20. Juni 2021 / 15:58 Uhr

"Schande von Istanbul": Warum eine Partie von 2005 die Schweiz und die Türkei noch immer belastet

"Schande von Istanbul": Warum eine Partie von 2005 die Schweiz und die Türkei noch immer belastet

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Fluchtszenen nach Abpfiff: Nach dem WM-Qualifikationsspiel zwischen der Türkei und der Schweiz vor 15 Jahren kam es zu Tumulten.
Fluchtszenen nach Abpfiff: Nach dem WM-Qualifikationsspiel zwischen der Türkei und der Schweiz vor 15 Jahren kam es zu Tumulten. © IMAGO/Ulmer
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Am Sonntag geht es für die Schweiz und die Türkei im direkten Duell um die Chance aufs EM-Achtelfinale. Doch nicht nur die Gegenwart beschäftigt beide Nationen. 2005 fand eine Partie der beiden Nationen als "Schande von Istanbul" ihren unrühmlichen Eintrag in die Geschichtsbücher.

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Obwohl er damals erst zehn Jahre alt war, hat Manuel Akanji das Skandalspiel nicht vergessen. "Ich kann mich noch erinnern, dass ich das Spiel im Fernsehen gesehen habe", sagt der heute 25 Jahre alte Schweizer Nationalspieler über das Duell zwischen der Türkei und der Schweiz am 16. November 2005, das am Ende nur noch wenig mit Sport zu tun hatte. Die Partie, die als "Schande von Istanbul" in die Schweizer Fußball-Geschichte einging, bewegt die Eidgenossen noch heute.

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An diesem Sonntag (18.00 Uhr/ZDF und MagentaTV) treffen der Dortmunder Akanji, der frühere Münchner Xherdan Shaqiri und ihre Nationalteamkollegen am dritten Spieltag der Gruppe A der Europameisterschaft wieder auf die Türkei. Die Protagonisten sind andere, doch wie damals geht es für beide Mannschaften um viel. "Es ist für uns wie ein K.o.-Spiel", sagt Verteidiger Akanji. Die Schweiz hat bei der EM in zwei Partien erst einen Punkt geholt. Die Türkei hat zweimal verloren und noch nicht einmal ein Tor geschossen. Beide kämpfen um ihre letzte Achtelfinal-Chance.

Türken begrüßten Schweizer 2005 mit "Welcome to Hell"-Plakat

Beim dramatischen Duell 2005 ging es um die Teilnahme an der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland. Nach einem 2:0-Sieg im Hinspiel in Bern reiste die Schweiz als Favorit zur entscheidenden zweiten Begegnung in die Türkei. Schon bei der Ankunft am Flughafen wurden die Spieler feindselig empfangen. "Welcome to Hell" stand auf einem Plakat, auf einem anderen wurde der spätere BVB-Stürmer Alexander Frei beleidigt. Im Şükrü Saracoğlu Stadı, der Heimspielstätte von Fenerbahçe Istanbul, drehten die Türken einen Rückstand und führten kurz vor Schluss mit 4:2. Nur ein Treffer fehlte der Mannschaft von Trainer Fatih Terim für die WM-Teilnahme, doch die Schweiz brachte das Ergebnis über die Zeit. Das Ergebnis weiß Akanji spontan nicht. "Ich kann mich vor allem an die Rangeleien erinnern, die nachher passiert sind im Gang Richtung Kabine", sagt er.

Die Schweizer Profis stürmten sofort nach dem Schlusspfiff Richtung Stadion-Katakomben, anstatt auf dem Platz zu feiern. Auf dem Weg dorthin kam es zu tumultartigen Szenen und gewalttätigen Auseinandersetzungen. Der damalige Dortmunder Philipp Degen brach ein Interview mit der ARD ab, um seinen Kollegen zu helfen. "Es war wahnsinnig, welche Aggression herrschte", wurde er in der Neuen Zürcher Zeitung zitiert. "So etwas habe ich in meiner Karriere nicht einmal ansatzweise ein anderes Mal erlebt."

Ex-Nationalspieler Grichting hat noch heute Schmerzen

Stéphane Grichting, der damals als Ersatzspieler dabei war, wurde bei einem Tritt in den Unterleib verletzt und musste ins Krankenhaus. "Selbst heute habe ich noch Nachwirkungen", sagte er der Tageszeitung Blick. "Ich habe im Alltag immer noch Schmerzen und Beschwerden." Der Weltfußball-Verband FIFA reagierte mit harten Strafen auf die Ausschreitungen. Die Türkei wurde zu Partien vor leeren Rängen an einem neutralen Ort und einer Geldstrafe verurteilt. Mehrere Spieler wurden gesperrt.