03. Juni 2022 / 16:08 Uhr

Ständige Beleidigungen: Esad Yüksel will kein Schiedsrichter mehr sein

Ständige Beleidigungen: Esad Yüksel will kein Schiedsrichter mehr sein

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Trotz Leidenschaft legt Schiedsrichter Yüksel seine Pfeife nieder.
Trotz Leidenschaft legt Schiedsrichter Yüksel seine Pfeife nieder. © Privat
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Sechs Jahre lang musste Schiedsrichter Muhammed Esad Yüksel Beleidigungen und Drohungen über sich ergehen lassen. Nach dem jüngsten Vorfall im Mai zog der Gelsenkirchener den Schlussstrich: Er hängt seine Pfeife an den Nagel.

Seine Schiedsrichterkarriere begann, nachdem sich der leidenschaftliche Fußballer Muhammed Esad Yüksel, genannt Esad, vor sechs Jahren eine Handgelenksverletzung zuzog. Er wollte dem Fußball jedoch treu bleiben und wurde stattdessen Schiedsrichter.

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Nun beendet er sein Ehrenamt nach den Geschehnissen im nordrhein-westfälischen Gladbeck: Im Kreisligaspiel zwischen dem erstplatzierten FSM Gladbeck und dem zweitplatzierten SUS Beckhausen 05 agierte Yüksel als erster Assistent. Beide Teams spielen um den Aufstieg, die Stimmung war also von Anfang an entsprechend angespannt.

Bei der eigenen Familie ist Schluss

Während der ersten Halbzeit blieb es noch bei leichten Beleidigungen. Für Yüksel waren diese nichts Neues, da fiel es leicht, die verbalen Attacken von Zuschauern und Spielern auszublenden. „Dass sowas normal ist, sagt einiges über unsere Situation aus“, erzählt der Gelsenkirchener im Gespräch mit #GABFAF.

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In der Halbzeitpause war jedoch Schluss mit Ignorieren: Laut eigener Aussage wurde der Assistent von einem Spieler auf Türkisch aufs Ärgste beschimpft. Yüksel hatte genug und setzte sich verbal zur Wehr, was ihm denn einfalle, ihn und seine Familie so zu beleidigen. Ordner und Trainer gingen dazwischen, als der Schiedsrichter einen Schritt in die Richtung des Pöblers machte. Nachdem er sich beruhigt hatte, wollte Yüksel es auch dabei belassen.

Die Beschimpfungen gingen jedoch weiter, bis der Vater des Assistenten genug hatte und seinen Sohn verteidigen wollte. Der Gelsenkirchener erinnert sich gut: „Er wollte den Typen, der mich beleidigt hat zur Rede stellen. Der hatte aber nicht mal den Mut, seine Worte zuzugeben.“ In dem Moment kam Angst um den eigenen Vater noch zum Ärger hinzu, als dieser ebenfalls von den Zuschauern angegangen wurde. Der leitende Schiedsrichter konnte den besorgten Sohn beruhigen und die Situation entschärfte sich daraufhin wieder. Das Spiel endete schließlich 0:0.

Enttäuschung gegenüber dem Kreisschiedsrichterausschuss

Es waren jedoch nicht nur die Auseinandersetzungen, die Yüksel zum Niederlegen seines Ehrenamts bewegten: Nach dem Spiel hatte er einen Besucher in der Kabine. Ein Vertreter des Kreisschiedsrichterausschusses (KSA) sei Zuschauer des Spiels gewesen und kritisierte den Schiedsrichter scharf. „Er hat mit Konsequenzen gedroht, dabei darf er das als einzelner gar nicht“, so Yüksel. Das Verhalten des KSA-Mannes trifft bei ihm auf Unverständnis. Er verstehe nicht, warum es statt Rückendeckung nur Kritik gab.

Auch vom Verhalten des restlichen KSA ist er enttäuscht. Am Dienstag der darauffolgenden Woche erhielt er kein Spiel, sondern eine Einladung zum Gespräch. „Das war nur eine E-Mail. Aber, wenn sie einen Schiedsrichter brauchten, haben sie immer angerufen. Das hat sich für mich wie eine Strafe angefühlt.“ Entsprechend lehnte der Schiedsrichter die Einladung ab und entschloss sich stattdessen dazu, mit dem Pfeifen aufzuhören.

Es war nicht das erste Mal, dass er so hart beleidigt wurde. „Innerhalb von sechs Jahren wurde ich mehrmals übelst beschimpft, einmal sogar fast von fünf Spielern angegriffen“, erklärt der 25-Jährige. Fast alltäglich waren die Beleidigungen. Das will er sich selbst und seiner Familie nicht mehr antun. Besonders seine schwangere Frau hat der letzte Vorfall belastet: „Sie hat danach im Auto wirklich geheult, das kann man nicht mehr weinen nennen. Das will ich ihr nicht mehr zumuten.“ Schon mehrmals mussten sie, Familie und Freunde ähnliche Situationen mitansehen.

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Eine Stimme für andere Betroffene

Um Yüksel zur Rückkehr zu bewegen, „dafür bräuchte es um einiges härtere Strafen“. Seiner Meinung nach sind die Maßnahmen noch nicht hart genug: Eine Geldstrafe oder ein paar Spiele Sperre würden nicht ausreichen, wenn ein Verein schon mehrmals negativ aufgefallen ist. Auch mehr Rückendeckung für Schiedsrichter ist für ihn ein Muss.

Seine Geschichte trifft in Schiedsrichterkreisen auf Unterstützung. Er hätte zahlreiche Nachrichten von Kollegen erhalten, die das Gleiche durchmachen müssen. Sie seien froh, dass endlich jemand etwas sagt und sich zur Wehr setzt. Genau das will er anderen Unparteiischen mitgeben – selbstbewusst zu sein und sich nicht alles gefallen zu lassen.