klaren Votum unserer Vereine.“

Was passiert mit dem Pokal-Spielbetrieb?

Entschieden wurde auch der weitere Umgang mit dem Pokal-Spielbetrieb. „Die Teilnehmer am DFB-Pokal sollen, sofern es die Verfügungslage zulässt, sportlich ermittelt werden. Andernfalls kommt auch hier eine alternative Entscheidungsfindung in Betracht. Gleiches gilt für den Pokal auf Kreis- und Bezirksebene“, sagte Distelrath.

Der offene Brief des NFV-Kreises Gifhorn im Wortlaut

Liebe Fußballer*innen und Vereinsvertreter*innen im NFV Kreis Gifhorn,

Liebe Sportbegeisterte,

der Verbandsvorstand des Niedersächsischen Fußballverbandes hat am 31.03.2021 in seiner Onlinekonferenz die Annullierung der pandemiebedingt unterbrochenen Saison 2020/2021 beschlossen. Damit wird es in den Spielklassen des NFV Kreis Gifhorn weder Auf- noch Absteiger geben.

Als Kreisvorstand begrüßen wir ausdrücklich eine niedersachsenweit einheitliche Entscheidung!

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Wie und warum ist es zu dieser Entscheidung gekommen?

Die sehr unterschiedlichen Ausgangslagen, sowohl in den Bezirken als auch in den Kreisen des NFV haben dazu geführt, dass jetzt eine Entscheidung zum Saisonverlauf getroffen werden musste. In Anbetracht dieser Situation müssen wir nun leider aber mit Recht noch einmal auf die Entscheidungen im letzten Jahr verweisen und ganz klar sagen: „Hättet Ihr mal auf uns gehört" und „hättet Ihr im vergangenen Frühjahr für das Gifhorner Modell gestimmt“, dann wären wir nun nicht in dieser prekären Situation. Aus unserer Sicht ist es absolut unverständlich, wie es in einzelnen Kreisen und Bezirken zu solchen Planungsfehlern kommen konnte, die nun offensichtlich zu den getroffenen Entscheidungen geführt haben.

Wir wären nun nicht in dieser prekären Situation, in der zumindest nach dem Empfinden vieler Sportler*innen eine aus sportlicher Sicht unfaire Lösung entstanden ist.

Im Ergebnis und mit Blick auf die Situation bei uns im NFV Kreis Gifhorn wenden wir uns in dieser Form nun ganz bewusst mit diesem offenen Brief an Euch.

Gemeinsam haben wir im vergangenen Jahr in verschiedenen Onlinekonferenzen unter größtmöglicher Beteiligung der Vereine versucht einen guten Weg für den Saisonverlauf zu finden. Wir haben abgewogen und dann basisdemokratisch Lösungen gefunden, für die wir teils heftige Kritik einstecken mussten. Wir sind mit kleinen Staffeln in die Saison 2020/2021 gestartet und sind dafür kritisch beäugt worden. Wir haben eine kluge und vorausschauende Zeitplanung der Spieltage gewählt und haben es so in nahezu allen Staffeln geschafft, eine Hinrunde vollständig abzuschließen. Nun, ein Jahr später, sind wir aus Sicht der Gifhorner Vereine in einer vergleichbaren Situation zur abgebrochenen Saison 2019/2020, die ja bekanntlich mit einer reinen Aufstiegsregelung nach Quotienten abgebrochen wurde.

Für diese Saison erfolgt nun eine vollständige Annullierung, welche die Mannschaften auf den Aufstiegsplätzen um ihren "sportlichen Lohn" zu bringen scheint. Auch aus unserer Sicht ist es schwer, allen betroffenen Sportkamerad*innen nachvollziehbar zu erklären, wo die Unterschiede zur letzten Saison sind und warum letzte Saison eine Aufstiegsregelung nach Quotienten angewandt wurde und diese Saison nicht.

Letztendlich müssen wir nun als einer von 33 Fußballkreisen in Niedersachsen den demokratisch gefassten Beschluss hinnehmen und akzeptieren. Wie Ihr es von uns gewohnt seid, werden wir jetzt mit Ruhe und Bedacht Lösungswege erarbeiten und gemeinsam mit Euch besprechen. Ziel ist es, schnellstmöglich ins Mannschaftstraining zurückzukehren und uns auf die kommende Saison optimal vorzubereiten.

Wir können die Enttäuschung vieler Fußballer*innen bei uns im Kreis Gifhorn bezüglich der aktuellen Beschlusslage nachvollziehen. Eines möchten wir an dieser Stelle aber eindeutig klarstellen: Der Kreisvorstand sieht sich nicht als der richtige Empfänger von Wut, Zorn oder "Shitstorm" jeglicher Art und wir bitten euch auch eindringlich auf Kommunikation dieser Art zu verzichten.

Wir freuen uns auf eine weitere konstruktive Zusammenarbeit mit Euch.

Der Kreisvorstand des NFV Kreis Gifhorn

Ralf Thomas (Vorsitzender), Hans-Dieter Smilowski (stellv. Vorsitzender u. Ehrenamtsbeauftragter), Christian Benecke (stellv. Vorsitzender u. Kreisgeschäftsführer), Henning Grußendorf (Schriftführer u. Vorsitzender Qualifizierungsausschuss), Wilhelm Wilke (Schatzmeister), Sven Bärensprung (Vorsitzender Öffentlichkeitsausschuss), Timo Teichert (Vorsitzender Spielausschuss), Sven Stuhlemmer (Vorsitzender Jugendausschuss), Dennis Laeseke (Vorsitzender Schiedsrichterausschuss), Jürgen Fricke (Vorsitzender Sportgericht)