11. Juni 2020 / 17:46 Uhr

Christopher Schorch im Interview: "Köln war meine Liebe, Cottbus meine Affäre"

Christopher Schorch im Interview: "Köln war meine Liebe, Cottbus meine Affäre"

Marius Böttcher
Märkische Allgemeine Zeitung
Christopher Schorch (l.) im Duell mit Leverkusens Lucas Alario.
Christopher Schorch (l.) im Duell mit Leverkusens Lucas Alario. © Andreas Schlichter/imago
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Ex-Energie- und -Hertha-Spieler Christopher Schorch (1. FC Saarbrücken) spricht im Interview über das Pokal-Aus gegen Leverkusen, seine Zeit bei Real Madrid und seine Heimat Halle.

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Bei Real Madrid wurde er als Nachfolger von Weltfußballer Fabio Cannavaro in der Innenverteidigung gehandelt. Christopher Schorch war gerade erst 18 Jahre alt – und floh zwei Jahre später auch schon wieder zurück nach Deutschland. Heute spielt der in Halle (Saale) geborene Schorch beim 1. FC Saarbrücken, mit dem er sich am Dienstag als erster Viertligist überhaupt im Halbfinale des DFB-Pokals Bayer 04 Leverkusen mit 0:3 geschlagen geben musste. Im Interview spricht der 31-Jährige über seine spannende Vita, ein Angebot des FC Chelsea, Gratulationen von Bastian Schweinsteiger und warum er den FC Energie Cottbus als Affäre bezeichnet.

Nach 94 Tagen ohne Pflichtspiel waren Sie mit ihrem Team am Dienstagabend gegen Champions-League-Teilnehmer Bayer 04 Leverkusen gefordert. War der Muskelkater am nächsten Tag deutlich spürbar?

Christopher Schorch: Wir haben uns ja darauf eingestellt, dass es anstrengend wird und wir nicht den gewohnten Ballbesitz, wie wir ihn aus der Regionalliga kannten, haben werden. Ohne Spielpraxis und ohne Zuschauer – für uns waren die Voraussetzungen natürlich nicht ideal, wobei wir dennoch dankbar waren, dass wir als Viertligist dieses Halbfinale überhaupt spielen durften. Zudem hat Leverkusen ein brutal gutes Spiel abgeliefert, das kann man auch mal anerkennen.

Ist es trotzdem doppelt bitter, ausgerechnet gegen Leverkusen verloren zu haben?

(lacht) Als ehemaliger Kölner hat man halt seine Vorgeschichte. Sagen wir mal so, Bayer Leverkusen ist nicht mein Lieblingsverein.

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Wie sehr haben Sie sich persönlich nach dem Finale im Berliner Olympiastadion gesehnt?

Jeder Sportler träumt von so einem Endspiel. Für mich wäre es etwas ganz Besonderes gewesen, da ich bei Hertha BSC meine ersten Bundesliga-Spiele gemacht habe. Aber auch das Erreichen des Halbfinals war schon einzigartig, ich bin unglaublich stolz darauf, was wir in diesem Jahr erreicht haben. Letztlich muss man die Kirche im Dorf lassen.

In der Heimat erlernten Sie beim Nietlebener SV und dem Halleschen FC das Fußball-Abc, ehe Hertha BSC anklopfte. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?

In der Jugend war alles sehr eng getaktet. Die Schule ging um 7 Uhr los, dann hatte man drei Stunden Training, wieder ein bisschen Schule und anschließend noch eine Einheit beim HFC. Gegen 21 Uhr war man dann werktags zuhause. Mit 15 Jahren kam ich nach Berlin, spätestens da bestimmte der Fußball das Leben.

Sie sind drittjüngster Spieler in der Bundesliga-Geschichte des Vereins. Macht Sie das stolz?

Absolut. Das war eine unfassbar geile Zeit, die schon mit dem Meistertitel bei den B-Junioren begann. Falko Götz hat mich dann in den Kader der ersten Mannschaft hochgezogen. Das war für mich als junger Spieler ein Riesengefühl. Mit der Hertha verbinde ich überwiegend schöne Zeiten.

In Bildern: 64 ehemalige Spieler der Hertha BSC-Akademie – und was aus ihnen wurde.

Jerome Boateng (v.l.), Alexander Madlung und Sejad Salihovic sind nur drei prominente Beispiele für ehemalige Akademie-Spieler von Hertha BSC. Klickt euch durch unsere Galerie und erfahrt, welche Spieler den Sprung von den Hertha-Bubis in den Profifußball geschafft haben! Zur Galerie
Jerome Boateng (v.l.), Alexander Madlung und Sejad Salihovic sind nur drei prominente Beispiele für ehemalige Akademie-Spieler von Hertha BSC. Klickt euch durch unsere Galerie und erfahrt, welche Spieler den Sprung von den Hertha-Bubis in den Profifußball geschafft haben! ©

2007 folgte der wohl prägendste Schritt in ihrer Karriere. Sie schlossen sich als gerade 18-Jähriger dem Star-Ensemble Real Madrids an.

Madrid ist ein Kapitel in meinem Leben, auf das ich unglaublich stolz und dafür auch dankbar bin. Ich bin damals den Schritt gegangen, weil ich mit den besten Spielern der Welt trainieren wollte. Jedes Training bei Real Madrid bringt dich weiter. Diese Zeit bestimmt noch immer mein Leben, da viele Leute davon erfahren wollen und interessiert sind. Und ich spreche gerne über den größten Verein auf der Welt.

Sie spielten nur für die zweite Mannschaft, damals unter dem heutigen Sevilla-Trainer Julen Lopetegui. Trainiert haben Sie auch bei der ersten Mannschaft. Wer hatte da in der Kabine den Hut auf?

Raúl ist da hervorzuheben, eine absolute Identifikationsfigur, die mich an die Hand genommen und mir immer wieder Tipps gegeben hat. Dass er mich Jahre später zu seinem Abschiedsspiel auf Schalke eingeladen hat, was nicht selbstverständlich war, zeigt, was für ein überragender Mensch das ist. Ansonsten trainierte ich unter anderem mit Sergio Ramos, Robinho und drei Monate sogar noch mit Cristiano Ronaldo zusammen – alles Spieler, die von einem anderen Stern sind.

Sie wurden bei ihrer Ankunft als Nachfolger von Fabio Cannavoro betitelt. War der Druck zu groß?

Vor allem Bernd Schuster (damaliger Real-Trainer, Anm. d. Red.) und Predrag Mijatovic (damaliger Real-Sportdirektor, Anm. d. Red.) hatten sich ja für den Transfer eingesetzt und waren meine Förderer. Als Bernd Schuster Ende 2008 entlassen wurde, habe ich bei mir selbst einen Bruch erlebt. Auch danach versicherte mir der Verein, dass ich die Chance erhalten werde. Darauf wartete ich aber vergeblich, weshalb ich zurück in die Bundesliga wollte.

Was würden Sie einem jungen Fußballer heute empfehlen, wenn ein großer Verein seine Fühler ausstreckt?

Da kann ich keine Tipps geben und will auch niemandem reinreden. Das muss jeder mit sich selbst ausmachen. Mit 16 Jahren habe ich ein Angebot des FC Chelsea abgelehnt, weil ich damals noch nicht so weit war. Bei Real, was ja nur kurz danach war, hatte ich ein besseres Gefühl. Anfangs war es auch nicht leicht, die Sprachbarriere macht einiges schwieriger, wenn du in der Kabine die einfachsten Witze nicht verstehst. Nach sechs Monate intensivem Spanisch-Unterricht konnte ich die Sprache aber fließend, was vieles einfacher gemacht hat.

Nach zwei Jahren verließen Sie die spanische Hauptstadt Richtung 1. FC Köln. Neben wiederkehrenden Verletzungssorgen wechselten Sie mehrfach den Verein.

Bei einem U20-Länderspiel gegen die Schweiz zog ich mir einen Kreuzbandriss zu, das war im Stadion an der Alten Försterei. Das war ein total ungünstiger Zeitpunkt, weil ich damals auf einem tollen Weg war. Ich kam auch relativ schnell zurück, stand bereits nach viereinhalb Monaten wieder auf dem Platz, was rückblickend vielleicht sogar ein Fehler war. Man muss sich die nötige Zeit nehmen, der Körper brauch diese Regeneration. In meiner weiteren Laufbahn habe ich immer wieder mit muskulären Problemen zu kämpfen.

2011 schon auf Leihbasis, zog es Sie nach einer kurzen Vereinslosigkeit 2015 zum FC Energie Cottbus.

Ich sage immer: Köln war meine Liebe, Cottbus meine Affäre. Ich wurde in der Lausitz super aufgenommen, habe mich unter Trainer Vasile Miriuta und im gesamten Umfeld sehr wohlgefühlt und fand es immer geil, vor der Nordwand aufzulaufen. Der Abstieg 2016 bleibt einer der schmerzhaftesten Momente in meinem Leben. Wir hätten es am letzten Spieltag aus eigener Kraft schaffen können, hatten die Partie sogar gedreht, um in den letzten Minuten alles zu verspielen. Ich musste von der Tribüne aus zuschauen und konnte nicht eingreifen.

In Bildern: 50 ehemalige Spieler von Energie Cottbus – und was aus ihnen wurde.

Klickt Euch durch die Galerie der 50 ehemaligen Spieler von Energie Cottbus. Zur Galerie
Klickt Euch durch die Galerie der 50 ehemaligen Spieler von Energie Cottbus. ©

Vor anderthalb Jahren hätte der Erstliga-Traum in Amerika nochmal in Erfüllung gehen können. Drei Spiele absolvierten Sie im Trainingslager mit Chicago Fire an der Seite von Bastian Schweinsteiger. Was hinderte Sie an diesem Schritt?

Im Januar 2019 wurde mein Vertrag in Uerdingen aufgehoben. Ich war in Madrid, als sich mein Berater meldete und mir von dieser Möglichkeit berichtete. Plötzlich stand ich mit Schweini auf dem Platz, konnte in einem Testspiel sogar ein Tor erzielen und hatte gute Chancen, dort zu bleiben. Aber dieses Abenteuer Amerika musst du selbst zu 100 Prozent wollen, weshalb ich mich dagegen entschied. Zu diesem Zeitpunkt war ich schon mit Saarbrücken im Kontakt und bei einem Traditionsverein etwas mit aufzubauen, das hat mich gereizt.

Die Nummer des Weltmeisters Schweinsteiger haben Sie aber trotzdem im Handy eingespeichert.

Ja, er war nach den erfolgreichen Spielen im DFB-Pokal immer einer der ersten Gratulanten. Eine Woche vor dem Spiel gegen Leverkusen waren wir als Mannschaft im Quarantäne-Hotel, da habe ich mir den neuen Film über sein Leben angeschaut.

Mit dem 1. FC Saarbrücken spielen Sie nächste Saison in der 3. Liga. Was ist dort möglich und wie groß ist die Hoffnung, dort auf den Halleschen FC zu treffen?

Wenn der Kader zusammenbleibt und an einigen Stellschrauben gedreht wird, traue ich uns zu, im oberen Drittel mitzuspielen. In Halle wurde jahrelang ruhig und vorbildlich gearbeitet, in den letzten Monaten passten die Ergebnisse aber einfach nicht. Ich hoffe, dass der Verein mit dem erneuten Trainerwechsel die Kehrtwende eingeleitet hat und der Stadt sowie der Region die Drittklassigkeit erhalten bleibt. Ich drücke ganz fest die Daumen, vor allem meinem Kumpel Toni Lindenhahn.

Ihre Vita liest sich jetzt schon spannend. Wie viele Jahre wollen Sie noch professionell Fußballspielen?

Die Zeit, die ich durch Verletzungen verloren hab, würde ich gerne noch dranhängen. Ich bin aktuell in einer körperlich guten Verfassung, fühle mich in Saarbrücken gut aufgehoben und kann mir durchaus vorstellen, hier meine Karriere zu beenden.

Trotz des Pokal-Aus: Wie schön war es, wieder auf dem Platz zu stehen?

Wir Fußballer müssen bei diesem Thema demütig sein, dürfen es nicht als normal ansehen, dass wir unser Hobby, welches wir zum Beruf gemacht haben, in der aktuellen Zeit ausüben dürfen. Ich habe mich gefreut, als klar war, dass die Bundesliga weitergeht und es sieht so aus, dass das Konzept aufgeht. Auch unser Halbfinale werde ich nicht vergessen und bin dankbar, dass wir dieses Spiel austragen durften.

Die generellen Einschränkungen – auch außerhalb des Fußballplatzes – können Sie aber nachvollziehen? 2009 haben Sie sich als erster Bundesliga-Profi mit dem H1N1-Virus (Schweinegrippe) infiziert.

Wir wurden informiert und ich hatte vor, mich dagegen impfen zu lassen. Da war es aber schon zu spät, drei Tage verließ ich nicht das Bett, danach war wieder alles gut. Es ist für mich in diesen Tagen aber selbstverständlich, rücksichtsvoll zu sein, vor allem der älteren Generation gegenüber. Wir alle haben einen großen Einschnitt in unser aller Leben erfahren, können aber froh sein, in Deutschland zu leben, wenn man die Zahlen aus den anderen Ländern sieht.