03. Mai 2020 / 11:26 Uhr

Schach-Experte Marco Drewes: „Im Web fehlt die soziale Komponente“

Schach-Experte Marco Drewes: „Im Web fehlt die soziale Komponente“

Peter Konrad
Peiner Allgemeine Zeitung
MarcoDrewes
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Online werden inzwischen täglich Millionen Partien gespielt – auch der Peiner Schachverein ist aktuell vermehrt im Web unterwegs. „Das ist schon klasse, dass man seinen Sport weiterhin ausüben kann“, erklärt Marco Drewes den Vorteil der Sportart während der Corona-Krise. Aber: Ihm fehlt die soziale Komponente.

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In allen Sportarten gibt es derzeit keine Wettkämpfe mehr, auch die Übungseinheiten fallen aus. Im Vergleich zu vielen anderen Verbänden jedoch kommen die Schach-Vereine mit den Folgen des corona-bedingten Stillstands besser klar: Online werden inzwischen täglich Millionen Partien gespielt – auch der Peiner Schachverein ist aktuell vermehrt im Web unterwegs und hat unter anderem bei der Bezirksmeisterschaft im Blitzschach Silber mit dem Team geholt. „Das ist schon klasse, dass man seinen Sport weiterhin ausüben kann“, erklärt Marco Drewes.

Gleichwohl wünscht er sich, dass alsbald wieder Trainingsabende und Wettkämpfe möglich sind, in denen die Kontrahenten sich gegenüber sitzen. Die digitale Variante sei zwar eine gute Alternative, „aber das echte Schach kann es nicht ersetzen. Die soziale Komponente fehlt mir schon sehr“, betont der 49-Jährige, der 1978 mit Schach angefangen hat und seit Jahren mit zu den besten Spielern in Peine zählt. Was ihn an diesem Spiel reizt und welche Rolle Emotionen spielen, erläutert er im Gespräch mit der PAZ.

Herr Drewes, einige Wissenschaftler sind der Meinung, dass Schach dabei hilft, das Leben besser zu meistern.

(lacht) Das wäre schön, wenn es so wäre, aber grundsätzlich kann ich das nicht bestätigen. Schließlich gibt es sehr unterschiedliche Spieler. Einige sind analytisch und rechnen alles durch, andere wiederum spielen mehr aus dem Bauch heraus und schauen, was dabei herauskommt – und das spiegelt sich nicht nur im Schach, sondern auch im Leben wider.

Was ist denn im Schach wichtiger: Intuition oder reine Logik?

Für mich ist die Intuition wichtiger. Ich vertraue meinem Instinkt und meiner Erfahrung, aber jeder ist eben anders. Es gibt Spieler, die nichts dem Zufall überlassen und alles durchdenken, ehe sie den nächsten Zug machen.

Welche Rolle spielen Emotionen?

Eine große, aber die werden meistens innerlich abgehandelt. Zumindest bei mir ist das der Fall, besonders im Mannschafts-Wettkampf, weil ich da sehr motiviert bin. Innerlich brodelt es, aber die Außenwelt soll nichts mitbekommen. Bleibt dann der Erfolg aus, trage ich den Ärger schon manchmal die ganze Woche mit mir herum. Auf Vereinsebene hingegen kann es schon mal vorkommen, dass die Emotionen etwas unkontrollierter sind (lacht).

Dabei hat der ehemalige Weltmeister Anatoly Karpov gesagt, dass es wichtig ist, keine Emotionen zu zeigen, damit der Gegner daraus keinen Vorteil ziehen kann. Gelingt Ihnen das?

Während des Spiels meistens ja, aber zu Hause ist auch schon mal eine Tastatur oder eine Maus kaputt gegangen. Das Besondere am Schach ist, dass man stundenlang mit sich selbst konfrontiert ist und Spannungen nicht abbauen kann wie zum Beispiel im Fußball. Dort kannst du den Frust auf den Schiedsrichter, den Gegner oder Mitspieler schieben. Im Schach bist du selbst verantwortlich. Wenn du fünf, sechs Stunden spielst und dann einen Fehler machst und verlierst, war alles vergebens. Das ist schon sehr frustrierend.

Wie gehen Sie damit um?

Es fällt mir immer noch schwer, Niederlagen zu akzeptieren, da manchmal nicht der Gegner besser war, sondern meine Ungenauigkeit das Spiel hat kippen lassen. Im Laufe der Zeit habe ich jedoch gelernt, etwas gelassener zu sein. Aber es ist schon eine schwierige Situation, da man während einer Partie viel in sich hineinfrisst und es anschließend kaum eine Möglichkeit gibt, das wieder abzubauen. Mannschaftskämpfe können schon mal sieben Stunden dauern und wenn man dann verliert und die Mannschaft dadurch auch, dann ist das ein „gebrauchter“ Sonntag.

Gelten Schachspieler auch deshalb als introvertiert und eigenbrötlerisch?

Das sind auf jeden Fall zwei Eigenschaften, die auf einige Spieler zutreffen. Es gibt aber die komplette Bandbreite von allen Charakteren – wie beim Fußball findet sich auch im Schach ein Querschnitt der Gesellschaft.

Im Vergleich zu anderen Sportarten erhält Schach aber nur wenig mediale Aufmerksamkeit. Ärgert Sie das?

Nein, weil Schach eine gute Reputation hat. Auch in der Schule und bei den Eltern – das merke ich immer wieder in den Schach-Arbeitsgemeinschaften, die ich an fünf Schulen seit etwa zehn Jahren leite.

Warum empfiehlt es sich für Kinder und Jugendliche, Schach zu spielen?

Weil man in diesem Spiel lernt, analytisch Entscheidungen zu treffen und auch dazu zu stehen. Ich glaube, dass dies auch für das Leben ein wichtiger Aspekt ist. Vielleicht ist deshalb auch in den Schulen der Zulauf so groß, wie übrigens auch bei uns im Verein.

Nachwuchssorgen hat der PSV demnach nicht.

Nein, der Trend ist weiterhin sehr positiv. Und die tolle Nachwuchsarbeit, die seit Jahren von einigen sehr engagierten Leuten bei uns betrieben wird, zahlt sich inzwischen aus. Denn in der ersten Mannschaft sind von den acht Spielern gleich sechs unter 28 – und die kommen alle aus unserer eigenen Jugend. Deshalb sind die Perspektiven bei uns auch gut. Zumal die jungen Spieler von heute stärker sind, als ich es damals war.

Woran liegt das?

In meiner Jugendzeit haben wir uns alles über Bücher beigebracht. Heutzutage haben die jungen Spieler und Spielerinnen ihre Smartphones und Apps, mit deren Hilfe sie alle ihre Partien analysieren können. Deshalb sind sie auch theoretisch sehr bewandert und viel weiter, als ich es vor 30 Jahren war.

Haben sich noch andere Dinge geändert?

Ja, mit zunehmendem Alter bin ich zurückhaltender geworden. Früher bin ich mehr Risiko gegangen, inzwischen spiele ich viel ruhiger und abgeklärter. Zudem bin ich aufgrund meiner Erkrankung nicht mehr so leistungsfähig wie noch vor zehn Jahren. Als ich 22 war, bin ich an Multipler Sklerose erkrankt, und inzwischen funktioniert manches nicht mehr so, wie ich es gern hätte. Besonders die Augen machen mir Probleme. Um mich fit zu halten, auch für Schach, fahre ich sehr viel Fahrrad.

Beim Schach wird oft lange nachgedacht und viel gegrübelt. Machen Sie das im Leben auch?

(lacht) Nein, bei den Partien analysiere ich viel und denke weitaus tiefer als im normalen Leben. Da treffe ich viele Entscheidungen aus dem Bauch heraus – oftmals war das dann zu vorschnell. In manchen Situationen wäre es vermutlich besser gewesen, etwas länger nachzudenken. Aber das ist wie im Schach: Man lernt immer dazu und bekommt die Möglichkeit, es beim nächsten Mal besser zu machen.

Die WM als ein ganz besonderes Erlebnis

Das sportliche Highlight schlechthin in seiner Schach-Karriere sei die Teilnahme an der Weltmeisterschaft für Menschen mit Behinderung gewesen, sagt Marco Drewes. Selbige fand 2018 in Dresden statt – und dort holte der Peiner, der mit vier weiteren Spielern zur Niedersachsen-Auswahl gehörte, in der Teamwertung Bronze.

Maßgeblichen Anteil daran hatte Drewes, besiegte er doch beim 2:2 gegen den späteren Weltmeister Russland mit Andrei Obodchuk den stärksten Spieler des Turniers.

Mit diesem Erfolg legte Drewes die Grundlage für eine besondere Ehrung: Er erspielte sich in sechs Partien fünf Punkte und zeigte damit die beste Leistung an Brett 1 – Lohn dafür war die Goldmedaille.

Es sind jedoch nicht allein die sportlichen Erfolge, warum er sich immer noch gern und oft an die WM erinnert, „sondern das Miteinander war fantastisch. Es ging sehr fair zu, keiner beschwerte sich, wenn es zum Beispiel mal laut wurde. Für mich war es ein ganz besonderes Erlebnis“, betont Drewes.