22. März 2021 / 18:33 Uhr

Schiri-Duo Grobe/Kinzel: „Wir würden gern einmal beim Final-Four pfeifen“ 

Schiri-Duo Grobe/Kinzel: „Wir würden gern einmal beim Final-Four pfeifen“ 

Jürgen Hansen
Peiner Allgemeine Zeitung
Ansage der Schiris Adrian Kinzelig und Sebastian Grobe (in Blau, von links) beim Spiel der Füchse Berlin gegen den Bergischen HC.
Ansage der Schiris Adrian Kinzel und Sebastian Grobe (in Blau) beim Spiel der Füchse Berlin gegen den Bergischen HC. © FOTO LAECHLER
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Wenn die Handball-Bundesliga spielt, ist die SG Zweidorf/Bortfeld dabei – mit einem Schiedsrichter-Gespann. Das Duo Sebastian Grobe/ Adrian Kinzel hat aber noch einiges vor: Beide würden gern das Final-Four pfeifen.

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Gähnend leere Sporthallen, keine Stimmung, keine Zuschauer: Wegen der Corona-Beschränkungen fehlt bei den Punktspielen der Handball-Bundesligen der Frauen (HBF) und Männer (HBL) zum Unmut der meisten Beteiligten das gewohnte, liebgewordene Drumherum. Schiedsrichter müssen sich dafür im Gegenzug mit weniger Lärm und Hektik herumschlagen. Doch Schiri Sebastian Grobe vermisst die laute Atmosphäre. „Viele Bundesliga-Begegnungen haben jetzt einen Trainingsspiel-Charakter. Es ist daher schwieriger geworden, bei sich selbst die nötige Spannung aufzubauen“, betont der gebürtige Wendeburger, der seit 2012 mit seinem Partner Adrian Kinzel in Deutschlands höchster Liga pfeift.

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Ein weiterer Nebeneffekt der „Geisterspiele“: „Man kriegt fast alle Zwischenrufe mit. Und die stören die Schiris bei der Konzentration. Du blendest sie zwar aus, doch unbewusst beschäftigen sie dich doch“, erläutert der 37-Jährige. Nichtsdestotrotz kommt das Duo Grobe/Kinzel, das bei der SG Zweidorf/Bortfeld gemeldet ist, mit den Widrigkeiten klar. „Wir liefern bisher eine gute Saison ab, haben von den Schiedsrichter-Beobachtern zumeist positive Bewertungen erhalten.“ Das war auch in der Vergangenheit der Fall, denn schon zwei Jahre nachdem beide den Sprung in die Bundesliga geschafft hatten, rückten sie in den DHB-Elitekader auf, dem die 15 besten Handball-Schiedsrichter Deutschlands angehören.

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Die Topspiele der Liga, sprich: wenn die Handballer des THW Kiel, der SG Flensburg-Handewitt, der Rhein-Neckar-Löwen oder SC Magdeburg gegeneinander antreten, bleibt zwar meist den fünf Schiri-Duos vorbehalten, die auch international im Einsatz sind. Aber der Braunschweiger und Adrian Kinzel, der in Bochum lebt, standen auch schon oft bei reizvollen Derbys wie Füchse Berlin gegen Magdeburg und gegen Flensburg, oder auch HSG Wetzlar gegen MT Melsungen auf der Platte. Gute Stimmung herrscht ihrer Einschätzung nach ohnehin in allen Hallen, in denen Bundesliga-Begegnungen stattfinden. Und zwar selbst in kleinen Arena wie der in Balingen, die 2500 Zuschauer fasst. „Da brennt die Luft.“

Den Überblick in knisternder Umgebung verliert das Gespann Grobe/Kinzel so gut wie nie. „Denn wir verstehen uns blind, pfeifen seit 20 Jahren zusammen. Und wir werden wohl bis zum Ende unserer Karriere zusammenbleiben. Wir sind wie Eheleute, man trennt sich nicht“, betont der zweifache Familienvater. Auf dem Spielfeld fahren beide eine eher lange Leine. „Wir wollen das Spiel laufen lassen, sind keine Erbsenzähler. Es kann ruhig körperbetont zugehen, für uns zählt der Vorteilsgedanke.“

Bösartigkeiten haben sie auf dem Bundesliga-Parkett äußerst selten erlebt. „Am Trikot ziehen, körperlicher Kontakt, den Gegenspieler einklemmen – so was gehört zum Handball alles dazu. Und die Spieler haben untereinander kein Problem damit, wenn sie hart angegangen werden. Das sollte aber nur von vorn passieren, Attacken von der Seite oder von hinten sind verpönt. Die muss man unbedingt ahnden, ansonsten wird es unbequem für uns Schiris. Die Spieler haben ein feines Gespür dafür, welche Fouls gepfiffen werden müssen“, gibt Grobe seine in der höchsten Liga gemachten Erfahrungen wieder.

Vor Patzern sind der Wirtschafts-Ingenieur und sein Duo-Partner in der Bundesliga nicht gefeit. „Bei einer Begegnung, die kurz vor Schluss Unentschieden stand, pfiffen wir Schritte. Es waren aber keine, das wurde uns schnell bewusst. Beim Gegenangriff wollten wir den Fehler gut machen, pfiffen auch Schritte. Das hätten wir nicht tun sollen. Denn nach dem Spiel waren beide Mannschaften angefressen, obwohl jede einen Punkt holte“, kritisiert Grobe, für den sich Handball-Schiedsrichter in den Spielen auf einem schmalen Grat bewegen. „Wir haben oft 50-zu-50-Situationen zu entscheiden. Wichtig dabei ist, dass man ähnlich geartete Fouls beziehungsweise Szenen gleich bewertet, damit sich die gegenüberliegende Mannschaft nicht benachteiligt fühlt. Diese Linie muss man bis zum Abpfiff durchziehen. Schafft man das, ist es hohe Kunst.“

In der Frauen-Bundesliga pfeifen Grobe/Kinzel ebenfalls. „Rund 15 Spiele pro Jahr“, erklärt Sebastian Grobe, der wie Adrian Kinzel noch lange nicht ans Aufhören denkt. „So lange wir das Gefühl haben, als Schiedsrichter besser zu werden, machen wir weiter“. Klappt das, könnte ihr großer Traum in Erfüllung gehen: „Wir würden gern einmal beim Final-Four pfeifen“

Von Jürgen Hansen