28. April 2022 / 14:24 Uhr

Schiedsrichter pfeift zu laut: 2500 Euro Schmerzensgeld

Schiedsrichter pfeift zu laut: 2500 Euro Schmerzensgeld

Henri Lohr
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Schiedsrichter Pierre Hackler hat seine Karriere beendet.
Schiedsrichter Pierre Hackler hat seine Karriere beendet. © privat
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Pierre Hackler wollte eine Rudelbildung auflösen, doch durch seinen Pfiff erlitt ein Spieler bleibende Schäden im Ohr. Der Schiedsrichter wurde daraufhin zu 80 Sozialstunden verurteilt und muss 2500 Euro Schmerzensgeld zahlen. Er fühlt sich von den Verbänden im Stich gelassen.

Dieser Artikel ist Teil des Aktionsbündnis #GABFAF. Mehr Informationen unter gabfaf.de

Knapp dreieinhalb Jahre ist der Vorfall nun her. Bei einem Kreisliga-Spiel zwischen der SpVgg Sonnenberg 2 und der DFK 1. SC Klarenthal 2 kam es zu einer Rudelbildung. Schiedsrichter der Partie war Pierre Hackler. Der heute 41-Jährige wollte die Rudelbildung mit einem lauten Pfiff auflösen. „Ein Pfiff reicht normalerweise aus und dann ist es wieder ruhig“, sagt er. Jedoch stand ein Spieler des SC Klarenthal unmittelbar neben dem Schiedsrichter und trug bleibende Schäden im Ohr davon.

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Die Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen ein, woraufhin Hackler bei einem ersten Gerichtsverfahren im Jahr 2020 zu 80 Sozialstunden verurteilt wurde. „Die habe ich dann auch abgeleistet“, erklärt er. Doch es gibt noch ein zweites Verfahren. Der Klarenthaler Spieler verklagte Hackler und forderte 5000 Euro Schmerzensgeld. Gemeinsam mit seinem Anwalt kam der Schiedsrichter zu dem Schluss, dass ein langes Verfahren nervenaufreibend und kostspielig werden könnte. Auf Vorschlag des Richters einigten sich beide Parteien auf eine Summe von 2500 Euro.

Hackler hoffte auf Unterstützung der Verbände, doch die kam seiner Meinung nach nicht. „Eigentlich hätte man sagen müssen: Wir kümmern uns darum, schildere uns doch mal den Vorfall“, sagt er. Jeglicher Kontakt zwischen Hackler, dem Hessischen Fußballverband (HFV) und dem DFB sei von ihm ausgegangen. Darüber ist er enttäuscht. „Mir geht’s vor allem darum, dass die Verbände eigenständig nichts gemacht haben.“

Nach beiden Verfahren habe er sich laut eigenen Angaben bei den Verbänden gemeldet und sei mit dem Hinweis, er solle sich an seine Rechtsschutzversicherung wenden, abgewiesen worden. „Aber die zahlt die Strafe nicht, weil es ja zivilrechtlich war“, bedauert Hackler.

Der HFV bezieht Stellung

Der Hessische Fußballbund dementiert dies auf Anfrage gegenüber dem Kicker. "Der HFV stand desöfteren mit dem betreffenden Schiedsrichter in Verbindung und diesem beratend und unterstützend zur Seite, beispielsweise in der möglichen Frage der Übernahme der entstandenen Kosten über die Versicherung des HFV. Die jeweiligen Sachverhalte wurden an die Versicherung des HFV weitergegeben. Hier ging es sowohl um Kostenerstattung für Anwalts- und Gerichtskosten, als auch um die Schadloshaltung bezüglich möglicher Schadensersatzforderungen", heißt es wörtlich.

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In Zukunft will man mit solchen Fällen nun anders umgehen und klarer kommunizieren: "Der HFV wird diesen Fall weiterhin intensiv aufarbeiten, auch ein entsprechendes Entgegenkommen für den ehrenamtlich tätigen Schiedsrichter und zukünftige Vorgehensweisen in vergleichbaren Fällen erörtern. Denn das Ziel des Verbandes ist und bleibt die Stärkung des Amateurfußballs und damit natürlich auch seiner Schiedsrichter." Ziel sei, dass "in solchen Situationen durch einen fruchtbaren Dialog eine tragbare Lösung mit und innerhalb des HFV gefunden wird."


Auch Schiedsrichter-Legende Urs Meier äußert sich

Pierre Hackler hat seine Pfeife mittlerweile an den Nagel gehängt. „Ich habe mir gedacht: Wofür das Ganze?“, sagt er dem Amateurfußball-Bündnis #GABFAF. Zu groß sei sein Unverständnis gegenüber dem Gerichtsurteil und der Untätigkeit der Verbände.

Dennoch appelliert er an andere Schiedsrichter: „Allgemein denke ich, sollte man sich den Spaß am Pfeifen nicht nehmen lassen. Ich denke, das war jetzt eine einmalige Geschichte und hoffe, dass es keine Nachahmer gibt.“

Mittlerweile hat sich auch die Schweizer Schiedsrichter-Legende Urs Meier zu dem Gerichtsurteil geäußert: "Ein richtig lauter Pfiff gehört zum Schiedsrichter dazu. Ich möchte als Schiedsrichter eine Rudelbildung ja auflösen und die Spieler damit schützen", erklärt er in seinem Podcast "Urs-Meier-Podcast".

"Dass der Spieler in der Hektik des Gefechts mit seinem Ohr zu nahe an die Pfeife kommt, das kann passieren." Weiterhin hat Meier dem Amateurschiedsrichter Hackler seine Unterstützung zugesichert: "Ich würde gerne mal mit ihm telefonieren, er soll sich bei mir melden", sagt er.