19. April 2020 / 18:59 Uhr

Schiedsrichter im Homeoffice: Jan Seidel wartet auf den Bundesliga-Neustart

Schiedsrichter im Homeoffice: Jan Seidel wartet auf den Bundesliga-Neustart

Christoph Brandhorst
Märkische Allgemeine Zeitung
Die Saisonvorbereitung ist für Jan Seidel abgeschlossen - die neue Spielzeit läuft bereits.
Jan Seidel auf seiner Laufrunde am Mühlensee. © Robert Roeske
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Der Fifa-Schiedsrichterassistent hält sich im heimischen Schwante (Oberhavel) mit Sport- und Regelübungen fit. Auch mit Geisterspielen hat der 35-Jährige in der Europa League schon seine Erfahrungen gemacht.

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Neulich noch an den Seitenlinien der Bundesliga-Stadien oder im sogenannten „Videokeller“ in Köln – und nun auf dem eigenen Hof in Schwante. Kontrastprogramm für Fußball-Schiedsrichter Jan Seidel. Auch der Referee, der sonst im deutschen Oberhaus und sogar im Europapokal als Assistent zum Einsatz kommt, ist derzeit zum Warten verurteilt. „Noch vermisse ich den Fußball nicht. So lange wie jetzt war ich in den letzten fünf Jahren nicht zu Hause. Da freut sich die Familie“, sagt der 35-Jährige, der nun viel Zeit im Garten mit seiner Frau und den beiden Kindern verbringt.

„Der Garten freut sich, dass er mal auf Vordermann gebracht wird. Und wir haben auch noch gar nicht alles geschafft, was wir uns vorgenommen haben“, sagt der Fifa-Schiedsrichter-Assistent aus der Gemeinde Oberkrämer. Gefiederten Nachwuchs gibt es außerdem. „Wir haben uns ein paar Küken angeschafft, die brauchen jetzt viel Zuwendung, da passt das ganz gut“, berichtet Jan Seidel quasi aus dem Homeoffice eines Unparteiischen. „Es ist fast wie eine vorgezogene Sommerpause.“

Aber in diesen Tagen muss sich der gebürtige Berliner, der für den SV Grün-Weiss Brieselang amtiert, natürlich auch auf eine mögliche Fortsetzung der Saison im Profifußball vorbereiten. „Wir haben einen DFB-Coach, der uns online mit Trainingsplänen versorgt“, verrät der Schwantener. „So haben wir jeden Tag unser Programm.“ Ein guter Mix aus Übungen für Kraft, Ausdauer und Schnelligkeit komme da zusammen. So bleibt der Referee körperlich fit. „Im Garten habe ich dafür glücklicherweise genügend Platz. Und wenn die Laufrunde doch einmal länger wird, haben wir ja gleich den Mühlensee um die Ecke“, so Seidel.

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Auch im Kopf muss Jan Seidel, der noch vor wenigen Wochen beim Bundesliga-Kracher zwischen RB Leipzig und dem FC Bayern an der Seite von Bibiana Steinhaus im Kölner Videoassistenten-Keller Platz nahm, aber voll auf der Höhe bleiben. Dafür nutzen die DFB-Schiedsrichter ein Online-Tool. „Darüber bekommen wir alle drei, vier Tage neue Videoclips zu bestimmten Themen“, erklärt der Unparteiische. Zehn bis zwölf Situationen werden ihm dann vorgespielt, Seidel muss die Szenen direkt online bewerten und erhält auch gleich die Lösungen. „Aktuell geht es um Abseitssituationen“, verrät der Familienvater aus Oberhavel, der sonst aufgrund seiner Reisen als Schiedsrichter – längst sogar europaweit – rund 150 Nächte im Jahr in Hotels verbringt.

Eigentlich arbeitet Jan Seidel im Controlling bei der Investitionsbank in Berlin. Ein Bürojob, also auch ein Kontrastprogramm zum aufregenden Schiedsrichter-Dasein. „Da ist jetzt umso mehr zu tun“, berichtet er. „Wir bearbeiten die Anträge auf Corona-Hilfe. Da gibt es jetzt natürlich einen großen Andrang und viele Nachfragen.“ Die kann er zum Glück ebenfalls von zu Hause beantworten. Seine Arbeitszeit hat er aufgrund des großen Aufwands für die Schiedsrichterei reduziert. „Jetzt kann ich ein paar Überstunden aufbauen, die ich bestimmt noch brauchen werde, wenn es wieder losgeht“, so Seidel.

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Obwohl er die gemeinsame Zeit zu Hause mit der Familie genießt, hofft er, dass in den Bundesliga-Stadien bald wieder der Ball rollen kann. Mit seinem Schiedsrichterteam – in der Bundesliga ist Jan Seidel regelmäßig mit dem Gespann um den Berliner Daniel Siebert unterwegs – tauscht er sich auch in der Corona-Zwangspause oft aus. „Wir helfen uns hier und da, besprechen auch mal alte Situationen“, sagt er. Überhaupt muss man sich beim Videostudium derzeit mit Szenen aus der Vergangenheit beschäftigen. „Aktuellen Livesport gibt es ja zur Zeit nirgendwo.“

Apropos Vergangenheit – da hat Jan Seidel auch schon seine Erfahrungen mit sogenannten Geisterspielen vor leeren Rängen gemacht, wie sie jetzt in der Bundesliga zu erwarten sind. „In Athen gab es das mal aus Sicherheitsgründen bei dem Spiel einer griechischen gegen eine türkische Mannschaft“, erinnert sich der Schwantener. Und als Ende Februar Inter Mailand und Ludogorets Rasgrad in der Europa League aufeinandertrafen, blieb auch das berühmte Stadion San Siro menschenleer. „Das war schon ein komisches Gefühl“, bemerkt Jan Seidel, der als Assistent an der Linie stand. „Es war die Phase, in der es mit dem Coronavirus gerade so richtig losging. Da gab es am Flughafen schon Fiebertests“, blickt der Schiedsrichter zurück. Szenarien, die auch in Deutschland drohen. „Ich bin gespannt, wie es in der Bundesliga wird“, sagt Seidel.