01. Februar 2020 / 08:23 Uhr

SC DHfK Leipzig vor dem Rückrundenstart: „Bereit sein, sich blutige Knie zu holen"

SC DHfK Leipzig vor dem Rückrundenstart: „Bereit sein, sich blutige Knie zu holen"

LVZ-Sportbuzzer
Leipziger Volkszeitung
Leipzig, 15.12.2019, Arena Leipzig, Handball, 1.Bundesliga, 17.Spieltag, DHfK Leipzig vs. HSG Wetzlar 26:29 , 
Im Bild; GeschŠftsfŸhrer Karsten GŸnther / Guenther (Leipzig) , 
Foto: PICTURE POINT / S. Sonntag , 
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„Wenn zwei oder drei unserer Jungs, die hier Nationalspieler wurden, zu Olympia fahren, wäre das eine einzigartige Erfolgsgeschichte." © PICTURE POINT
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Die SC DHfK-Handballer leiten am Sonntag den Rückrundenauftakt mit einem Heimspiel gegen den HC Erlangen ein. Die Mannschaft muss gegen den giftigen Gegner alles auf die Platte bringen. DHfK-Geschäftsführer Karsten Günther über die laufende Bundesligasaison seiner Handballer, gesteckte Ziele und die Handball-EM.

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Leipzig. Die DHfK-Handballer starten am Sonntag (16 Uhr, Arena) in die Bundesliga-Rückrunde gegen Erlangen. Geschäftsführer Karsten Günther (38) spricht im SPORTBUZZER-Interview über seine Erwartungen für Sonntag und die Saisonziele.

Erstmals geht es nur eine Woche nach dem EM-Finale in der Bundesliga weiter. Hatten die Vereine zugestimmt?

Glücklich sind wir damit nicht, aber es ging in diesem Jahr leider nicht anders. Es stehen noch die Olympia- und WM-Qualifikationen und Olympia selbst an. Außerdem haben wir entschieden, dass die Nationalmannschaft noch einen Lehrgang vor der Olympiaquali bekommt. Insgesamt liegt das Problem tiefer. Eine Synchronisation zwischen EHF und HBL war bis letzten Sommer quasi nicht möglich und ein Gesamtplan immer ein Kampf. Das wurde jetzt endlich verbessert, die EC-Spiele finden ab nächster Saison nur noch unter der Woche statt und die Wochenenden sind frei für Bundesliga. Wenn wir es jetzt noch schaffen, drei oder vier Jahre im Voraus zu planen, könnten wir die Hallen frühzeitig blocken und endlich einen Spielplan gestalten, der einheitlich und nachvollziehbar ist sowie genügend Regenerationszeiten ermöglicht. Die nächsten Saison wird allerdings noch eine Art Mangelverwaltung mit vielen Kompromissen sein.

Ziehen die TV-Partner mit?

Das hoffe ich! Sky ist mit der Entwicklung der Zuschauerquoten zufrieden, die Zusammenarbeit ist sehr gut. Mit Sky haben wir einen Vertrag bis 2023, mit den Öffentlich Rechtlichen bis 2021. Über ARD, ZDF und MDR erreichen wir eine unglaublich breite Masse an Zuschauern, durch Sky werden alle Spiele mit enormer Produktionsqualität abgebildet. Letzte Saison hatten wir über 70 Millionen TV-Kontakte nur als SC DHfK. Das ist überragend – allein für die Vermarktung der Spielfeldbanden.

Ihr habt fünf EM-Spieler und ein gefülltes Lazarett. Welche Auswirkungen hat das für Sonntag?

An der Situation merkt man ja, dass sich etwas ändern muss. Vor allem die Nationalspieler sind extrem belastet. Eine Aufgabe ist es, für Verbesserungen zu kämpfen, das tun wir. Die andere ist es, aus den aktuellen Bedingungen das Beste zu machen und das Maximale für unser Team rausholen. Es gibt keine Ausreden. Dass wir fünf Nationalspieler abstellen, zeigt schließlich auch die tolle Qualität in unserem Kader. Mit Max Janke, Franz Semper und Luca Witzke sind es eigentlich sogar acht. Sie waren ja alle im 28er-Kader des DHB. Und wenn zwei oder drei unserer Jungs, die hier Nationalspieler wurden, zu Olympia fahren, wäre das eine einzigartige Erfolgsgeschichte.

DURCHKLICKEN: Bei der EURO 2020 treten einige Handballer des SC DHfK Leipzig auf

Raul Santos hat die meisten Länderspiele aller aktuellen Akteure des SC DHfK Leipzig bestritten. Der Linksaußen absolvierte über 80 Matches für Österreich und zählt zum Aufgebot der Alpenrepublik für die EURO 2020. Zur Galerie
Raul Santos hat die meisten Länderspiele aller aktuellen Akteure des SC DHfK Leipzig bestritten. Der Linksaußen absolvierte über 80 Matches für Österreich und zählt zum Aufgebot der Alpenrepublik für die EURO 2020. ©

Was erhoffen Sie sich am Sonntag?

Ich erwarte, dass es kracht. Wir sind bei 4400 verkauften Tickets. Die Halle wird beben. Die Duelle mit Erlangen waren schon immer giftig. Wir sind nicht in Vollbesetzung – da kommt es umso mehr darauf an dass wir uns gegenseitig unterstützen um das Maximum rauszuholen. Am Sonntag gewinnt, mehr investiert und bereit ist, sich auch blutige Knie zu holen.

Bei RB nehmen Julian Nagelsmann und Oliver Mintzlaff die Mannschaft schon mal öffentlich Maß, wenn die Einstellung nicht stimmt. Würden Sie im Handball auch so weit gehen?

Wenn man mit fehlender Einstellung meint, dass nicht jeder Spieler 100 Prozent gibt, dann wüsste ich kein einziges Spiel, wo das ein Problem war. Die Jungs wollen immer und geben alles. Es fehlt manchmal aber natürlich das gewisse Etwas oder es werden taktische Anweisungen nicht korrekt umgesetzt. Oder einer will es allein lösen statt im Team. Dann spricht das der Trainer an und es rappelt in der Kabine in der Arena – aber das muss ja nicht gleich über die Medien kommuniziert werden. Wenn du das im Fußball machst, erreichst du die erhoffte Wirkung. Denn es es läuft sofort auf jedem Sender. Bei uns müsstest du schon die LVZ kaufen, damit du die Kritik mitbekommst.

Ihr habt 20 Punkte geholt, aber auch 20 liegen lassen. Wie sieht Ihr Zwischenfazit aus?

Das spiegelt wider, wo wir aktuell stehen und wir haben noch viel Luft nach oben. Uns ist in dieser Saison unsere Entwicklung deutlich wichtiger als der finale Platz in der Tabelle. Wir hatten bis auf Flensburg gegen jeden Top-Gegner die Chance auf mindestens einen Punkt. Der nächste Schritt muss es sein, dass wir die vermeintlichen Pflichtsiege auch einfahren und uns für Topleistungen in Topspielen auch belohnen.

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Bei Franz Semper hat ein Infekt im Dezember den Herzmuskel geschwächt. Was habt ihr daraus gelernt?

Wir gehen sehr sensibel mit der Situation um. Es war richtig, dass wir ihn im letzten Spiel 2019 nicht mit nach Balingen genommen haben, weil die Gesundheit über allem steht. Eine Herzmuskelentzündung ist eine sehr ernste Sache. Die Zusammenarbeit mit dem Uni-Klinikum Leipzig und Professor Andreas Hagendorff schätze ich sehr. Wir lernen aus der Sache auch, dass wir solche Themen in der Nachwuchsausbildung noch präziser vermitteln müssen. Franz profitiert von seinem Mordskörper und seinem riesigen Talent, aber auch er braucht Ruhephasen. In Zukunft muss auch er auf seine Regenerationszeiten besser achten.

Wie lange fällt er noch aus?

Er hat noch absolutes Sportverbot, darf Spaziergänge bis 90er-Puls machen. Wenn die finale Untersuchung gut verläuft, kann er nächste Woche wieder ins Training einsteigen. Ende des Monats gegen Minden rechnen wir wieder mit ihm, in Stuttgart und Magdeburg eher noch nicht. Bei normalen Verletzungen ist der Wiedereinstieg mit 90 Prozent möglich. Bei dieser Sache brauchst du 100 Prozent, denn es geht um Leben und Tod.

Ist die Bundesliga noch die stärkste Liga der Welt?

Auf jeden Fall die ausgeglichenste, die mit den meisten Zuschauern und dem meisten Umsatz. Und die spannendste – jeder kann jeden schlagen. Wenn das Argumente dafür sind, ist es für mich auch die stärkste Liga der Welt. Wenn man es nur daran festmacht, wo die meisten Spieler des Europameister oder Finalisten der Champions League aktiv sind, dann ist es sicher nicht so. Für mich zählen die anderen Faktoren aber mehr.

Wie lautet Ihr EM-Fazit aus deutscher Sicht?

Aus den Möglichkeiten, die sie hatten, haben sie sehr viel rausgeholt. Man merkt eine Entwicklung, es haben viele wichtige Männer gefehlt, aber Neue haben diese Lücken gefüllt. Philipp Weber hat sich in seine Position sehr gut eingelebt und einen tollen Job gemacht. Man muss ihnen hoch anrechnen, dass sie die ambitionierten Ziele behalten haben. Die Chance auf den Halbfinaleinzug war ja definitiv da. Mich stört aber extrem, dass es ständig diese Besserwisser gibt, die man teilweise seit zehn Jahren nicht gehört hat und die jetzt daherkommen mit ihrem Belehrungen. Skandalmeldungen werden von den Medien natürlich gern aufgegriffen, helfen aber kein bisschen weiter. Wir müssen hier eigentlich alle an einem Strang ziehen. Wenn diese Leute der Meinung sind, dass sie so viel vom Handball verstehen, dann sollen sie den direkten Kontakt suchen und sich mit einbringen. Die Beteiligten hingegen haben nie herumlamentiert, haben das Turnier durchgezogen. Das Team hat sechs aus acht Spielen gewonnen. Trotzdem sollten wir uns damit nicht zufrieden geben. Gut ist für den größten Handballverband der Welt eben nicht gut genug.

Interview: Frank Schober, Tilman Kortenhaus, Matthias Roth