19. Mai 2021 / 07:06 Uhr

Schalkes Vier-Minuten-Titel: So erlebte Ex-Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld die irre "Grenzerfahrung"

Schalkes Vier-Minuten-Titel: So erlebte Ex-Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld die irre "Grenzerfahrung"

Oliver Wurm
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Trauer bei Schalke-Trainer Huub Stevens, Jubel beim FC Bayern München um Coach Ottmar Hitzfeld. Die Schalker Vier-Minuten-Meisterschaft von 2001 ist bis heute unvergessen.
Trauer bei Schalke-Trainer Huub Stevens, Jubel beim FC Bayern München um Coach Ottmar Hitzfeld. Die Schalker Vier-Minuten-Meisterschaft von 2001 ist bis heute unvergessen. © IMAGO/HJS/Team2/Montage
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Schalke 04 muss den bitteren Gang in die 2. Liga antreten. Noch vor 20 Jahren sah alles ganz anders aus. Die Knappen trennten am 19. Mai 2001 nur vier Minuten vom deutschen Meistertitel - beim irrsten Bundesliga-Finale aller Zeiten. Der damalige Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld blickt zurück.

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Abgeschlagen abgestiegen. Am Samstag bestreitet der FC Schalke 04 sein vorerst letztes Bundesliga-Spiel, dann geht es runter in Liga zwei. Vor genau 20 Jahren war der Klub ganz oben, im Himmel der Gefühle. Allerdings nur für vier Minuten. Und der FC Bayern, mit Blick auf die nun neun Meisterschaften hintereinander kaum zu glauben, war einmal nicht Deutscher Meister. Wenn auch nur für diese vier Minuten, an jenem 19. Mai 2001. An der Seitenlinie beim irrsten Bundesliga-Finale aller Zeiten: Ottmar Hitzfeld, der Bayern-Trainer. Mittendrin – und doch ohnmächtig.

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Ein Rückblick: Der FC Bayern braucht nur einen Punkt, um am letzten Spieltag beim Hamburger SV seinen Titel zu verteidigen. Schalke, das sich mit dem letzten Heimspiel gegen die SpVgg Unterhaching vom altehrwürdigen Parkstadion verabschiedet, muss gegen den Abstiegskandidaten gewinnen und auf ein Wunder hoffen. Schalke siegt 5:3. Der HSV und Bayern belauern sich, ein zähes 0:0. Die 90. Minute: HSV-Torjäger Sergej Barbarez überspringt nach Flanke von Marek Heinz Bayerns Patrik Andersson, trifft per Kopfball – 1:0 für die Hamburger, Schalke ist in diesem Moment Meister.

"Als Trainer weiß man: Es wird sicher noch zwei, drei Minuten gespielt. Man hofft: eine Chance bekommen wir noch", erinnert sich Hitzfeld im exklusiven Gespräch für das Magazin "Mehr als ein Spiel". "Im ersten Entsetzen habe ich mich kurz abgewendet, musste dann aber wieder in den Umschaltmodus. Ich habe überlegt, was ich noch tun kann. Die Mannschaft pushen?" Hitzfeld muss 20 Jahre später lachen, gibt sofort die Antwort: "Du kannst nichts machen. Man versucht, weiter daran zu glauben, eine höhere Macht heraufzubeschwören, dass man es doch noch schafft."

Meister-Torschütze Andersson: Hitzfeld hatte keinen Einfluss

Dann die für Schalke fatale Szene: HSV-Torwart Mathias Schober, ein Ex-Schalker, nimmt in der 93. Minute einen Rückpass von Tomas Ujfalusi im Strafraum mit den Händen auf. Schiedsrichter Markus Merk pfeift indirekten Freistoß. Bayerns allerletzte Chance. Doch wer schießt? "Normalerweise hat immer Stefan Effenberg die Elfmeter geschossen – und das war ja wie ein Elfmeter, nur mit Mauer", erzählt Hitzfeld. Doch Effenberg wählt Andersson. Warum? Hitzfeld: "Für Effe war klar, es muss einer hin, der einen trockenen, harten Schuss hat. Aber Andersson hat ja nie Freistöße geschossen. Dass die Wahl auf ihn fiel, war für mich eine totale Überraschung. Ich hatte keinen Einfluss. Das alles lief vor mir wie ein Film ab." Ohnmächtig zum Titel.

Andersson trifft. 1:1, Meister in letzter Sekunde. Auf Schalke wird aus den bereits vergossenen Tränen der Freude tiefes Schluchzen. Emotionschaos auch in Hamburg. Hitzfeld: "Der Glücksschuss und die Gefühlsexplosion danach – einfach Wahnsinn. Diese zwei Minuten waren im Grunde der Schnelldurchlauf dessen, was in einer ganzen Trainerkarriere passieren kann. Eine Grenzerfahrung – wie 1999 in Barcelona gegen Manchester (beim verlorenen Finale der Champions League, d. Red.). Einmal verliert man alles in zwei Minuten, einmal gewinnt man alles."

Bayern feiert – kurz und heftig. Vier Tage später steht das Champions-League-Finale gegen Valencia an. Bayern holt den Henkelpott. Im Elfmeterschießen. Andersson verschießt, Effenberg verwandelt. Irre Tage im Mai 2001.

Die Aussagen von Ottmar Hitzfeld stammen aus dem Magazin „Mehr als ein Spiel“, das das Saisonfinale 2001 auf 90 Seiten behandelt. Zu haben ist es am Kiosk und auf fussballgold.de (7 Euro).