29. Juli 2020 / 19:54 Uhr

Schiedsrichterin Christine Weigelt aus Leipzig pfeift in der Frauen-Bundesliga

Schiedsrichterin Christine Weigelt aus Leipzig pfeift in der Frauen-Bundesliga

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Schiedsrichterin Christine Weigelt pfeift seit 2016 regelmäßig Spiele in der Frauen-Fußball-Bundesliga. 
Schiedsrichterin Christine Weigelt pfeift seit 2016 regelmäßig Spiele in der Frauen-Fußball-Bundesliga.  © imago
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„Irgendwann bin ich richtig süchtig geworden!“ sagt Christine Weigelt. Die Sozialarbeiterin ist inzwischen 23 Jahre als Schiedsrichterin unterwegs. Im SPORTBUZZER-Interview mit Leon Heyde spricht sie über ihre sportliche Entwicklung, den Stellenwert der Frauen im Fußball und ihre Erfahrungen mit Gewalt und Diskriminierung.

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Leipzig. Auf dem Platz sucht sie die Kommunikation und auch im Interview zeigt sie sich gesprächig: Christine Weigelt. Seit 1997 ist die Sozialarbeiterin als Referee in Aktion. Seit 2016 pfeift sie Bundesliga-Partien der Frauen. Inzwischen hat sich die 35-Jährige, die für RB Leipzig im Einsatz ist, zu einer der besten Unparteiischen des Landes entwickelt. Bei den Männern steht sie in der NOFV-Oberliga auf dem Platz, in der Regionalliga als Assistentin an der Seitenlinie. Im großen SPORTBUZZER-Interview spricht Sachsens beste Schiedsrichterin 2014 und 2016 über ihren Werdegang, das unausgeschöpfte Potenzial von Frauen im Fußball und ihre Erfahrungen mit Gewalt und Diskriminierung.

Auch für Sie bedeutet Corona Stillstand. Wie halten Sie sich fit?
Da ich in der Spitzenfördergruppe des Landesverbandes bin, unterstützt mich ein Lauftrainer. Zum Programm gehören auch Workouts für zu Hause. Insgesamt war die Unzufriedenheit im Frühjahr schon recht groß, als keiner wusste, wie es weitergeht.

Wie sind Sie zur Schiedsrichterei gekommen?
Mit sechs Jahren habe ich angefangen, Fußball zu spielen. Als dann mit zwölf Jahren Mädels und Jungs getrennt wurden, wollte ich unbedingt aktiv bleiben. Gleichzeitig habe ich einen Aushang im Verein gesehen, dass Schiedsrichter und Schiedsrichterinnen gesucht werden – im gleichen Jahr habe ich meine Ausbildung absolviert.

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Die Regionalliga-Frauen von RB Leipzig unterlagen dem mehrfachen deutschen Meister 1. FFC Frankfurt in der zweiten DFB-Pokal-Runde mit 0:1 Toren knapp. Zur Galerie
Die Regionalliga-Frauen von RB Leipzig unterlagen dem mehrfachen deutschen Meister 1. FFC Frankfurt in der zweiten DFB-Pokal-Runde mit 0:1 Toren knapp. ©

Können Sie sich an ihre erste Spielleitung erinnern?
Das war ein D-Jugendspiel. Natürlich musste ich mich erstmal orientieren, aber mein Vater war mit dabei und hat mir im Nachhinein Tipps gegeben. Laut ihm sollte ich mehr mit meiner Körpersprache arbeiten.

Seit 2004 sind Sie DFB-Schiedsrichterin, seit 2016 pfeifen Sie Frauen-Bundesliga. Welche Schritte brauchte es, um es bis dahin zu schaffen?
Ich bin seit 1997 mit meinen Aufgaben gewachsen, irgendwann bin ich richtig süchtig danach geworden. Es macht mir bis heute viel Freude. Mit 16 hatte ich mein erstes Männerspiel, da musst du lernen, dir Respekt zu verschaffen. Gleichzeitig bin ich aber auch geduldig geblieben, war im Förderkader und habe Auswahlturniere und Lehrgänge absolviert. Wichtig war, den direkten Dialog zu suchen, zu sagen: Ich möchte weiter aufsteigen.

Gab es besondere Hürden zu überwinden?
2013 habe ich mir nach einem Kreuzbandriss auch noch den Meniskus gerissen und wurde aus der 2. Bundesliga in die Regionalliga abgestuft. Das war eine sehr harte Zeit. Frustrierend war vor allem, dass es nicht an meiner Leistung auf dem Platz lag. Da half nur Geduld, gleichzeitig kam ich damals zu RB Leipzig und wurde sehr unterstützt.

Nur ein Bruchteil der Schiedsrichter in Deutschland ist weiblich, wie kann sich daran etwas ändern?
Man muss es schaffen, dass sich mehr Mädels für Fußball interessieren. In meinem Beruf als Erzieherin im Schulhort biete ich immer wieder Fußball-AGs an – für Jungs und für Mädchen. Die Kinder dort sind auch sehr interessiert, Trainingsspiele zu pfeifen. Gleichzeitig müssen aber auch Vorbehalte gegen Schiedsrichterinnen abgebaut werden, damit es mehr ,Bibis’ geben kann.

Sind besagte Bibiana Steinhaus sowie Katrin Rafalski oder Riem Hussein Vorbilder für Sie?
Absolut. Auf Weiterbildungen können wir uns austauschen, vor allem menschlich schätze ich sie sehr. Gleichzeitig kann man sich auch das ein oder andere abschauen von anderen Schiedsrichtern und Schiedsrichterinnen, es muss natürlich zum eigenen Stil passen. Ich versuche immer sehr kommunikativ und bestimmt zu sein, kann mich aber nach dem Spiel auch mal entschuldigen, wenn mir ein Fehler unterlaufen ist.

Es gab immer wieder Anfeindungen gegenüber Referees. Haben Sie selbst solche Erfahrungen gemacht?
Im November wurde ich bei einem Spiel der Frauen-Bundesliga von einem männlichen Fan von der Tribüne hart beleidigt, als dumme Hure. Ich selbst habe das nicht mitbekommen, die Zuschauer haben es durchgehen lassen. Nur meine Beobachterin hat den Mann daraufhin konfrontiert und er verließ mit hängenden Schultern das Stadion – das war eine starke Geste. Zweimal musste ich von Ordnern vom Feld geleitet werden, weil Zuschauer mich bedrängten. Auch auf dem Feld gibt es immer wieder Spieler, die sich vor dir aufbauen.

Hilft Ihnen Ihr Studium zur Sozialen Arbeit in solchen Situationen?
Ich bin ziemlich feinsinnig und habe gute Antennen, kann daher kritische Situationen recht früh entschärfen. Je aufgeheizter das Spiel, desto ruhiger musst du als Schiedsrichter bleiben.

Wie könnte stärkerer Schutz, auch im Amateurbereich, aussehen?
Der Landesverband veranstaltet Fairplay-Tage, ich bin die Fairplay-Beauftragte. Dieses Jahr wird es speziell um das Thema SchiedsrichterInnen gehen. Der Gedanke des fairen Miteinanders muss absolut im Mittelpunkt stehen. Allen muss klar werden: Ohne Schiedsrichter kein Fußball. Es reicht auch nicht, wenn jemand, der zuschaut, selbst nicht pöbelt. Es geht auch darum, andere Menschen, die keinen Respekt zeigen, zur Rede zu stellen.

In letzter Zeit hat sich die Wahrnehmung der Schiedsrichter geändert, die Regelhüter von damals wirken heute menschlicher.
Der DFB legt Wert darauf, die Person, die hinter der Rolle des Schiedsrichters steckt, in den Vordergrund zu rücken. Mit Videobotschaften zeigen wir Gewalt die Rote Karte – von der Kreisklasse bis in die Bundesliga wird nach den gleichen Regeln gespielt, das ist faszinierend und muss von allen akzeptiert werden.

Weitere „starke“ Frauen im Leipziger Sport

In der Bundesliga gibt es Unterstützung durch den Kölner Keller, wie stehen Sie zum Reizthema VAR?
Der Videoassistent gibt den Schiris Sicherheit. Die Bundesliga-Spiele sind extrem schnell, da ist es gut, jemanden zu haben, der auf einzelne Situationen schaut und mögliche Fehler minimiert. Gleichzeitig verstehe ich auch die Fans, denen die Entscheidungsfindung oft zu lange dauert. Im Frauenbereich wird der VAR erstmal keine Rolle spielen.

Welche Ziele verfolgen Sie noch?
Ein Traum wäre, einmal das Pokalfinale in Köln zu leiten. Als vierte Offizielle war ich schon mal dabei, das war ein tolles Highlight.. Aber auch ein Spitzenspiel in der Frauen-Bundesliga würde mich reizen.