17. Mai 2021 / 18:10 Uhr

Schwächephase im deutschen Rudersport: Mit halber Flotte nach Tokio

Schwächephase im deutschen Rudersport: Mit halber Flotte nach Tokio

Tobias Gutsche
Märkische Allgemeine Zeitung
Lediglich Leonie Menzel (v.) und Annekatrin Thiele haben im Doppelzweier noch die Olympia-Nachqualifikation geschafft.  
Lediglich Leonie Menzel (v.) und Annekatrin Thiele haben im Doppelzweier noch die Olympia-Nachqualifikation geschafft.   © imago images/Laci Perenyi
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Bei der Olympia-Nachqualifikation hat die mit Abstand erfolgreichste Rudernation nur einen weiteren Startplatz geholt. Damit sind historisch wenig Boote bei den Spielen vertreten. Die Verantwortlichen zeigen sich selbstkritisch, aber auch optimistisch.

Die Erwartungen waren schon gedämpft – und trotzdem blieb der Deutsche Ruderverband (DRV) sogar noch darunter. Bei der Olympia-Nachqualifikation in den vergangenen Tagen auf dem Luzerner Rotsee holte bloß eines der acht gestarteten deutschen Boote einen weiteren Startplatz für die diesjährigen Sommerspiele. In Addition mit den Plätzen, die bei den Weltmeisterschaften 2019 gesichert worden waren, wird der DRV somit lediglich in sieben von 14 Wettbewerben dabei sein. Mit halber Flotte nach Tokio.

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"In defensive Mentalität reingerutscht"

Damit setzt sich in der Breite eine Schwächephase fort, der Mangel an nachkommenden Athleten wird deutlich. Bei Rio 2016 waren schon nur zehn Boote für Deutschland, die mit Abstand erfolgreichste Olympia-Rudernation, am Start. Vier Jahre zuvor in London wurde noch die Maximalzahl von 14 erreicht, 2008 in Peking immerhin 13. Dieses Mal hatte der DRV die Besetzung von neun Bootsklassen als Ziel gesetzt, muss sich aber eingestehen: „Aktuell verfügen wir auch nicht über die Tiefe.“ Das sagt Sportdirektor Mario Woldt. „Im mittleren Jahrgang haben wir einfach ein Loch“, fügt der leitende Bundestrainer Ralf Holtmeyer hinzu, der Selbstkritik übt. Es sei „ein Fehler“ gewesen, nach Beginn der Corona-Pandemie die damals feststehenden Bootsbesatzungen zumeist beizubehalten, ohne harte individuelle Überprüfungen oder Regatten durchzuführen. Dadurch sei man „in eine defensive Mentalität reingerutscht“.

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Lediglich der Frauen-Doppelzweier ging in Luzern als Finalzweiter noch an Bord Richtung Tokio. Im Ziel auf Rang drei liegend war auch der weibliche Achter von der Platzierung her dicht dran an der Erfüllung des olympischen Traums – jedoch betrug der Rückstand rund sieben Sekunden. Der Zweier und Vierer scheiterten derweil deutlich. Damit wird Deutschland erstmalig, seitdem die Ruder-Damen 1976 ins Programm der Sommerspiele aufgenommen wurden, nicht im Frauen-Riemen-Bereich vertreten sein. Ein Dämpfer für den 2018 berufenen Bundesstützpunkt in Potsdam, der für diese Disziplingruppe federführend ist. DRV-Präsident Siegfried Kaidel betonte jedoch, dass gerade solch jung besetzten Boote eine gute Perspektive hinsichtlich Paris 2024 aufgezeigt hätten.


Erwartungsdruck für Schultze und Gruhne

Woldt sieht ebenso einen „guten Grundstein“ für den nächsten Zyklus gelegt. Aber auch auf den Abschluss des aktuellen, um ein Jahr verlängerten Zyklus blickt er optimistisch. Zwar seien nur sieben Boote qualifiziert, sagt der Sportdirektor, aber diese haben seiner Meinung nach ein „hohes qualitatives Niveau“.

Zur halbierten DRV-Flotte gehören in Daniela Schultze und Hans Gruhne auch zwei Aktive des RC Potsdam. Sie sitzen in den Doppelvierern, was mit großem Erwartungsdruck verbunden ist: Bei den Frauen brachte Deutschland in dieser Klasse immer Olympia-Edelmetall an Land, die Männer schafften es neunmal in den bisher elf Austragungen.