30. Januar 2021 / 08:00 Uhr

Sportvorstand Jochen Schneider über das Krisen-Jahr von Schalke 04, seine Zukunft und die 2. Liga

Sportvorstand Jochen Schneider über das Krisen-Jahr von Schalke 04, seine Zukunft und die 2. Liga

Christian Müller
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Kann Schalke 04 die Krise überstehen? Der <b>SPORT</b>BUZZER sprach mit Sportvorstand Jochen Schneider.
Kann Schalke 04 die Krise überstehen? Der SPORTBUZZER sprach mit Sportvorstand Jochen Schneider. © imago images/Montage
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Für den FC Schalke 04 wird die Luft im Tabellenkeller der Bundesliga immer dünner. Dem stolzen Traditionsverein droht der erste Abstieg seit 1988. Vor dem Spiel gegen Werder Bremen äußert sich S04-Sportvorstand Jochen Schneider zum Chaos-Jahr 2020, die Bedeutung eines möglichen Abstiegs und die finanzielle Situation.

Vor dem Spiel bei Werder Bremen an diesem Samstag (15.30 Uhr/Sky) äußert sich Jochen Schneider, Sportvorstand des FC Schalke 04, im Interview mit dem SPORTBUZZER zu einem möglichen Abstieg aus der Bundesliga und zu seiner Zukunft.

SPORTBUZZER: Jochen Schneider, 2020 hatte Schalke Ende Januar zwar gerade 0:5 beim FC Bayern verloren, war aber mit 33 Punkten Tabellensechster. Wie beschreiben Sie das, was seitdem auf Schalke passiert ist?

Jochen Schneider (50): Das ganze Kalenderjahr 2020 verdient das Wort Albtraum. Es war insgesamt eine Katastrophe, was wir sportlich abgeliefert haben. Wir hatten über das ganze Jahr mit großen Verletzungssorgen zu kämpfen. Zum Teil hat uns über mehrere Wochen hinweg die komplette Achse gefehlt. Dann hat uns in einigen Spielen auch schlichtweg das Spielglück gefehlt. Die Lockdownphase im März und April haben wir offensichtlich schlecht genutzt, sodass wir nach dem Re-Start der Bundesliga Mitte Mai kaum konkurrenzfähig waren.

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Ein Vorwurf an das damalige Trainerteam um David Wagner?

Kein Vorwurf, vielmehr eine nüchterne Feststellung. Wir haben das mit dem damaligen Trainerteam aufgearbeitet. Wir haben die vielen verletzten Profis aus dem März zwar zum Re-Start zurück aufs Feld gebracht, sie hatten aber nicht ausreichend Spielfitness. Zum Ende der Saison haben wir erneut mit einem stark ausgedünnten Kader gespielt. Dadurch hat sich die Liste der nicht gewonnenen Spiele immer weiter verlängert. Meine Hoffnung war, dass wir die Mannschaft mit David Wagner wieder auf das körperliche Niveau des Vorjahres und damit zurück in die Erfolgsspur bekommen können. Die Auftaktbegegnung in München (0:8, d. Red.) hat vieles zusammenfallen lassen. Dann war der Glaube auf beiden Seiten nicht mehr da, dass wir in dieser Konstellation die Wende schaffen werden.

"Ohne Corona wäre es mir als Allerletztes eingefallen, McKennie abzugeben"

War es ein Fehler, sich erst nach dem zweiten Spieltag der neuen Saison von Wagner zu trennen?


Mit dem Wissen von heute kann man das so sagen. Nach der langen sieglosen Zeit hätte man die Trennung auch im Sommer vollziehen können. Mein Ansinnen war ein anderes, die Rechnung ist nicht aufgegangen. Deswegen muss ich das auf meine Kappe nehmen. Natürlich hätten wir uns auch den Kaderumbau anders gewünscht. Wir hätten gern auf dem Weg des Sommers 2019 weitergemacht, der Mannschaft junge, hungrige Spieler zuzuführen. Sie können mir glauben: Ohne Corona wäre es mir als Allerletztes eingefallen, Weston McKennie abzugeben (zu Juventus Turin ausgeliehen, d. Red.), der noch vier Jahre Vertrag hatte. Aber auch dieser Transfer war in Anbetracht unserer wirtschaftlichen Lage alternativlos. Leider.

Die finanzielle Lage des Vereins soll phasenweise existenzbedrohend gewesen sein. Wie ist sie aktuell?

Das stimmt so nicht. Es wurde damals gesagt: Existenzbedrohend wird es, wenn die Bundesliga auf lange Zeit nicht in den Spielbetrieb zurückkehrt. Das wäre etlichen anderen Vereinen genauso gegangen. Gott sei Dank konnten wir dank DFL-Geschäftsführer Christian Seifert und seinem Team sowie der gelebten Disziplin aller 36 Erst- und Zweitligisten Mitte Mai den Spielbetrieb wieder aufnehmen. Auch wenn wir derzeit in einer ganz schwierigen sportlichen Situation stecken, ist sie auch jetzt nicht existenzbedrohend. Vielmehr ist sie maximal herausfordernd.

"Gross ist in der Lage, den Spielern den immensen Druck zu nehmen"

Warum ist der Trainertyp Christian Gross aktuell passender als seine Vorgänger Wagner und Baum?

Ich will das nicht vergleichen. Christian Gross ist ein hervorragender Trainer, der solche Situationen schon gemeistert hat. Und er ist in der Lage, den Spielern den immensen Druck zu nehmen. Deshalb bin ich überzeugt, dass er der Richtige ist. Aber es braucht jeden Einzelnen hier auf Schalke.

Gibt es für Gross eine Perspektive über das Saisonende hinaus?

Das haben wir nicht besprochen. Die Aufgabe, die wir jetzt haben, ist gewaltig. Wir sollten unseren Fokus ausschließlich darauf legen, diese erfolgreich zu gestalten.

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Abstieg? "Da wäre es gewaltige Veränderungen geben"

Was würde sich auf Schalke im Falle des Abstiegs verändern?

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Extrem viel, das ist klar. Wir haben keine Mannschaft, die für die 2. Liga zusammengestellt ist. Da würde es gewaltige Veränderungen geben. Aber wir sind in der Pflicht, auch für die 2. Liga eine Lizenz zu beantragen – mit den entsprechenden Planzahlen und einem entsprechenden Plankader.

Ist Ihre Zeit bei Schalke 04 im Falle eines Abstiegs beendet?

Ich wurde in einem anderen Interview gefragt, ob ich jemand sei, der in so einer Lage an seinem Sessel klebt. Das bin ich nicht. Mir geht es ausschließlich darum, was für Schalke das Beste ist. Wenn der Aufsichtsrat der Meinung ist, es braucht einen Neuanfang, dann werde ich dies akzeptieren. Aber solange ich unter Vertrag stehe, werde ich alles für den Verein geben.