04. Juli 2021 / 18:37 Uhr

"Schockiert": Geher Hagen Pohle kritisiert Verband nach Olympia-Ausbootung 

"Schockiert": Geher Hagen Pohle kritisiert Verband nach Olympia-Ausbootung 

Tobias Gutsche
Märkische Allgemeine Zeitung
Hagen Pohle glaubte fest an seine Nominierung, nun soll ihm bloß die Ersatzrolle bleiben.
Hagen Pohle glaubte fest an seine Nominierung, nun soll ihm bloß die Ersatzrolle bleiben. © imago images/Jan Huebner
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Der Potsdamer ist nur Reservist und ärgert sich über den Nominierungsprozess. Speerwerfer Bernhard Seifert ist hingegen überraschend "super happy". Und grundsätzlich ist Brandenburgs Bilanz gut.

Die Überraschung war groß. Im positiven wie auch negativen Sinne. Bei der letzten Nominierungsrunde des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) am Samstag erhielt Speerwerfer Bernhard Seifert sein Olympia-Ticket, obwohl er kaum damit gerechnet hatte, während sein Vereinskollege vom SC Potsdam, Hagen Pohle, zu seiner Verwunderung nur als Ersatz statt vollwertiger Starter im Gehen ernannt wurde. „Ich bin natürlich super happy“, sagte Seifert. „Ich bin sprachlos, fassungslos, schockiert“, meinte hingegen Pohle.

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Ranglistenplatz oder Jahresbestzeit?

Vor allem sein Fall wirft Fragen auf. Die Potsdamer Christopher Linke und Nils Brembach hatten die geforderte Olympianorm über 20 Kilometer (1:21:00 Stunde) erfüllt und waren somit sicher im Team. Ohne Normerfüllung war es noch möglich, sich über die Weltrangliste zu qualifizieren. Pohle ist darin gut platziert, erhielt vom Weltverband WA als drittbester Deutscher auch eine entsprechende Einladung zu den Spielen. Der Deutsche Leichtathletikverband (DLV) reichte diese Startmöglichkeit jedoch an Leo Köpp aus Berlin weiter.

Diese Brandenburger holten Gold bei Olympia und Paralympics

Krönung im Kajak-Vierer: Das deutsche Quartett mit Max Rendschmidt, Ronald Rauhe, Tom Liebscher und Max Lemke (v.l.) fuhr zum Olympiasieg.  Zur Galerie
Krönung im Kajak-Vierer: Das deutsche Quartett mit Max Rendschmidt, Ronald Rauhe, Tom Liebscher und Max Lemke (v.l.) fuhr zum Olympiasieg.  ©

Beide Athleten seien wegen der Ranglisten-Platzierung meldefähig gewesen, teilte der DLV auf SPORTBUZZER-Anfrage mit. „Die Nominierung erfolgte aufgrund ihrer jeweiligen Leistungen im Jahr 2021 und entsprechend der Nominierungsrichtlinien“, hieß es weiter. Köpp bekommt den Vorzug, weil er dieses Jahr dreimal schneller gegangen sei als er, berichtete Pohle von der Begründung des Verbands. „Aber es steht nirgends, dass in dieser Konstellation die Jahresleistungen entscheiden. In den Kriterien steht die Weltrangliste als Maßstab – und da bin ich vorn.“ Der DLV verweist darauf, dass laut Richtlinien seit September 2020 erbrachte Normerfüllungen Vorrang gegenüber Leistungen von 2019 bis April 2020 hatten, selbst wenn die Leistungen schlechter waren. Eine ähnliche Formulierung fehlt jedoch für die Situation, dass es mehrere Anwärter über die Rangliste gibt.

Nach der Kaderbekanntgabe reiste Pohle am Samstag unverzüglich aus dem Trainingslager in Italien ab. Er wolle prüfen, ob rechtliche Schritte realisierbar seien, nur sei die Zeit kurz. Bereits an diesem Montag ist Meldeschluss beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC). Grundsätzlich stellt der 29-Jährige auch seine Karrierefortsetzung in Frage. „Wie soll man sich motivieren, wenn man sich nicht auf die festgeschriebenen Richtlinien verlassen kann? Wenn sich jetzt nicht daran gehalten wird, ist das doch immer wieder möglich – und diese Unfairness raubt Energie.“

Fünf bis sieben Medaillen als Ziel

Einen Energieschub verspürt derweil Seifert. Er hatte im ersten Qualifikationszeitraum 2019 die Speerwurfnorm (85,00 Meter) um mehr als vier Meter überboten, musste dieses Jahr aber laut Regularien noch einen „adäquaten Leistungsnachweis“ bringen. 83,50 Meter wären das gewesen. Seifert blieb trotz vieler Versuche über zwei Meter dahinter. „Daher dachte ich, dass es nichts mit Tokio wird“, sagte der 28-Jährige. Doch weil hinter dem deutschen Rekordhalter und Goldfavoriten Johannes Vetter (Offenburg) sowie Seiferts Potsdamer Trainingskollegen Julian Weber (USC Mainz) noch ein deutscher Startplatz möglich war, bekam der Jahresdrittbeste diesen auf Vorschlag des DLV. Die 2019 erfüllte Norm und „ein Spitzenplatz“ im Weltranking seien gemäß Richtlinien Argumente für Seifert gewesen, so der Verband. „Ich nehme das als große Motivation für die nächsten Wochen“, sagte der Mann vom Bundesstützpunkt Potsdam.

Die Leistung war nicht optimal, dennoch darf Bernhard Seifert in Tokio den Speer werfen.
Die Leistung war nicht optimal, dennoch darf Bernhard Seifert in Tokio den Speer werfen. © imago images/Beautiful Sports

Das Leichtathletik-Zentrum am Luftschiffhafen hat eine herausragend gute Nominierungsbilanz. Neben Seifert und Weber erhielten auch die Diskus-Asse Kristin Pudenz und Clemens Prüfer, 400-Meter-Staffelläufer Jean Paul Bredau sowie die Geher Linke, Brembach und Saskia Feige ihr olympisches Ticket. Hinzu kommt Pohles unliebsame Ersatzrolle. Nur bei einem Ausfall eines deutschen Kollegen dürfte er doch zu den Spielen.


Insgesamt haben 27 Aktive aus Brandenburger Vereinen oder Stützpunkten Nominierungen erhalten, drei davon als Ersatz. Für Rio 2016 waren es – bei ebenfalls einem Reservisten-Trio – drei mehr. Damals war die Mark in zwölf Sportarten vertreten, nunmehr sind es bloß acht. „Das ist schade“, sagt Andreas Gerlach. Der Hauptgeschäftsführer des Landessportbundes Brandenburg betont aber: „Die Anzahl der Teilnehmenden ist gut – und vor allem die Qualität ist sehr schön. Wir hatten viele starke Qualifikationsleistungen, die Hoffnung machen.“ Fünf bis sieben Medaillen nennt er als Ziel. In Rio holten Brandenburger Aktive viermal Gold, zweimal Silber und einmal Bronze.