04. November 2021 / 15:36 Uhr

Überraschungs-Team zerlegte Mourinho: Insider Sascha Mockenhaupt erklärt das Phänomen FK Bodø/Glimt

Überraschungs-Team zerlegte Mourinho: Insider Sascha Mockenhaupt erklärt das Phänomen FK Bodø/Glimt

Louis Wegmann
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Wehen-Profi Sascha Mockenhaupt spielte 2016 für ein halbes Jahr für den norwegischen Klub FK Bodø/Glimt. 
Wehen-Profi Sascha Mockenhaupt spielte 2016 für ein halbes Jahr für den norwegischen Klub FK Bodø/Glimt.  © IMAGO/Bildbyran/Hartenfelser (Montage)
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Bekannt wurde der norwegische Klub FK Bodø/Glimt erst kürzlich als er sensationell mit 6:1 gegen die AS Rom gewann. Noch vor vier Jahren spielte der Klub vom Polarkreis in der 2. Liga in Norwegen. Wie es zu diesem sportlichen Aufstieg kam erklärt Sascha Mockenhaupt, Spieler von Wehen Wiesbaden, der selbst einst beim Klub gekickt hat und die Strukturen im Verein kennt, im SPORTBUZZER-Interview.

Wir befinden uns im Jahre 2021 n.Chr. Ganz Europa ist von monetarisierten Vereinen besetzt... Ganz Europa? Nein! Ein von unbeugsamen Norwegern bevölkertes Dorf hört nicht auf, den großen Gegnern Widerstand zu leisten. Die Rede ist vom FK Bodø/Glimt.

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Den Verein vom Polarkreis kennen wahrscheinlich die wenigsten. Doch in den letzten Jahren machte der FK Bodø/Glimt nicht nur mit dem sensationellen Gewinn der heimischen Meisterschaft, sondern auch jüngst mit einem 6:1-Sieg in der Conference League über die AS Rom auf sich aufmerksam. Am Donnerstagabend kommt es zum Rückspiel der beiden Teams - dieses mal im Olympiastadion in Rom - und Bodø will wieder triumphieren. Im SPORTBUZZER-Interview spricht Sascha Mockenhaupt, Innenverteidiger und E-Sportler bei Wehen Wiesbaden, über das Erfolgsrezept der Mannschaft und eine ganz besondere Philosophie. Mockenhaupt spielte 2016 selbst für den norwegischen Klub und kennt die Strukturen im Verein bestens.

SPORTBUZZER: Fisch, gesalzene Lammrippen und Zaubertrank? - Was sind die Zutaten für das Erfolgsrezept in Bodø?

Sascha Mockenhaupt (30): (lacht) Das Erfolgsrezept ist eine extrem gute Jugendarbeit und eine ganz klare Philosophie und Struktur innerhalb der Mannschaft. Im Verein selbst herrscht eine sehr familiäre Atmosphäre - 75 Prozent der Mannschaft kamen aus der eigenen Jugend und 75 Prozent der Vereinsverantwortlichen waren Ex-Profis. Alle sind sehr zusammengeschweißt und man hatte eine extreme Ruhe, sich zu entwickeln. Ruhige und strukturierte Arbeit mit jungen Spielern haben den Unterschied gemacht – was daraus geworden ist, hat ja jeder mitbekommen.

Von der norwegischen 2. Liga zu einem 6:1 in einem europäischen Wettbewerb gegen die AS Rom in nur vier Jahren – war eine derartige Entwicklung in Ansätzen absehbar?

Absehbar auf jeden Fall. Die goldene Generation zu meiner Zeit war so 16 bis 19 Jahre alt. Die Jungs waren alle extrem jung, aber sind auch in der 2. Liga zusammengeblieben. Mich hat es nicht gewundert, dass sie Erfolg haben, aber dass es so extrem würde, das konnte keiner sehen. Dadurch, dass keiner den Verein verlassen hat, war ich mir sicher, dass sie relativ schnell wieder hochkommen würden. Dass sie da mit einer Rekord-Saison Meister werden, da musste dann auch einiges passen. Das Potenzial war auf jeden Fall dafür da.


Wettbewerbsübergreifend hat Glimt zuhause nun fünf Spiele in Folge gewonnen. Was sind die Sieg-Faktoren bei Heimspielen?

In Norwegen ist ein Großteil der Vereine mit Kunstrasen ausgestattet, so auch Glimt. Das ist ein Unterschied für viele europäische Vereine. Wenn man auf Kunstrasen spielt und das gewohnt ist, dann hat man da, vor allem auch wegen der [offensiven] Spielweise von Glimt, einen riesigen Vorteil. Vor allem Jugendspieler kennen keinen anderen Untergrund – da läuft der Ball natürlich gut. Und auch die Atmosphäre im Stadion hat einen besonderen Einfluss. In Norwegen ist es nicht so, dass man sich einen Verein aussucht, von dem man dann Fan ist. Das ist alles sehr regional behaftet, da Bodø sehr abgelegen liegt. Alle in der Region feuern deshalb den einen lokalen Klub an und dann sind immer dieselben Leute im Stadion. Durch diese Fanbase, einen Fan-nahen Präsidenten, der am Spieltag auch mal mit Megafon durch die Stadt fährt, und viele ehrenamtliche Helfer entsteht eine familiäre Stimmung innerhalb des Vereins – und das überträgt sich auch aufs Feld.

Hat das Wetter nördlich des Polarkreises einen Einfluss?

Angesichts des Golfstroms in der Region ist das Klima gemildert, sodass es im Winter kaum kälter als -5° C und im Sommer über 20° C werden kann – das Wetter ist also vergleichbar mit dem in Deutschland. Mit dem einzigen Unterschied, dass am Polarkreis in manchen Wochen im Winter eben die Sonne gar nicht aufgeht. Den klimatischen Bedingungen würde ich also keinen großen Einfluss beipflichten.

Die letzten Jahrzehnte bis einschließlich 2019 wurden in der norwegischen Eliteserie durch Rosenborg Trondheim und Molde FK dominiert. Kann Bodø das neue Trondheim werden, sich sogar in europäischen Wettbewerben etablieren?

Da wage ich keine Prognose, weil Glimt abhängig von der Jugendarbeit ist. Ich glaube nicht, dass die Philosophie des Vereins geändert wird und man viele Spieler aus dem Ausland holt. Natürlich wachsen die finanziellen Möglichkeiten, wenn man die [Meister-]Saison so bestätigen kann. Man läuft aber natürlich auch Gefahr, viele Leistungsträger zu verlieren. Das kann man dann schlecht kompensieren. In Norwegen herrscht eine höhere Spieler-Fluktuation, weshalb man vor den Saisons nie sagen kann, welcher Verein gerade favorisiert ist. Der Verein macht zwar einen großen Schritt nach vorne, es wird auch ein neues Stadion gebaut werden, aber man kann nicht davon ausgehen, dass Bodø der neue Serienmeister wird. Dafür fehlen die professionellen Strukturen, die beispielsweise in Trondheim gegeben sind. In Bodø braucht man da noch Zeit.

Viele Talente kennen Sie noch aus Ihrer Zeit 2016. Welcher Spieler hat, nach Frankfurt-Stürmer Jens Petter Hauge, das Potenzial der nächste Top-Transfer von Glimt zu sein?

Mathias Normann spielt ja auch schon in der Premier League, das darf man auch nicht vergessen. Ansonsten bin ich mir ziemlich sicher, dass Kapitän Patrick Berg bei Bodø seinen Weg noch gehen wird. Und auch Linksverteidiger Fredrik Björkan, der Sohn des Sportdirektors und langjährigen Trainers Aasmund Björkan, könnte sein Glück in den nächsten Jahren bei einem größeren Klub in Europa suchen.

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Apropos Björkan - Welchen Einfluss hat das Umfeld in Bodø um Trainer Kjetil Knutsen und eben Sportdirektor Aasmund Björkan auf das Team?

Zu meiner Zeit damals war Aasmund Trainer - der hat die ganze Vereinsstruktur vorgelebt: Spaß am Leben zu haben und das Gemeinschaftsgefühl innerhalb des Vereins standen für ihn immer im Vordergrund. Ich kann mir deshalb kaum vorstellen, dass er [mit Kjetil Knutsen] einen Trainer installiert hat, der anders drauf ist. Das machen die in Bodø hervorragend. Da ist wenig Druck, aber trotzdem der Leistungsfokus da. Die Mischung ist einfach sehr gut.

Normalerweise stehen Underdogs ja tief in der eigenen Hälfte und versuchen, gegen überlegene Gegner Nadelstiche per Konter zu setzen. Seit ein paar Jahren setzt neben der FK Bodø/Glimt auch Atalanta Bergamo mit einem eigentlich unterlegenen Kader auf offensives Spiel und hohes Pressing und ist außerordentlich erfolgreich. Ist das der Underdog-Fußball der Zukunft?

Das kommt darauf an, wie die Vereine aufgestellt sind. Man muss sowohl einen Trainer haben, der das System spielen lassen will, als auch eine Mannschaft, die dazu in der Lage ist. Ich glaube also nicht, dass Underdogs jetzt immer so spielen werden. Bei diesen rechnet man immer damit, dass sie sich zurückziehen - auch wenn detaillierte Videoanalysen etwas anderes ergeben. Auch die AS Rom wird vor dem 1:6 in Bodø Videoanalyse betrieben haben, aber wenn man das dann selber erfährt, dass ein unterlegener Gegner mit solch einem Selbstvertrauen presst, dann ist das nochmal etwas anderes. Zwar kann ich mir vorstellen, dass der ein oder andere Verein dieses Spielsystem adaptieren wird, aber bei den meisten Vereinen ist dafür einfach die Kadertiefe nicht vorhanden. Das ist wie beim Tiki-Taka-Trend damals bei Barca unter Pep Guardiola. Manche Vereine werden damit Erfolg haben – andere nicht.