07. Juni 2021 / 20:27 Uhr

Der schnellste Deutsche kommt aus Leipzig: Marvin Schulte auf der Suche nach dem Adrenalinkick

Der schnellste Deutsche kommt aus Leipzig: Marvin Schulte auf der Suche nach dem Adrenalinkick

Tilman Kortenhaus und Frank Schober
Leipziger Volkszeitung
Marvin Schulte feiert seine deutsche Meisterschaft über 100 m.
Marvin Schulte feiert seine deutsche Meisterschaft über 100 m. © Michael Kappeler/dpa
Anzeige

Wie tickt der neue Deutsche Meister über 100 Meter? Marvin Schulte spricht mit dem SPORTBUZZER über die Geheimnisse des Sprintens, die Legende Usain Bolt und Misserfolge, die aus dem Kopf müssen.

Anzeige

Leipzig. Erstmals seit der Wiedervereinigung trägt der schnellste Deutsche das Leipziger Trikot. Marvin Schulte (22) vom SC DHfK rannte bei den Leichtathletik-Meisterschaften in Braunschweig in 10,19 Sekunden auf den 100-Meter-Thron, nachdem 2020 sein Leipziger Trainingskamerad Deniz Almas für den VfL Wolfsburg triumphiert hatte.

Anzeige

Herr Schulte, wie wichtig ist es, dass der Titel in der Trainingsgruppe geblieben ist?

Uns ist das sehr wichtig, auch unsere Trainer Alex John und Ronald Stein freuen sich extrem. Letztes Jahr stand Deniz im Scheinwerferlicht, jetzt hat er Probleme mit seinem großen Zeh, er hat mich aber sehr gut unterstützt und mir die Daumen gedrückt. Vor dem Rennen war er noch mit uns essen und hat uns alles Gute gewünscht.



DURCHKLICKEN: Die Fotos vom 100-Meter-Sprint bei den Deutschen Meisterschaften 2020

Der Leipziger Deniz Almas holt sich bei den Deutschen Meisterschaften in Braunschweig den Titel im Sprint über 100 Meter. Zur Galerie
Der Leipziger Deniz Almas holt sich bei den Deutschen Meisterschaften in Braunschweig den Titel im Sprint über 100 Meter. © dpa

Wer hat Ihnen eigentlich die Favoritenrolle zugeschoben? Und wie sind Sie damit umgegangen?

Das kam aus jeder Richtung: aus unserer Gruppe, anderen Vereinen, den Medien. Es ist erstaunlich, wie cool ich damit umgegangen bin. In der Jugend war ich immer extrem aufgeregt, jetzt mache mir nicht mehr Druck als nötig. Aufs Finale habe ich mich einfach gefreut, Adrenalin hat man ja automatisch. Du kannst nicht frei laufen, wenn du vorher Panik oder Angst hast. Ich habe einfach meine Abläufe umgesetzt und die Puzzlestücke zusammengelegt, obwohl ich nach dem Start etwas ins Straucheln gekommen bin. Dann bin ich einfach durchgeballert.

War die Siegerehrung der schönste Moment?

Die war nicht so dolle, weil sie auf dem Aufwärmplatz stattfinden sollte. Ich war aber schon zur Dopingkontrolle und habe meine Medaille später nur abgeholt. Der schönste Moment war der Zieleinlauf. Obwohl es nur eine Hundertstel Vorsprung war, wusste ich: Ich habe gewonnen.

Hat die neue Sprinter-Generation nun die Macht übernommen?

Ja, das ist ein sehr wichtiges Zeichen für Tokio und die kommenden Jahre. Bei der EM 2022 in München sind die Chancen für unsere Staffel sicher besonders groß. Auf den ersten vier Plätzen stand fast ein U23-Quartett. Wir hatten schon bei der Team-EM eine sehr junge Staffel am Start und gewonnen – auch durch den super Wechsel von Niels-Torben Giese auf mich. Die Staffelnominierung für Tokio entscheidet sich in zwei Wochen. Ich bin gespannt. Ich denke: Die Schnellsten sollten schon dabei sein.

Es hätten zwei DHfK-Sprinter mit einer 100-m-Medaille sein können. Doch ausgerechnet jetzt trägt Giese das Wolfsburger Trikot!

Niels wollte im Herbst früh wissen, wie es weitergeht, er ist nicht durch Bundeswehr oder Polizei abgesichert und hat finanziell zu kämpfen. Unser Verein hatte wegen Corona Probleme, Niels wurde in dem Moment woanders mehr wertgeschätzt, er geht seinen Weg. Ihn kenne ich seit der Grundschule, wir trainieren seit 2007 zusammen. Niels war immer der Schnellste und ein Vorbild für mich.

Weitere Meldungen zur Leichtathletik aus der Stadt

Wenn es um die Top-Vorbereitung geht, fällt oft der Name von Alex John. 2016 war er selbst noch bei Olympia. Wie wichtig ist er im Trainerteam?

Alex ist eine wichtige Stütze und Bezugsperson. Vor dem Finale hat er gesagt: Mach dein Ding, konzentriere dich auf kurze Kontaktzeiten mit dem Fuß, hinten kann dich keiner schlagen.

Was ist bei Top-Bedingungen drin?

Anzeige

Ich bin kein Freund von Spekulationen, ich will auch nicht an Zeiten und Platzierungen denken, die kommen automatisch, wenn du dein Bewegungsmuster triffst. Man verkrampft, wenn man sich zu viele Gedanken macht.

2019 waren Sie Siebter, 2020 flogen Sie im Vorlauf raus. Worin besteht heute der Unterschied?

2019 hatte ich eine extrem lange Saison von Mai bis Oktober mit Höhen und Tiefen. Vergangenes Jahr haben wir viele athletische Grundlagen gelegt, da fehlte mir die Frische. Ich habe inzwischen viel übers Sprinten gelernt. Mir gelingt es, den Top-Speed zwischen 60 und 100 Metern annähernd aufrecht zu erhalten. Ich denke oft an Usain Bolt. Er ist das beste Beispiel. Er war nach 30 Metern nie vorn, hat das Rennen immer bei 70 Metern geholt.

Marvin Schulte zählt zu den hoffnungsvollsten Talenten über 100 m.
Marvin Schulte zählt zu den hoffnungsvollsten Talenten über 100 m. © Archiv

Was fasziniert sie am Sprint?

Die 100 Meter machen am meisten Spaß, da ist der Adrenalinkick am größten. Unser Training ist sehr auf Athletik ausgerichtet, körperlich sind wir Vorzeigeathleten. Ich würde ungern nur pumpen im Fitnessstudio. Und 20 Kilometer durch den Wald laufen könnte ich auch nicht. Spaß macht auch unsere Staffel und Trainingslager. Trotzdem haben wir viel Freizeit, in der Wettkampfphase auch mal zwei Tage frei. Die nutze ich für viel Regeneration, Dehnung. Ich habe gelernt, wie wichtig acht, neun Stunden Schlaf und die richtige Ernährung sind. Ich gehe selten nach 22 Uhr ins Bett.

Was ändert sich für Sie als Deutscher Meister in der Königsdisziplin?

Nicht viel, außer dass mich ein paar Leute mehr kennen. Ich gehe meinen Weg, der Sieg ist Bestätigung, dass es sich lohnt dranzubleiben. 2020 fühlte es sich nicht gut an hinterherzurennen, das nagt am Ego. Misserfolge müssen raus aus dem Kopf, sonst gehst du unter.