22. Juni 2021 / 18:06 Uhr

"Schock für die Nation": Warum der Ausfall von Billy Gilmour für Schottland ein Stimmungskiller ist

"Schock für die Nation": Warum der Ausfall von Billy Gilmour für Schottland ein Stimmungskiller ist

Hendrik Buchheister
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Der Corona-bedingte Ausfall von Billy Gilmour (l.) trifft die schottische Mannschaft schwer.
Der Corona-bedingte Ausfall von Billy Gilmour (l.) trifft die schottische Mannschaft schwer. © IMAGO/Shutterstock/PRiME Media Images/Montage
Anzeige

Gerade, als Schottland Hoffnung schöpfte, sein traditionelles Pech bei der Europameisterschaft abzustreifen, haut die positive Corona-Diagnose bei Hoffnungsträger Billy Gilmour den "Bravehearts" vor dem letzten Gruppenspieltag gegen Kroatien die Beine weg.

Anzeige

Die Schotten waren überall. Es sah aus, als hätten sie die Engländer vertrieben. Nach Abpfiff der EM-Partie zwischen den alten Rivalen am Freitag, das mit einem für Schottland triumphalen 0:0 geendet war, erfüllten die Fans des kleinen Landes das imposante Wembley-Stadion mit ihren Gesängen, während das englische Publikum die Spielstätte schon verlassen hatte. Die Tube zurück ins Zentrum Londons war später voller Schotten. Sie hüpften und sangen und versuchten, die wenigen Einheimischen, die noch unterwegs waren, an ihrer Freude teilhaben zu lassen. Am Vormittag danach bot sich in den Kneipen um die Londoner Bahnhöfe das gleiche Bild – überall Kilts, traditionelle schottische Hüte mit langer Feder und Nationalflaggen mit dem St. Andrew’s Cross.

Anzeige

Neben dem Punkt gegen England feierten die Schotten das Gefühl, dass sich das Schicksal so langsam zum Guten wendet. Über Jahrzehnte mussten sie ja damit leben, dass schief geht was schief gehen kann. Bei der EM 1996 zum Beispiel traf die Mannschaft in der Vorrunde ebenfalls auf England, ebenfalls in Wembley. Schottland verlor auch deshalb, weil Kapitän Gary McAllister einen Elfmeter verschoss. Der Ball hatte sich kurz vor seinem Schuss um wenige Zentimeter bewegt. Der Illusionist Uri Geller behauptete später, das Spielgerät mit seinen Gedanken ins Rollen gebracht zu haben. Am Ende fehlte Schottland nur ein Tor zum Weiterkommen.

Ausgerechnet Gilmour ist Corona-positiv

Aktuell haben die Schotten die Hoffnung, ihr Pech endlich überwunden zu haben. Die Mannschaft ist zum ersten Mal seit 23 Jahren wieder bei einem Turnier dabei und hat sich mit dem 0:0 in Wembley ein Finale um den Achtelfinal-Einzug gegen Kroatien an diesem Dienstag erarbeitet, im Hampden-Park in Glasgow. Zur größten Partie der jüngeren schottischen Länderspiel-Geschichte allerdings schlägt das Schicksal zurück. Mittelfeldspieler Billy Gilmour wurde positiv auf das Coronavirus getestet und fällt mindestens zehn Tage aus. Das Wort “ausgerechnet” ist abgegriffen, aber hier passt es: ausgerechnet Gilmour!

Das Talent, 20 Jahre jung, war gegen England der überragende Spieler. Bei seinem ersten Startelf-Einsatz für Schottland dominierte Gilmour das Mittelfeld mit seiner Ballsicherheit, seiner Übersicht und seinem Fleiß. Fachleute verglichen ihn mit Andrés Iniesta, Xavi oder N’Golo Kanté, seinem Kollegen beim FC Chelsea. Mit der Auszeichung zum “Mann des Spiels” setzte Gilmour eine erstaunliche Serie fort. Schon bei seinen Startelf-Premieren für Chelsea in der Premier League, im FA Cup und in der Champions League wurde er jeweils zum besten Spieler gewählt. Kein Wunder, dass Chelsea-Trainer Thomas Tuchel zu seinen Fans gehört: “Ich bin super happy, ihn zu haben”, sagte er im März, obwohl er Gilmour nur selten einsetzt. In der angelaufenen Saison kam dieser auf nur elf Einsätze in allen Wettbewerben. Gilmour ist bei Chelsea ein Mann für die Zukunft.

Gilmour-Ersatz: Trainer Clarke hat einige Optionen

In der Nationalmannschaft sollte ihm eigentlich die Gegenwart gehören. Sein Ausfall ist ein “Schock für die Nation”, wie die Boulevardzeitung Daily Record schrieb. Ein Leser formulierte in einer Mail, was viele Landsleute fühlen: “Kurz vor einem entscheidenden Spiel von einem Desaster erschüttert – das kann nur Schottland passieren.” Trainer Steve Clarke muss für die Partie gegen Kroatien Ersatz finden und hat viele Optionen für die drei zentralen Positionen in seinem Fünfer-Mittelfeld. Callum McGregor von Celtic und John McGinn von Aston Villa dürften gesetzt sein. Den freien Platz könnten Scott McTominay von Manchester United (zuletzt Innenverteidiger) oder Stuart Armstrong vom FC Southampton übernehmen. Wichtig ist, dass das Mittelfeld mehr Initiative zeigt als beim trüben EM-Start gegen Tschechien (0:2). Dann könnte die ungewöhnlich optimistische Prognose eines anderen Lesers des Daily Record eintreffen – trotz Gilmours Ausfall. Der Leser schrieb: “We’ll be fine.”