15. April 2019 / 16:47 Uhr

SC DHfK Leipzig: Rolf Schmitt hat Maßstäbe gesetzt

SC DHfK Leipzig: Rolf Schmitt hat Maßstäbe gesetzt

LVZ
Leipziger Volkszeitung
Nicht nur am Kreis, sonder auch auf Linksaußen war Rolf Schmitt ein gefragter Spieler.
Nicht nur am Kreis, sonder auch auf Linksaußen war Rolf Schmitt ein gefragter Spieler. © privat
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Angelehnt am größten Erfolg der Vereinsgeschichte, den Gewinn des Europapokals der Landesmeister 1966, hat der SC DHfK gemeinsam mit der Sportmarketing-Agentur BAES Deutschland GmbH aus Berlin den „EUROPA-CLUB 1966" ins Leben gerufen. In diesem Zusammenhang wird an die damaligen Spieler erinnert, die am 22. April 1966 in Paris Honved Budapest 16:14 bezwangen. Heute an Rolf Schmitt.

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In Angst und Schrecken versetzten die EC-Sieger von 1966 ihre Gegnerschaft ganz gewiss nicht, wenn sie erstmals von ihren Kontrahenten beäugt wurden. Beim Warmmachen zum Beispiel. Richtige „Brocken" oder „Riesen" gehörten jedenfalls nicht zu ihrem Aufgebot. Keiner von ihnen war über 1,90 m. Rückraumspieler Hans-Dieter Wöhler und Torhüter Bodo Fischer fehlten immerhin nur zwei Zentimeter zu dieser Marke, aber das war es dann auch. Die durchschnittliche Körpergröße der EC-Helden lag gerade mal bei 1,80 m. Mit solchen Maßen ist heute natürlich nichts mehr zu bestellen. Als die Europapokalsieger im April 2016 anläßlich ihres 50-jährigen Triumphes in der Arena euphorisch bejubelt wurde, erlebten sie den 25:23-Sieg der Gastgeber über die Füchse Berlin und stellten fest, dass ihre „Enkel" im grün-weißen Trikot im Durchschnitt acht Zentimeter größer waren als sie 1966. Das ist im heutigen internationalen Handball keineswegs ein Spitzenwert. Den erreichte schon eher die deutsche Nationalmannschaft kurz zuvor bei ihrem EM-Sieg in Polen mit 1,95 m - Abwehrspezialist Finn Lemke hatte mit seinen 2,10 m sicher keinen unwesentlichen Anteil an diesem Wert.

Ein halbes Jahrhundert zuvor war in dieser Beziehung noch einiges anders, auch bei den Leipziger Vorzeige-Handballern. Bei vielen von ihnen tauchte bei der in Metern angegebenen Körpergröße als erste Zahl nach dem Komma eine Sieben auf. Rolf Schmitt war einer von ihnen, er kam auf 1,78 m. Manche Zeitgenossen bezweifeln sogar diese Angabe und vermuten eher, dass es noch ein paar Zentimeter weniger waren. Leider war Schmitt für ein Gespräch nicht zu erreichen, so dass an dieser Stelle keine Aufklärung erfolgen kann.

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Die körperlichen Nachteile hinderten den vornehmlich auf Linksaußen und am Kreis eingesetzten jungen Mann jedenfalls nicht daran, dennoch nachdrücklich auf sich aufmerksam zu machen. „Rolli hatte einen unglaublichen Antritt", schwärmt zum Beispiel sein früherer Mitspieler Hannes Eichhorn. „Wenn er sich einmal einen Vorsprung erarbeitet oder erlaufen hatte, war er kaum noch einzuholen oder zu stellen."

Schmitt kam 1962 aus Rostock nach Leipzig zum SC DHfK. Er spielte seine Stärken vor allem auf dem Großfeld aus. Was kein Wunder ist. Schließlich waren da die Dimensionen wesentlich größer. Mitunter betrugen die Maße um die 110 m in der Länge und 70 m in der Breite. Auf alle Fälle waren die Räume beträchtlich, in die Angreifer stoßen konnten und die Abwehrspieler zu verteidigen hatten. Auf dem Kleinfeld beziehungsweise in der Halle war das anders, wo 40x20 m als Vorschrift galten. Freilich gab es in den Anfängen des Hallenhandballs auch Ausnahmen. Die in Leipzig bestens bekannte Halle in der Wittenberger Straße brachte es vielleicht auf die Hälfte der geltenden Bestimmungen. Das änderte nichts daran, dass gerade diese Halle eine wichtige Rolle spielte, als der Handball vor allem nach dem zweiten Weltkrieg mehr und mehr vom Freien unter das schützende Dach zog.

Rolf Schmitt zu klein für Großfeld-Nationalmannschaft

Zurück zu Schmitt. Dass es der pfeilschnelle und wieselflinke Blondschopf nicht in die Großfeld-Nationalmannschaft geschafft hatte, hängt wiederum auch mit seiner Größe oder vielmehr mit seiner nicht ausreichenden Größe zusammen. Da ist sich Wolf-Dietrich Neiling, Schmitts langjähriger Weggefährte beim SC DHfK, sehr sicher. Auf dem Großfeld habe Heinz Seiler, der damalige Auswahltrainer, großen Wert darauf gelegt, dass gerade am Kreis eine richtige „Kante" die gegnerische Abwehr beschäftigte. So einer wie Klaus Müller vom Armeesportklub Vorwärts, der zunächst in Berlin und später in Frankfurt/Oder beheimatet war. „Deshalb wurde es schwer für Rolli, auf dieser Position Seiler zu überzeugen, obwohl er eben über eine enorme Schnelligkeit verfügte."

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Bekanntlich hatten mehrere DHfK-Handballer aus dieser das Zeug dazu, auch in der Leichtathletik Karriere zu machen. Damals mussten zahlreiche leichtathletische Tests absolviert werden. Neiling erinnert sich vor allem an die 4mal-100-m-Staffel. Der SC DHfK war in der Besetzung Rolf Schmitt, Peter Randt, Otto Hölke und Hannes Eichhorn angetreten und mit 44 Sekunden eine mehr als beachtliche Zeit erzielt. „Das war nahe am Weltrekord der Frauen", zollt Neiling dieser Leistung noch immer Respekt. „Und der war für uns immer ein wichtiger Orientierungspunkt."

Um genau zu sein: Den Frauen-Weltrekord der Sprint-Staffel hielten damals die US-Amerikanerinnen in 43,9 Sekunden. Diese Bestmarke hatten sie am 21. Oktober 1964 bei den Olympischen Spielen in Tokio aufgestellt, als auch das Männer-Quartett ihres Landes in 39,0 Sekunden einen neuen Bestwert erzielte. Die (gesamt-)deutsche Frauen-Staffel landete in 44,7 Sekunden auf Platz fünf. Dieses Rennen ging ebenfalls deshalb in die Geschichte ein, weil die Polinnen zwar in 43,6 Sekunden gewonnen hatten, eine ihrer Läuferinnen später aber den so genannten Geschlechtstest nicht bestand. Deshalb wurde ihrem Weltrekord die Anerkennung verweigert, als Olympiasiegerinnen werden sie dagegen nach wie vor geführt.

Mannschaftskameraden schätzen Schmitts Sprint-Qualitäten

Mit Rolf Schmitt hat das natürlich nichts zu tun. Das Beispiel zeigt aber, wie nahe er und seine Mitstreiter mit seinen auf der Laufbahn erzielten Leistungen an der Weltspitze waren. Auch Lothar Fährmann zollt den Sprint-Qualitäten seines früheren Mannschaftskameraden großen Respekt. „Da hat er einfach Maßstäbe gesetzt", schwärmt der frühere Rückraumspieler, der sich auch noch an viele gemeinsame Aktionen und seine Pässe auf Schmitt am Kreis erinnert. Freilich auch an eine eher kuriose Situation, als Schmitt – es war ein Spiel auf dem Großfeld, also im Freien – offenbar die Bodenverhältnisse nicht genügend beachtet hatte. „Es hatte heftig geregnet, der Boden war entsprechend nass und ziemlich weich." Was Schmitt nicht daran hinderte, bei einem Konter mit dem Ball nach vorne zu dribbeln. Doch der blieb plötzlich auf dem feuchten Untergrund liegen. Diese Aktion änderte nichts daran, dass die handballerischen Qualitäten des Linksaußens und Kreisspielers sehr geschätzt wurden.

Nach seinem Studium in Leipzig zog Schmitt nach Magdeburg und war beim SCM lange Zeit als Trainer angestellt. Von 1976 bis 1980 war er Cheftrainer des Klubs. Diese Funktion hat mit der heutigen nichts gemein. In den Sportclubs der DDR arbeiteten Cheftrainer nicht mit einer einzelnen Mannschaft, sondern waren für die Entwicklung aller Teams im jeweiligen Klub zuständig. In diese Zeit fiel unter anderem die zweimalige Meisterschaft der Magdeburger (1977 und 1980) sowie der Sieg im Europapokal der Landesmeister 1978, der heutigen Champions League. Im Endspiel wurde Śląsk Wrocław 28:22 bezwungen. Die für Rolf Schmitt vielleicht emotionalere Begegnung hatte es im Halbfinale gegeben. Gegner war mit Honved Budapest jener Kontrahent, gegen den er als Spieler im DHfK-Trikot zwölf Jahre zuvor seinen größten Erfolg gefeiert hatte.

Von Winfried Wächter

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