19. Januar 2022 / 19:10 Uhr

Schiedsrichter Schlager über Kainz-Elfmeter: "Diesen Moment musste ich erstmal sacken lassen"

Schiedsrichter Schlager über Kainz-Elfmeter: "Diesen Moment musste ich erstmal sacken lassen"

David Joram
Märkische Allgemeine Zeitung
Schiedsrichter Daniel Schlager (links) neben den Köln-Profis Florian Kainz  und Marvin Schwäbe. Nach dem kuriosen Elfmeter spricht der Referee im SPORTBUZZER-Interview.
Schiedsrichter Daniel Schlager (links) neben den Köln-Profis Florian Kainz und Marvin Schwäbe. Nach dem kuriosen Elfmeter spricht der Referee im SPORTBUZZER-Interview. © IMAGO/Revierfoto (Montage)
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Das DFB-Pokal-Achtelfinale zwischen dem 1. FC Köln und Hamburger SV endete am Dienstagabend kurios. Weil der letzte Kölner Schütze, Florian Kainz, bei seinem Versuch im Elfmeterschießen wegrutschte und den Ball doppelt berührte, wurde das Tor annulliert. Der HSV kam weiter, Köln schied aus. Im SPORTBUZZER-Interview spricht der leitende Schiedsrichter Daniel Schlager über die Szene.

Es war der kuriose Endpunkt eines aufreibenden Achtelfinal-Duells im DFB-Pokal. Im Elfmeterschießen gewann Zweitligist Hamburger SV am Dienstag beim 1. FC Köln mit 4:3 (1:1, 0:0, 0:0) - weil der letzte FC-Schütze Florian Kainz den Ball bei seinem Schuss zweimal berührte. Schiedsrichter Daniel Schlager annullierte deshalb das Tor des Kölners und beendete das Spiel. Im Interview mit dem SPORTBUZZER, dem Sportportal des RedaktionsNetzwerks Deutschland, spricht der Referee über die Szene und die Reaktionen auf seinen entscheidenden Pfiff.

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SPORTBUZZER: Herr Schlager, haben Sie so eine Situation wie mit Florian Kainz in Ihrer Schiedsrichter-Karriere schon einmal erlebt?

Daniel Schlager (32): Ich persönlich hatte so eine Szene noch nie, aber mir sind ein, zwei Strafstöße in Erinnerung, wo eine Doppelberührung auch schon passiert ist und teilweise geahndet wurde. Das kommt natürlich selten vor. Man rechnet eigentlich nicht damit, muss aber darauf vorbereitet sein und regeltechnisch die richtige Antwort parat haben und das in einer Ausnahmesituation auch abrufen können. Oftmals ist es bei einer Doppelberührung ja so, dass der Ball nicht ins Tor geht. Dieses Mal ging er ins Tor, da wurde es relevant.

Besprechen Sie sich mit Ihrem Gespann vor einem Elfmeterschießen nochmal, um für mögliche kuriose Regelverstöße sensibilisiert zu sein?

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Das passiert schon in der Spielvorbereitung. Man weiß ja, dass es ein K.o.-Spiel ist, das ins Elfmeterschießen gehen kann. Da geht man dann nochmal diese expliziten Dinge durch und überlegt, welche Fälle eintreten könnten. Natürlich kann man nicht jeden Einzelfall vorher besprechen, aber über die Jahre kann man solche Dinge einfach abrufen und weiß, was Sache ist.

"Hey Sören, prüf' das mal"

Wie haben Sie den Elfmeterversuch von Florian Kainz auf dem Platz wahrgenommen?

Zunächst mal: Meine Aufgabe ist es, den Schützen zu überwachen: Täuscht er vielleicht an? Liegt eine Doppelberührung vor? Das sind die Hauptthemen. Gleichzeitig muss ich eigentlich noch schauen, was der Torwart macht: Bleibt er auf der Torlinie stehen oder nicht? Dafür habe ich aber noch meinen Schiedsrichter-Assistenten. Im Team war klar abgesprochen, dass er für den Torwart verantwortlich ist und ich für den Schützen. Ich habe dann gleich gesehen, dass sich der Spieler selbst angeschossen hat. Die Flugkurve des Balles hat meinen ersten Eindruck ein Stückweit bestätigt. Diesen Moment musste ich erstmal sacken lassen, das regelkritisch abrufen.

Was wäre bei einer Elfmeter-Doppelberührung in einem regulären Spiel passiert?

In so einer Situation hätte es einen indirekten Freistoß für die verteidigende Elf gegeben. Beim Elfmeterschießen ist der Strafstoß dann verwirkt, dessen muss man sich bewusst werden, ebenso der Gesamtlage, dass dieser Strafstoß der letzte ist und das Elfmeterschießen damit beendet. Ich habe meine Entscheidung noch an den Videoassistenten (Sören Storks; d. Red.) weitergegeben und gesagt, dass er das prüfen solle.

Wie hat die Kommunikation konkret funktioniert?

Ich habe gesagt: "Hey Sören, prüf’ das mal. Für mich lag eine Doppelberührung vor, damit ist der Strafstoß verwirkt." Er hat das gecheckt und bestätigt.

Der Entscheidungsprozess dauerte nur wenige Sekunden.

Genau, da geht man sofort in die Kommunikation, wenn man so etwas wahrnimmt. Ich habe noch einen Moment gewartet mit dem außenwirksamen Zeichen, bis wir im Team auf dem Platz nochmal kurz Rücksprache gehalten hatten; damit auch klar war, dass ich nicht der einzige auf dem Platz war, der das so gesehen hat.

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Sie wussten, dass dieser Pfiff das Aus für die Kölner bedeuten würde. Wie hoch war Ihr Stresslevel?


Sicherheit geht in so einer Situation vor Schnelligkeit, man denkt dann eher an den Prozess, an die Entscheidung, und weniger an die Konsequenz.

Der Spieler war im ersten Moment verständlicherweise perplex. Was haben Sie ihm nach Ihrer Entscheidung gesagt?

Ich habe ihm gesagt, dass eine Doppelberührung vorlag, weil er sich den Ball ans Standbein geschossen hat, der Strafstoß deshalb als verschossen gilt und mir das Leid tut.

Wie hat er reagiert?

Er wollte dann noch etwas erwidern, was genau, das weiß ich nicht mehr. Ich habe ihm aber gleich entgegnet, dass die Szene schon geprüft und vom Videoassistenten bestätigt wurde, ich ihm trotzdem alles Gute wünsche.

Mit FC-Trainer Steffen Baumgart gab es auch noch einen Austausch, oder?

Nee, eigentlich nicht. Er hat mir einfach zu einer guten Spielleitung gratuliert. Die Szene war weniger Thema, das hatte sich relativ schnell rumgesprochen und war schnell akzeptiert – weil sie auch wissen, dass sich sonst der Videoassistent nochmal gemeldet hätte.

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