17. April 2021 / 20:38 Uhr

Schiedsrichter-Prüfung bestanden!

Schiedsrichter-Prüfung bestanden!

Uwe Kläfker
Schaumburger Ztg. / Schaumburger Nachrichten
Gemeinsam online: Die Lehrwarte Tim Wieggrebe (MItte, oben) und Gabriel Müller (Mitte) führen die Anwärter zur bestandenen Prüfung. Screenshot: uk
Die Lehrwarte (Mitte) Tim Wieggrebe (oben) und Gabriel Müller (Mitte) führen die Anwärter sicher durch den Anwärter-Lehrgang. Auch der neue Kreisvorsitzende Reinhard Stemme (unten, links) schaut mal (online)vorbei. © Uwe Kläfker/Screenshot
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In Schaumburg haben zehn Schiedsrichter-Anwärter am ersten komplett online durchgeführten Lehrgang teilgenommen. Ich habe meinen ersten Lehrgang 1980 absolviert und will wissen: Wie läuft so ein Online-Schiedsrichter-Lehrgang überhaupt ab? Wie haben sich die Regeln verändert? Ein Erfahrungsbericht.

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1980 boykottiert Deutschland aus politischen Gründen die Olympischen Spiele in Moskau. Die DFB-Fußballer feiern in Italien den Titel des Europameisters, der Schaumburger Kreismeister heißt SV Nordsehl.Aber im April vor 41 Jahren ging im Landkreis auch ein Schiedsrichter-Anwärter-Lehrgang über die Bühne. An für sich nichts für die Geschichtsbücher. Aber als Teilnehmer von damals wollte ich wissen, was sich inzwischen in den Fußballregeln verändert hat und wie so ein Anwärter-Lehrgang in der Gegenwart durchgezogen wird. Also habe ich mich angemeldet, mitgemacht und verglichen. Ein Erfahrungsbericht.

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Damals im April vor 41 Jahren trafen wir uns über einige Wochen an zwei Abenden im Sporthaus des TSV Eintracht Bergkette in Obernwöhren. Der damalige Tabellen-13. der Kreisliga ist inzwischen im Fusionsverein TSV Eintracht Bückeberge aufgegangen. „Es war mein erster Lehrgang“, erinnert sich Obmann Wilhelm Kläfker, damals als Nachfolger von Dieter Drünkler ganz frisch als Lehrwart im Amt. Mehr als 40 Teilnehmer hörten gespannt zu, wenn der Lehrwart die Regeln erklärte. Ein bisschen wie in der Schule, bloß nichts verpassen.

Das einzige technische Hilfsmittel war ein eigens besorgter Overheadprojektor, mit dem Folien an die Wand projiziert wurden. Es durfte sogar geraucht werden. Jugendliche im Raum? Egal, das war damals noch so. Dicke Luft gab es dennoch nicht, die Anwärter waren viel zu beschäftigt, wühlten sich durch die 17 Regeln und massenhaft kopierte Papierbögen mit Fragen (mitunter sehr theoretisch), versuchten die richtigen Antworten anzukreuzen.

Mit der Zeit ging das Regelwerk in Fleisch und Blut über, zumindest die wichtigen Basics saßen. Wie hoch muss eine Fahne mindestens sein? Wie breit ist ein Tor? An den 7,32 Metern hat sich nichts geändert, dafür aber vor allem in Sachen Abseitsauslegung (aktiv/passiv) – und natürlich dem Handspiel. Das war damals schon schwer zu verstehen, aber heute steigt niemand mehr durch, wie der aktuelle Fall des Dortmunders Emre Can im Spiel gegen Manchester City mal wieder eindrucksvoll bewiesen hat.

So ein Schiedsrichter-Lehrgang hatte damals etwas Elitäres. Die Anwärter waren auf die Fantasie des Lehrstabs angewiesen. Heute heißt das Zaubermittel Internet, das jede Frage ruckzuck und meist noch in Kombination mit einem anschaulichen Video erklärt.

Und schon sind wir im Jahr 2021. Wegen Corona gibt es keine Präsenzveranstaltung, der Lehrgang findet online mit der Software „Zoom“ statt. Zehn Interessenten hocken daheim, oder wo auch immer, vor den Bildschirmen und lauschen den jungen Lehrwarten Tim Wieggrebe und Gabriel Müller.

An sieben Abenden im März finden wir uns jeweils für zwei Stunden zusammen, hören zu, werden einbezogen, stellen Fragen. Das Teilnehmerfeld ist gemischt. Alicia, Alan und Jona sind mit 16 Jahren die jüngsten Teilnehmer, Thomas ist mit 58 ein alter Hase und wie ich bereits Schiedsrichter gewesen. „Ich bin nie davon losgekommen und will es gerne noch mal versuchen“, erklärt er zum Start. Andreas hat sich in der Jugend in der Niedersachsenliga gespielt und hat über eine Dokumentation auf YouTube für die Schiedsrichterei begeistert. Agha und Alen kommen aus dem Irak, sind große Fußball-Fans.

Technisch läuft fast alles reibungslos, ab und an hakt mal eine Internetverbindung. Aber die Regeln sind anschaulich aufbereitet, es gibt Videos, was vor allem in Sachen Abseits und Handspiel sehr hilfreich ist. Mühsam ist es für mich, die alten Grundsachen zu vergessen. Beim Anstoß darf der Ball heutzutage auch nach hinten gespielt werden, beim Abstoß muss der Ball den Strafraum nicht mehr verlassen haben, um im Spiel zu sein. Das ist gewöhnungsbedürftig. Es hat sich in fast allen Regeln etwas getan, in Sachen Handspiel wohl am meisten. Aber Tim und Gabriel erklären gut und bringen – soweit in der Theorie möglich – Licht ins Dunkel. Vergrößerte Körperfläche? Gab es 1980 noch nicht, da musste bei einem Handspiel Absicht vorliegen, um strafbar zu sein.

Im Umgang mit den Regelfragen hat sich fast alles verändert, zumindest was die technischen Möglichkeiten angeht. Nach den Lehrabenden verschicken die jungen Lehrwarte die Fragen über Google. Nach der Beantwortung gibt es das Feedback binnen Sekunden. Früher mussten Kreuze auf Papier gemacht werden, die Kontrolle gab es über eine Schablone.

Der Clou aber ist eine von Gabriel Müller mitentwickelte App (http://onelink.to/oss-app), die man nach Anmeldung selbstständig durcharbeiten kann, ob beim Frühstück, auf der Toilette oder kurz vor dem Einschlafen. Darin enthalten sind Erklärvideos, Grafiken, Podcasts und natürlich Unmengen von Regelfragen mit Zwischenprüfungen zu den einzelnen Regeln und abschließend simulierten Abschlussprüfungen. Dieses tolle Hilfsmittel hat es mir angetan. Ich bin auf der sicheren Seite, kann so jederzeit nacharbeiten. Die kurzweiligen Lehrabende vergehen wie im Flug. Ich fühle mich in Sachen Fußballregeln wieder (einigermaßen) fit.

Dorian Hundertmark (34) ist Jugendtrainer (JFV 2011 Nenndorf), Familienvater und natürlich Arbeitnehmer: „Ich arbeite nur Nachtschicht, deshalb ist mir der Online-Lehrgang sehr entgegengekommen. Die App ist Bombe, ich fand auch die Lehrwarte klasse und habe mir vorgenommen, auch das eine oder andere Spiel zu pfeifen.

Aber damals wie heute steht zum Abschluss des Lehrgangs eine Prüfung an. Die magische Anzahl der Fragen ist identisch geblieben: 30. Heute darf man fünfmal daneben liegen, 1980 ist es wohl ähnlich gewesen. Geblieben ist auch die Nervosität vor der Abschlussprüfung. Vor 41 Jahren musste ich vor dem Bezirksschiedsrichter-Lehrwart (BSL) Paul Maier Zeugnis ablegen. Heute macht den Job Marcus Schierbaum, der die Prüfung online abnimmt. Die Anwärter haben 35 Minuten Zeit, die Fragen zu beantworten, müssen aber dass Mikro anlassen und vor dem Bildschirm bleiben. Schummeln verboten. Damals konnte man (pssst...) beim Sitznachbarn nachfragen oder rüberschielen. Dorian legt seine Prüfung auf dem Handy ab, während er im Auto auf seine Kinder wartet. Die Schiedsrichterei ist flexibler geworden.

Ich habe es, wie vor 41 Jahren, mit null Fehlern geschafft. Dazu gehört, wie auch in der Führerscheinprüfung, ein wenig Glück mit den richtigen Fragen. Die Lehrwarte haben wohl alles richtig gemacht, auch meine Mitstreiter haben die Prüfung bestanden.

Im Fußball hat sich einiges verändert, aber nicht alles. Der Deutsche Fußballmeister wird mutmaßlich wie schon vor 41 Jahren FC Bayern München heißen und ohne Schiedsrichter geht es nicht, damals wie heute.

Die neuen Schiedsrichter:

Thomas Babatz (SG Liekwegen-Sülbeck-Südhorsten), Agha Bashar (TSV Ahnsen), Alan Bashar (VfL Bückeburg), Jona Bening (TuS Niedernwöhren), Mirkan-Can Cetin (SV Nienstädt 09), Dorian Hundertmark (MTV Rehren A/R), Ali Karatas (SV Nienstädt 09), Uwe Kläfker (TuS SW Enzen), Alicia Lange (TSV Hagenburg), Andreas Mut (VfL Bückeburg).

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Interview:

Der Sportbuzzer Schaumburg hat die Lehrwarte und Studenten Tim Wieggrebe und Gabriel Müller zum Anwärter-Lehrgang befragt.

Der Anwärter-Lehrgang wurde komplett online durchgeführt. Aber ist Präsenz nicht besser?

Wieggrebe: Präsenz ist schöner, weil man dann besser auf Fragen reagieren kann und auch mehr Leute aktiv teilnehmen. Online sind es weniger, die sich beteiligen. Aber speziell bei diesem Lehrgang war das deutlich besser. Wir hatten von Beginn an das Gefühl, dass auch alle durchkommen. Aber auch die Online-Lehrgänge sind kein Problem, gerade der aktuelle hat mir sehr viel Spaß gemacht.

Müller: Mir ist aufgefallen, dass es diesmal wirklich besser ging, was vielleicht am Alter oder auch an der guten Mischung der Teilnehmer lag, weil die Bock auf Fußball hatten.

Die technischen Möglichkeiten sind heutzutage ganz andere als noch vor 40 Jahren. Inwieweit hilft das?

Wieggrebe: Wir hatten auch die Schiedsrichter-App zum ersten Mal zur Verfügung, sicher auch ein Grund, warum es so gut geklappt hat. Es werden alle damit gearbeitet haben.

Gab es dazu seitens der Teilnehmer ein Feedback?

Müller: Die, die sich gemeldet haben, haben positive Rückmeldungen gegeben.

Wird diese von Ihnen mitentwickelte App auch in anderen Kreisen genutzt?

Müller: Die wird deutschlandweit in den Kreisen benutzt. Während Corona haben wir die App als Support allen Kreisen kostenlos zur Verfügung gestellt. Ansonsten können sich die Kreise Lizenzen besorgen.

Sie betreiben einen Aufwand, letztlich sind zehn Anwärter dabei. Viel ist das nicht.

Wieggrebe: Grundsätzlich ist das besser als gar nichts. Da sind wir uns alle einig. Wenn von 130 aktiven Schiedsrichtern am Wochenende 80 im Einsatz sind, dann machen zehn schon viel aus. Aber wenn ich mir anschaue, was wir diesmal für Werbung gemacht haben, sind zehn schon relativ wenig. Da hätte ich mir mehr vorgestellt.

Müller: Schon bei der Begrüßung ist aufgefallen, dass die meisten tatsächlich über die Werbung wie Flyer, Instagram oder auch die Trainer ins Boot gekommen sind. Wir haben den Lehrgang auch gemacht, weil wir gehofft haben, dass die Leute während Corona vielleicht Lust haben, den Schiedsrichter-Schein zu machen. Das ist nicht ganz so gelungen. Corona scheint die Leute nicht zu motivieren.

Durch Corona gibt es keine Spiele für die neuen Schiedsrichter. Wird da nicht viel verlernt, bevor es überhaupt losgeht?

Müller: Wahrscheinlich ist das so. Wir haben aber die normalen monatlichen Online-Lehrabende im Angebot. Und wenn man ein bisschen was verlernt, ist das nicht weiter schlimm. Wenn sie noch ein halbes Jahr durchhalten, dann ist hoffentlich alles gut. Hauptsache, wir haben sie dann noch für die Praxis.

Wieggrebe: Das Gute ist, dass es im Juli Regeländerungen gibt, da können sie dann schon wieder was Neues lernen (lacht).