27. April 2020 / 12:11 Uhr

Der Schuss, der die VfL-Frauen zu Europas Königinnen macht

Der Schuss, der die VfL-Frauen zu Europas Königinnen macht

Andreas Pahlmann
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Martina Müller trifft für den VfL mit diesem Elfmeter gegen Lyon.
Martina Müller trifft für den VfL mit diesem Elfmeter gegen Lyon.
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75 Jahre wird der VfL Wolfsburg alt: Grund genug, um an besondere Fußball-Momente zu erinnern – und an wichtige, kuriose und spezielle Tore. In unserer Serie "Jeden Tag ein Tor" stellen wir jeweils einen dieser Treffer vor und erzählen die Geschichte dahinter. Heute geht's um das wichtigste Tor der erfolgreichsten Wolfsburger Fußballerin aller Zeiten.

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Halbhoch und ein wenig links von der Mitte sauste der Ball ins Netz, und natürlich war es ein wichtiges Tor, ein riesiger Triumph. Dennoch beschleicht Martina Müller bis heute ab und an ein mulmiges Gefühl, wenn sie an diesen Mai-Abend 2013 im Stadion an der Stamford Bridge denkt. „So wuchtig, wie ich den Elfmeter geschossen habe, hätte er auch irgendwo in der Londoner City runterkommen können“, sagt sie, „und noch immer denke ich manchmal: Was wäre, wenn ich nicht getroffen hätte?“

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Dann hätte es ihn womöglich nicht gegeben, diesen bis dahin größten Erfolg der Wolfsburger Fußball-Geschichte. Als krasser Außenseiter waren die VfL-Frauen zum Champions-League-Finale nach London geflogen, Gegner Olympique Lyon hatte zuvor 95 (!) Pflichtspiele in Folge nicht verloren und war quasi die französische Nationalmannschaft, erweitert um internationale Top-Stars wie Megan Rapinoe (USA), Lara Dickenmann (Schweiz) und Lotta Schelin (Schweden). „Sie kamen im Privatjet und trugen alle weiße Anzüge“, erinnert sich Müller. „Und wir bekamen schon große Augen, als wir im Craven Cottage, dem Stadion von Fulham, trainieren durften...“

Zehn Jahre zuvor waren aus den Fußballerinnen des WSV Wendschott die VfL-Frauen geworden, um Nationalspielerin Martina Müller wurde nach und nach ein Team gebaut, das um Titel mitspielen sollte. Als es 2013 so weit war, DFB-Pokal und Meisterschaft erstmals nach Wolfsburg gingen, waren professionelle Strukturen erst ansatzweise vorhanden. „Wir haben alle nebenbei gearbeitet“, erinnert sich Müller. Und dann machte dieses Team, aus dem Zsanett Jakabfi, Anna Blässe, Lena Goeßling und Alexandra Popp bis heute für den VfL spielen, auch international von sich reden, warf bei der ersten Teilnahme an der Champions League Unia Racibórz (Polen), Røa IL Oslo (Norwegen), FK Rossijanka (Russland) und schließlich auch den FC Arsenal aus dem Rennen.



Jeden Tag ein Tor: Hier gibt es alle Teile der Serie!

Die Geschichte des Elfmeters, der das Finale entscheiden sollte, begann dann schon ein paar Minuten vor dem Spiel in der Kabine. Nadine Keßler, Kapitänin und überragende Mittelfeldspielerin des VfL, kam auf Müller zu: „Mettie, wenn wir einen Elfmeter kriegen, schießt du!“ Eigentlich war Keßler, heute UEFA-Beauftragte für Frauenfußball, die etatmäßige Strafstoß-Schützin des VfL, hatte aber mit Fußproblemen zu kämpfen. „Als sie mir das sagte“, so Müller, „habe ich genickt und mir gedacht: Dazu wird es eh nicht kommen...“

12 Meilensteine aus 75 Jahren VfL Wolfsburg

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Zum Durchklicken: 12 Meilensteine aus 75 Jahren VfL Wolfsburg ©

Von wegen. Der VfL hatte vor der Pause mehr als gut mitgehalten, geriet nach dem Seitenwechsel aber nach und nach unter Druck – und dann kam die 74. Minute. Eine Flanke von Luisa Wensing war der Französin Laura Georges an die Hand gesprungen, es gab Elfmeter. „Ab da war ich wie im Tunnel“, erzählt Müller. Auch als die rumänische Schiedsrichterin Teodora Albon die Position des Balles auf dem Punkt noch einmal korrigierte, blieb sie ruhig – und dann wirkten Anlauf, Schuss und der auf den Knien endende Jubellauf wie eine einzige fließende Bewegung, die enormes Selbstbewusstsein ausstrahlt. „Ich war mir einfach sicher, dass ich den irgendwie reinschießen werde“, sagt sie. „Normalerweise schieße ich Elfmeter nicht so in die Mitte. Und würde ich das heute in der Landesliga so machen, würde der Ball wohl an den Brust der Torfrau landen – denn da bleiben die meisten einfach stehen.“ Heute in der Landesliga, das ist für Müller, die in Ochsendorf wohnt, das Team von STV Holzland.

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Dort lässt sie ihre Karriere ausklingen. Eine Karriere, die in Kaufungen bei Kassel begann, wo sie als Mädchen vorm Telefon hockte und hoffte, dass die örtliche F-Jugend nicht genug Jungs zusammenbekam. Von da ging‘s rasant nach oben: 2. Liga, Bundesliga, Nationalmannschaft. Müller spielte für den FSV Frankfurt, für Bad Neuenahr und schließlich für Wolfsburg, ehe sie sich 2015 vom Leistungssport verabschiedete. Sie war Weltmeisterin, Europameisterin und gewann mit der VfL-Mannschaft alles, was man gewinnen kann – die Champions League ein Jahr nach dem Elfmeter von London noch einmal, im Finale gegen Tyresö FF traf sie beim 4:3 doppelt.

40 wurde sie vor ein paar Tagen, ans Aufhören denkt die erfolgreichste Wolfsburger Fußballerin noch nicht. Eine Knie-OP in dieser Saison zwang sie in eine Reha. „Dadurch“, so sagt sie lachend, „bin ich jetzt fast fitter als früher.“ Aus der Halbtagsstelle bei VW wurde 2015 eine Vollzeitstelle, sie arbeitet im internen Mobilitätsmanagement, kümmert sie unter anderem um E-Autos für Dienstreisen. Den VfL, der seit dem Drei-Titel-Jahr 2013 in jedem Jahr mindestens einen weiteren Titel gewann, beobachtet sie natürlich immer noch. „Mittlerweile herrscht da ein ganz anderer Druck. Ich bin dankbar, dass ich die Entwicklung hin zum Profisport miterleben durfte – aber tauschen möchte ich mit den Mädels heute nicht.“

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