22. Juni 2020 / 17:08 Uhr

Schmerzmittelkonsum: Ärzte und Physiotherapeuten beobachten genau

Schmerzmittelkonsum: Ärzte und Physiotherapeuten beobachten genau

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Bei einer Verletzung – wie hier bei BG-Basketballer Dominic Lockhart im Nackenbereich – greifen sofort die Mechanismen im Klub: Alle Abteilungen arbeiten zusammen.
Bei einer Verletzung – wie hier bei BG-Basketballer Dominic Lockhart im Nackenbereich – greifen sofort die Mechanismen im Klub: Alle Abteilungen arbeiten zusammen. © Swen Pförtner
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Medikamenten-Missbrauch im Sport wird zur Zeit viel diskutiert: Wir haben uns bei denen umgehört, die die Sportler behandeln, wenn Verletzungen auftreten. Teamärzte und Therapeuten von Basketballern, Handballern und Fußballern aus der Region berichten von ihren Methoden. 

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„Was ich in den letzten 14 Jahren mitbekommen habe – Ibuprofen wird wie Smarties gegessen.“ Neven Subotic, Bundesliga-Fußballer des FC Union Berlin, hat sich in der ARD-Dokumentation „Hau rein die Pille“ zum Schmerzmittel-Konsum unter seinen Kollegen geäußert. Wie wird es bei den Vereinen in der Region gehandhabt, wenn ein Spieler Schmerzen hat? Wir haben uns nicht nur bei Fußballern umgehört, sondern auch die Teamärzte und Physiotherapeuten der Basketballer und Handballer gefragt.

„Ich bin ja nun schon eine lange Zeit im Geschäft. Auch in den 70er Jahren war es unter Sportlern üblich, Schmerzmittel zu nehmen. Ibuprofen war damals bereits der bevorzugte Wirkstoff und ist es auch heute noch – da gibt es gewissermaßen eine Kontinuität. Ich musste auch damals schon reden, dass es andere Möglichkeiten gibt, als eine Tablette einzuwerfen“, erzählt Rainer Junge, Gesellschafter und Geschäftsführer des Rehazentrums Junge. Der Physiotherapeut gibt zu bedenken, dass es nicht möglich sei, entsprechend zu behandeln, wenn Schmerzen dauerhaft betäubt würden.

„Ganz viele, ganz saubere Sportler“

Als Leiter des Medical Teams des Basketball-Bundesligisten BG Göttingen hat er in den vergangenen Jahren schon viele Spieler kennengelernt, die keine Scheu hatten, regelmäßig Tabletten einzunehmen. „Es sind vor allem die Amerikaner, die mit großen Packungen Ibuprofen hier ankommen. Es war auch schon ein Spieler dabei, der hatte einen ganzen Koffer voll Medikamente“, sagt Junge – ohne dabei natürlich Namen zu nennen. Vor der Saison gebe es regelmäßig Beratungen für die neuen Spieler, bei denen darauf hingewiesen werde, dass regelmäßiger Medikamenten-Konsum nicht der richtige Weg sei. „Natürlich stoßen wir auf offene Ohren, aber es sind auch beratungsresistente Spieler dabei, die das gar nicht hören wollen.“ Es gebe aber auch „ganz viele, ganz saubere Sportler“, sagt Junge und nennt Michael Stockton als Beispiel. „Er hat konsequent ‚nein‘ zu Schmerzmitteln gesagt und diese wirklich nur auf Anordnung genommen, wenn es gar nicht mehr anders ging.“

Rainer Junge
Rainer Junge ©
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Das Phänomen des Schmerzmittelmissbrauchs habe sich, so Junge, auf die gesamte Bandbreite des Sports ausgedehnt. „Vielleicht ist es etwas mehr in den Ballsportarten verbreitet“, sagt der Physiotherapeut. Dabei könne man „auch ganz gut ohne auskommen“. Wichtig sei es, präventiv zu arbeiten – wie das bei den Veilchen-Basketballern gemacht werde. Auch „Bagatellsachen“, wie Junge Sehnenreizungen im Knie oder Achillessehnen-Beschwerden nennt, seien ohne Medikamente in den Griff zu bekommen. Zeit spiele dabei eine wichtige Rolle. „Die hat man im Profisport natürlich nicht immer. Aber inzwischen sei das Vertrauensverhältnis zwischen dem Medical Team und BG-Headcoach Johan Roijakkers so groß, dass der Niederländer „wenn eine Pause sein muss, das auch akzeptiert“.

Schnelle und intensive Kommunikation

Bei den Bundesliga-Heimspielen der BG Göttingen sind ständig Dr. Ralf Hamann oder Dr. Stephan Frosch als Mannschaftsärzte anwesend. Sollten Verletzungen auftreten können sie schnell im Rahmen einer ersten Untersuchung die Schwere der Verletzung einschätzen und die weiteren diagnostischen und therapeutischen Schritte direkt einleiten. Beim Training sind die Physiotherapeuten des Athleticums vor Ort, die aufgrund ihrer langjährigen Erfahrungen mit Hochleistungssportlern ebenfalls verlässliche Einschätzungen liefern können und die Mannschaftärzte entsprechend informieren.

Dr. Ralf Hamann
Dr. Ralf Hamann ©

Prinzipiell werden bei Verletzungen von Spielern alle Mitglieder des Medical Teams informiert und diese in weitere Maßnahmen von der ersten Diagnostik, über die konservative oder operative Therapie bis hin zur Nachbehandlung mit einbezogen. „Eine schnelle und intensive Kommunikation zwischen dem Medical Team, Spielern, Trainerteam und Verein ist eine Stärke der BG Göttingen und unter anderem verantwortlich für die im Ligaschnitt relativ geringe Verletzungsanfälligkeit und schnelle Genesungszeit der Göttinger Basketballer. Die kurz- aber auch langfristige Gesundheit der Spieler steht dabei uneingeschränkt an erster Stelle“, betonen Hamann und Frosch.

Dr. Stephan Frosch
Dr. Stephan Frosch ©

Reine Schmerzbehandlung ohne Medikamente

Medikamente werden grundsätzlich nur im Rahmen der medizinischen Notwendigkeit ausschließlich von den Mannschaftsärzten verordnet. Bei zum Beispiel einer Grippeerkrankung wird eine medikamentöse Behandlung (Antibiotika) von Mannschaftsarzt Prof. Johannes Dahm als spezialisiertem Internisten je nach Notwendig verordnet und kontrolliert. Der Einsatz von sogenannten NSAR (nichtsteroidales Antirheumatikum), wie beispielsweise Ibuprofen, werde auch bei den BG-Spielern gelegentlich rezeptiert, jedoch ausschließlich zur kurzzeitigen Behandlung von entzündlichen Reizzuständen des Sehnen-, Kapsel- und Bandapparates.

Prof. Johannes Dahm
Prof. Johannes Dahm ©

„Zur reinen Schmerzbehandlung werden keine Medikamente verschrieben. Wir haben diesbezüglich seit vielen Jahren erfolgreich ein alternatives Konzept“, sagen die Mannschaftsärzte. Zu diesem gehöre eine intensive körperliche Vorbereitung der Spieler mit muskulärer Kräftigung sowie Verbesserung der Mobilität, um die Belastungen der Saison besser verkraften zu können, damit es gar nicht erst zu Überlastungsschmerzen oder Verletzungen kommt. Im Fall einer lokalen Überlastungssituation beispielsweise der Reizung der Achillessehne, werde frühzeitig und sehr intensiv eine spezielle physiotherapeutische Behandlungen vorgenommen – hier komme die hohe Kompetenz der Physiotherapeuten des Medical Teams besonders zum Tragen. „Medikation erfolgt natürlich immer unter Beachtung der Medikamenten-Verbotsliste der NADA, der National Anti Doping Assoziation. Zu Saisonbeginn erfahren die Spieler eine Aufklärung über Risiken und Doping und sind verpflichtet, sämtliche selbstständige Medikamenteneinnahmen zu unterlassen und auch sogenannte Nahrungsergänzungsmittel von uns Ärzten auf ihre Sicherheit prüfen zu lassen“, sagen Hamann und Frosch.

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Präzise Schätzungen erleichtern die Planung

„Verletzungen brauchen – auch bei Profisportlern – manchmal Zeit bis zur Heilung. Das wissen, trotz des hohen Erfolgsdrucks, auch die Spieler, Trainer und Verantwortlichen des Vereins“, sagen die Ärzte. Die Aufgabe der Mannschaftsärzte und des gesamten Medical Teams sei es dabei, zum einen die Schwere der Verletzung und die zu erwartende Ausfallzeit der Spieler möglichst schnell und präzise einzuschätzen, damit Trainer, Spieler und Verein entsprechend planen können. „Zum anderen werden die Ressourcen des spezialisierten Ärzte- und Physiotherapeutenteams dazu genutzt, um die Heilung der Spieler möglichst zu beschleunigen – immer unter Beachtung des Mottos, dass die Gesundheit des Spielers vorgeht.“

Als Alex Ruoff während des Final-Turniers in München Rückenbeschwerden bekam, gab es eine enge Kommunikation von Hamann mit den Ärzten vor Ort im Hotel und mit dem mitgereisten Physiotherapeuten Uwe Klassen zur Absprache der Behandlungsstrategie. Grundsätzlich besteht ein Kommunikationsnetzwerk über den Verein der Deutschen Basketballärzte (BasketDocs), in dem Frosch, Dahm (wissenschaftlicher Beirat) und Hamann (Vorstand) seit Jahren aktive Mitglieder sind.

Unterdrückte Schmerzen vergrößern den Schaden

Karl-Heinz Siemerkus, seit Jahrzehnten bei den Handballern des TV Jahn Duderstadt als Mannschaftsarzt an der Seitenlinie, ist sich sicher, dass die von ihm betreuten Sportler „nicht einfach in die Apotheke gehen und sich eine Packung Schmerzmittel kaufen“, um eine Verletzung schneller auszukurieren oder einfach spielfähig ins nächste Match gehen zu können. Bei Verletzungen sei es unvermeidbar, auch Mittel gegen die Schmerzen zu verordnen. „Allerdings dosiert, kontrolliert und unter Beobachtung.“

Karl-Heinz Siemerkus begleitet seit Jahrzehnten die Handballer an der Seitenlinie
Karl-Heinz Siemerkus begleitet seit Jahrzehnten die Handballer an der Seitenlinie ©

Der Sportler müsse dann auch auf die Nebenwirkungen hingewiesen werden. „Beispielsweise können bei regelmäßiger Einnahme Nierenschäden entstehen“, sagt der Mingeröder. Er hat beobachtet, dass auch im Amateurbereich die Anforderungen an die Sportler immer mehr steigen – und damit auch das Verletzungsrisiko. „Handball wird immer schneller. Es gibt immer mehr Sprunggelenks- und Schulterverletzungen“, sagt Siemerkus. „Schmerzen in der Schulter können nicht permanent mit Schmerzmitteln unterdrückt werden. Dann spielt der Sportler weiter und der Schaden wird noch größer.“ Den Betroffenen müsse Zeit gelassen werden sich auszukurieren.

„Schmerzmittel gehören nicht in den Sport“

Der aktuelle Co-Trainer der A-Junioren des I. SC Göttingen, Jürgen Bock, ist selbstständiger Physiotherapeut und seit mehr als 30 Jahren im Amateurfußball zu Hause. Neben vielen Trainertätigkeiten fungierte Bock in den Vereinen oftmals in seiner Eigenschaft als Physio. Zum Thema Schmerzmittel im Sport hat der Settmarshäuser eine klare Meinung. „Ich würde einem Spieler niemals Schmerztabletten wie Ibuprofen oder Paracetamol geben. Natürlich weiß ich, dass auch einige Spieler im Amateurbereich regelmäßig diese Tabletten nehmen“, sagt Bock. Darauf habe man als Trainer wenig Einfluss. Vielmehr sollte man Spielern mit längerfristigen Problemen raten, einen Arzt aufzusuchen. Einen Vereinsarzt gebe es zumeist in den unteren Ligen nicht.

Jürgen Bock (r.)
Jürgen Bock (r.) © r

„Die permanente Einnahme von Schmerzmitteln könnte zu gesundheitlichen Problemen führen. Insbesondere was den Magen und die Nieren betrifft“, betont Bock, der berichtet, dass er auch häufiger schon gefragt worden sei, ob er Schmerzmittel dabei habe. „Von mir haben die Spieler nichts bekommen. Im Profibereich wird das sicherlich etwas anders sein. Die Tabletten unterdrücken oftmals nur den eigentlichen Schmerzen. Viele Spieler versuchen dadurch die Zeit nach einer Verletzung zu verkürzen. Sie haben somit keine Pause“, so der Physiotherapeut. Nach seiner Ansicht gehören Schmerzmittel nicht in den Sport. „Ich weiß aber, dass viele Spieler sogar jahrelang damit gespielt haben. Sicherlich ist das auch nicht leistungshemmend, aber alles andere als gesund“, ergänzt er.

Von Kathrin Lienig und Jan-Philipp Brömsen